Seite auswählen

Der diesjährige Themenschwerpunkt beim Lichter Filmfest war das liebe Geld.

Und wohl kaum eine andere Stadt steht dafür so repräsentativ wie Frankfurt am Main. Dass ausgerechnet während des Festivals das neue Gebäude der Europäischen Zentralbank unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber mit der ganzen Aufmerksamkeit der Polizei unter spektakulärem Dauerbrummen der Helikopter über der Stadt eröffnet hat, war wohl gutes Timing und gute Planung gleichermaßen. Bei der diesjährigen Filmauswahl konnte man die wirren und oftmals undurchsichtigen Verquickungen des Geldes mit der Politik in vielen Bereichen betrachten. So zum Beispiel FRITZ BAUER – EIN TOD AUF RATEN von Ilona Zioks, die in ihrem Film Spekulationen um Fritz Bauers Tod anstellt. Geld war immer eine gute Basis für Politik und Macht und umgekehrt. Gleichzeitig gilt, wer an der Macht rüttelt, bedroht den Wohlstand. Fritz Bauer war auch in dieser Hinsicht unbequem und hätte sicherlich eine gute Zielscheibe abgegeben, aber ob er zu einer wurde – bleibt im luftleeren Raum stehen. Auch bei Tsai Ming–liangs STRAY DOGS ist es eindeutig: nur Geld verhilft zu einem menschenwürdigen Leben, sonst bleiben nur die Reste des Überflusses der anderen. In TRISTIA – EINE SCHWARZMEERODYSSEE begibt sich Stanislaw Mucha auf eine Reise um das Schwarze Meer, dessen Anrainerstaaten sich alle Hoffnung auf ein Stückchen des Kuchens der Europäischen Union machen. Dass es unter anderem dieses Geld ist, das die politische Stabilität untergräbt, ist nur ein Teil der Odyssee Muchas. Geld ist mit Hoffnungen auf ein besseres Leben verbunden und steht damit aber möglicherweise dem Frieden mit den Nachbarn im Weg – also lieber Geld oder Frieden? Klar ist, Geld beherrscht das Leben bis in die intimsten und persönlichsten Momente. Eine Quintessenz des Festivals in drei Filmen ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Der Strafverfolger

Historische Fakten und spekulative Geschichte: FRITZ BAUER – TOD AUF RATEN

"Fritz Bauer – Tod auf Raten" © CV Films / R.: Ilona Ziok

„Fritz Bauer – Tod auf Raten“ © CV Films / R.: Ilona Ziok

Am 1. Juli 1968 wird Generalstaatsanwalt Fritz Bauer tot in seiner Badewanne aufgefunden. Seitdem geben die Umstände seines Todes immer wieder Anlass zu neuen Spekulationen. So auch in Ilona Zioks Dokumentarfilm über den Initiator der Auschwitz–Prozesse von Frankfurt in den Jahren 1963–65. Als Generalstaatsanwalt war Fritz Bauer einer der Protagonisten, der sich in der Nachkriegszeit um den moralischen Aufbau der Bundesrepublik Deutschland und die Strafverfolgung der Täter des Dritten Reiches verdient gemacht hat und maßgeblich daran beteiligt war, die Strukturen, die die Nazis in den öffentlichen Ämtern hinterlassen hatten und fortführten, zu durchbrechen. Dass er auf Widerstände stoßen und Zeit seines Lebens Morddrohungen bekommen sollte, überrascht nicht.

In dem Film kommen Zeitgenossen Bauers, Freunde und Mitarbeiter zu Wort. Es gibt umfangreiches Originalfilm- und Tonmaterial von Prozessen sowie auch aus anderen Dokumentationen. Außerdem werden Ausschnitte aus der Sendung von der HR-Talkshow «Heute Abend Keller Klub», in der Fritz Bauer 1964 zu Gast war, gezeigt.

So gibt es nun einerseits das, was man Fakten nennen würde, und andererseits das, was man den offeneren Teil nennen könnte – eine Art Porträt Fritz Bauers. Zusammengesetzt wird daraus eine Dokumentation, deren Fazit ist, dass Bauer sein Lebenswerk bzw. dessen Un–Vollendung und Scheitern in mancher Hinsicht Schritt für Schritt das Leben gekostet hätten. Ein Tod auf Raten eben. Ist diese Spekulation, dass ihn seine unermüdliche Arbeit an der Aufklärung der Nazi-Verbrechen, das Leben gekostet hat, eine Mordspekulation? Und wenn es allerdings nicht um Mordspekulation geht, warum wird diese Spekulation, dass ihn jemand (oder viele) auf dem Gewissen hat, trotzdem durch möglicherweise ungenaue Aufklärung seiner Zeit befeuert? Das lässt der Film im Unklaren.

Seit der Berlinale 2010 ist Ilona Zioks Film umstritten. Der irreführende Titel spekuliert sozusagen mit der Spekulation um seinen Tod und wählt gewissermaßen wieder die Spekulation. Um die Person Fritz Bauer wird nicht nur in dem Zusammenhang mit Zioks Film viel debattiert. Es gibt in der jüngsten Vergangenheit immer wieder viele Stimmen, die sich mit seiner Person auseinandersetzen, die u.a. seine Verdienste schmälern wollen und seine Ambitionen retrospektiv in Frage stellen. Darum ist es umso wichtiger, dass ein Dokumentarfilm sich akribisch an historische Fakten hält. Zu groß ist die Gefahr der Manipulation und Relativierung der Geschichte.

Zioks Film hätte ein eindrucksvolles Porträt über die komplexe Person Fritz Bauer werden können. Auch dessen Wirken als Erneuerer der Strafvollzugs in der Nachkriegszeit war ein massiver Baustein seines Lebenswerks, als KZ– Überlebender mit einem ungebrochenen Glauben an den Humanismus war er ein Vorbild.

Doch zu leichtfertig stellt Ilona Ziok eine fast banale Spekulation in den Raum, die der Bedeutung des Wirkens Fritz Bauers nicht gerecht wird.

Urbane Räume

STRAY DOGS von Tsai Ming-liang

"Stray Dogs" © Homegreen Films / R.: Ming-liang Tsai

„Stray Dogs“ © Homegreen Films / R.: Ming-liang Tsai

Zwei schlafende Kinder, auf dem Bettrand sitzt eine Frau, die sich kämmt, das Atmen der Kinder – ein Geräusch, das uns im Film wieder begegnen wird. Wir sind in Taipei. Zwei Männer in dünnen Plastikmänteln stehen im strömenden Regen an einem windigen Verkehrsknotenpunkt als lebende Reklametafeln und preisen Luxuswohnungen an. Die Kamera bleibt statisch, zunächst können wir das eine Schild lesen, dann das andere. Am Bildrand warten Motorräder und Autos an der Ampel, um im nächsten Moment loszufahren. Der Wind wirkt stärker und man bekommt den Eindruck, als würden die Männer mit ihren Tafeln jeden Moment von den Böen umgerissen. Auch die Geräusche der fahrenden Autos und des prasselnden Regens werden uns den Film über begleiten und uns in Räumen verorten, an die Tsai Ming-liang uns in STRAY DOGS führt.

Die Geschichte ist möglicherweise diese: Einer der Männer (Kang-sheng Lee), der eine RekIametafel hält, ist der Vater der beiden Kinder. Die Frau und Mutter hat sie verlassen, die Kinder streunen herum wie Hunde, oft auch in einem Supermarkt. Sie leben in einem leerstehenden Gebäude und waschen sich in öffentlichen Toiletten. Sie sind obdachlos. Der Sohn verwaltet das Geld, damit der Vater es nicht vertrinkt. Eine der Supermarktmitarbeiterinnen, die mehrmals in Gestalt einer anderen Schauspielerin auftaucht, wird auf sie aufmerksam und scheint sie zu verfolgen. Sie ist diejenige, die auch die titelgebenden streunenden Hunde mit übriggebliebenen Lebensmitteln versorgt. Sie ist es auch, die sich später der Kinder, samt dem überforderten und zunehmend verzweifelnden Vater, annimmt.

In minimalistischen und gleichzeitig herausfordernden Bildern mit langen Einstellungen und kaum Dialog wird das Publikum sich selbst überlassen, seine Geschichte zu finden. Man findet sie in den Gesichtern der großartigen Schauspieler, die ihre Rolle selbst ausfüllen, ohne dass er ihnen große Anweisungen gibt. Der Raum, in denen sie sich bewegen, wird als ein fragmentarisch dargestellt, die Geräusche im Hintergrund geben Orientierung. Der grelle wohl organisierte Supermarkt, eine Zivilisationshochburg mit einlullender Musik, steht im Kontrast zu dem dunklen und höhlenartigen, verlassenen Gebäude, und doch liegen beide Räume direkt nebeneinander.

Zivilisation und Freiheit

Genau das ist das wiederkehrende Thema Tsai Ming-liangs: Menschen, die verzweifelt darum kämpfen, ihre Würde nicht zu verlieren, die in dem Boom der Industrialisierung abgehängt werden, deren Isolation in der Gesellschaft sich räumlich manifestiert – wer hat welchen Zugang zu welchen Räumen? Platz für die Sehnsucht ist nur noch beim Eintauchen in ein Wandrelief, das einen Ort in der Natur, einen Ort der Imagination, ein Symbol für Freiheit zeigt.

Manchmal ist die Enge der Innen- und Außenräume, in denen sich die Protagonisten bewegen und in denen sie eingeschlossen sind, kaum auszuhalten, denn es gibt kein Entfliehen. Und genau das macht die Stärke von STRAY DOGS aus. Tsai Ming-liang hatte diesen Film als seinen letzten angekündigt, und wenn wir auch jetzt wissen, dass er sich inzwischen revidiert hat, so ist er doch vielleicht aus einem nihilistischen und hoffnungslosen Moment entstanden – ist das das Ende der Geschichte? Wie geht es weiter? Es sind zwei weitere Filme im Entstehen.