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Generation P

Der osteuropäische Autorenfilm im allgemeinen und der russische Autorenfilm im besonderen ist seit dem Zusammenbruch des Ostblocks, also seit künstlerische Freiheit in den dortigen Staaten verwirklicht werden kann, häufig von zwei zentralen Merkmalen gekennzeichnet: Einer nach dem Kollaps des Kommunismus neu entfachten Spiritualität und einem niederschmetternden Pessimismus.

Eben dieser Pessimismus lässt sich grob gesehen in drei Teile gliedern: Die staatlichen Behörden sind inkompetent, desinteressiert und korrupt. Die weit verbreitete ökonomische Misere führt zu Kriminalität und Alkohol- oder Drogensucht. Und die menschliche Natur erweist sich als niederträchtig, feindselig und egoistisch.

Das hart erkämpfte Gut der Freiheit hat sich als trügerisch erwiesen: Nationalismus und Autoritarismus sind weit verbreitet, zivilgesellschaftliches Engagement gilt als unattraktiv, weil potenziell gefährlich, und an die Stelle der kommunistischen ist die konsumistische Ideologie getreten. Gerade die jungen Menschen, die einst in eine hoffnungsvolle Zeit des Umbruchs hinein geboren wurden, zeigen sich desillusioniert. Der russische Autor Wiktor Pelewin hat die jungen Erwachsenen des heutigen Russland deshalb in seinem gleichnamigen Roman als Generation P bezeichnet. Das P darin steht eigentlich für Pepsi, jene Cola-Sorte, die im Ostblock vor 20 Jahren als Synonym der Freiheit galt. Schaut man sich aber auf dem goEast-Festival 2012 eine Reihe aktueller russischer Filme an, kann man nicht anders als diesen Buchtitel so zu verstehen: Generation P(essimismus).

Generation P (Wiktor Ginzburg, 2011)

Wiktor Ginzburg zeigt sein, beziehungsweise Wiktor Pelewins Bild vom heutigen Russland dabei noch in satirischer Form, baut also immer wieder erleichternden Humor ein, um die Zustandsbeschreibung der Gesellschaft nicht zu bedrückend zu gestalten. Das schönste Beispiel dafür ist vielleicht ein Werbeplakat, das der halb mythologisch, halb esoterisch interessierte Babylen (Vladimir Epifantsev) für niemand anderes als Gott selbst entwirft. „Ein erstklassiger Gott für ein erstklassiges Volk“ steht darauf. Hier vermischt Ginzburg die Welt der Religion mit der Welt der Werbung, in welcher sich der bis dato in prekären Verhältnissen lebende Literaturwissenschaftler Babylen ebenso plötzlich wie zufällig wiederfindet.

Die politische Kritik des Films gipfelt nicht etwa darin, dass in Russland scheinbar nur Erfolg haben kann, wer zur über Leichen gehenden Mafia oder zur koksenden, Raubtier-kapitalistischen Manager-Elite gehört. Auch der hemmungslose, eindimensionale Materialismus, dem das neue Russland frönt, ist nicht der moralische Höhe- bzw. Tiefpunkt. Stattdessen findet sich dieser im Ersatz von Kommunismus und orthodoxem Christentum durch sinnentleerten Konsum und fiktionalisierte Medien-Berichterstattung über das politische Geschehen im Lande. Die Politik wird zur Simulation, die im TV-Studio produziert wird. Die Propaganda ist nicht verschwunden, sondern hat sich lediglich gewandelt: Statt politischen Ideen werden nun Produkte verkauft.

Die ganze Tiefe der GinzburgPelewin’schen Dialektik mag sich nur Russland-Experten erschließen. Doch die bildgewaltige, bisweilen surreale, ja halluzinatorische Inszenierung des Stoffes entwickelt einen solch starken Sog, dass auch Zuschauer, die nicht sofort die Unterschiede zwischen Putins und Jelzins Wirtschaftspolitik benennen können, in einen immersiven Strudel mitgerissen werden. An manchen Stellen mag die stilistische Extravaganz des Films etwas überhand nehmen und die Sinne überfordern – und doch ist es gerade dieses irrsinnige Tempo, das den poppig-postmodernen Metatext von Generation P  so faszinierend macht, selbst wenn man ihn nicht immer lesen kann.

Beduin

Beduin (Igor Voloshin, 2011)

In seinen ersten beiden Filmen – dem brillanten Nirvana (2008) und dem etwas zu sehr auf Exzess gebürsteten Ya (2009) – hatte auch Igor Voloshin eine surrealistische, extrem stilisierte Bildsprache entwickelt, die das Publikum wiederholt spaltete. Umso mehr überrascht es, dass er nun bei Beduin in beinahe sozialrealistischer Manier arbeitet. Aus der Provinz kommt die Mittdreißigerin Rita (Olga Simonova) nach St. Petersburg, das in Nirvana noch eine schillernde Unterwelt war und hier plötzlich zur grauen Betonwüste mutiert ist. Dort will sie als Leihmutter Geld verdienen, um die Behandlung ihrer schwer an Leukämie erkrankten Tochter Nastja (Serafima Migai) finanzieren zu können.

Die Menge an Unglück, die über die schmächtige Frau herein bricht, erinnert an jenen russischen Miserabilismus, wie es ihn auch bei dem von goEast 2012 portraitierten Ukrainer Sergej Loznitsa oder seinen russischen Kollegen Alexej Balabanow und Alexander Sokurow immer wieder gibt. Das zentrale Element in Ritas irdischem Martyrium ist Geld. Sie braucht Geld für die Medikamente ihrer Tochter, für die korrupten Ärzte und für einen deutschen Knochenmarkspender. Ihr wird Geld fälschlich versprochen, vorenthalten und geraubt. Ohne Geld funktioniert in jenem Russland, wie Voloshin es zeichnet, nichts, da die Menschen gierig, kalt und nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind. Mal werden sie vom Mangel, mal vom Überfluss an Geld verdorben. Und will doch mal jemand der verzweifelten Rita helfen, geht dies unweigerlich schief. Zum Pessimismus gesellt sich hier also noch ein hoffnungsloser Fatalismus hinzu.

Erst das etwas exotistisch eingefärbte Ende vermag die Protagonistin ein wenig mit ihrem Schicksal zu versöhnen. Indes ist es gerade das letzte Drittel, das dieses bis dahi
n so einfühlsame, empathische Portrait einer leidenden, aber kämpfenden Frau etwas ins Straucheln bringt. Ein ebenso plötzlicher wie willkürlicher Ortswechsel sticht wie ein Fremdkörper aus dem Korpus des Films hervor – das Gleiche gilt für den allzu abrupten Anflug von Hoffnung. Hier hätte die Konsistenz eines Kunstwerks Vorrang haben müssen vor dem Befinden des Publikums, das mit dem Ende getröstet werden soll. Dennoch bleibt Beduin ein insgesamt gelungenes Werk – vor allem, wenn man es im Kontext der bisherigen Filmographie Voloshins betrachtet.

Living

Living (Wasili Sigarew, 2012 – Originaltitel: Zhit)

Hatten in Generation P und Beduin jeweils einzelne Figuren die Launen des Schicksals ertragen müssen, so trifft es in Wasili Sigarews Living – dem stärksten Film dieser Troika – gleich mehrere Protagonisten. Über sie ergießt sich alles Unglück dieser Erde auf einmal. Zwei der Hauptfiguren von Living (nicht zu verwechseln mit Juri Bikows To Live von 2010, der im Original ebenfalls Zhit heißt) seien hier genannt: Galja (Olga Lapshina) verfällt nach dem Tod ihres Mannes dem Alkohol, bis der Staat ihr das Sorgerecht für die beiden Töchter entzieht. Als die zwei Mädchen nach langer Zeit wieder zu ihrer Mutter zurück kehren dürfen, sterben sie bei einem Verkehrsunfall. Die junge Grischka (stark: Jana Trojanowa) hat gerade geheiratet – auf der Rückfahrt von der Hochzeit wird ihr Mann Anton in einen Hinterhalt gelockt und wegen ein paar Rubel brutal erschlagen, woraufhin Grischka in eine Depression versinkt und einen Suizidversuch unternimmt.

Living ist ein bedrückender, ja erdrückender Film, der manchem Zuschauer so nah gehen dürfte, dass er das Weite sucht. Zu sehen, wie die Hinterbliebenen das Mysterium des Todes weder verstehen noch verarbeiten können, sondern die Toten als weiterhin anwesend imaginieren und so in einer irrealen Fantasiewelt vor sich hin leben, ist tieftraurig. Wenn die Kamera dann wieder eine objektive Perspektive einnimmt und Galjas Töchter sich als bloße Spielzeugpuppen erweisen, wird es herzzerreißend. Das Gleiche gilt für eine Szene, in der Grischka den Tatort, die Quelle ihres Traumas erneut aufsucht, physisch präsent und doch nicht wirklich anwesend ist und letztlich innerlich zerbricht.

Living interessiert sich nicht unmittelbar für den politischen Zustand Russlands. Indem er sich aber mit der spezifisch russischen conditio humana, die einerseits vom politischen System hervor gebracht wird und es andererseits selbst erzeugt, befasst, lässt sich doch eine indirekte Verbindung zum gesellschaftlichen Hintergrund finden. Die Menschen sind arm, geldgierig, verzweifelt und bösartig. Dreckiges Grau prägt daher die Mise-en-scène – im Schnee auf den Feldern, im über dem Boden wabernden Nebel und in den Himmel-verdeckenden Wolken. Sigarew verzichtet größtenteils auf Dialoge und lässt die schön komponierten Bilder für sich sprechen oder unterlegt sie mit kontemplativen Gitarrenriffs. Das unendliche Leid der Figuren zeigt er dabei gänzlich undramatisch und reduziert – denn es ist so, wie Grischka einmal feststellt: Für einen Menschen mag gerade die Welt zusammen gebrochen sein – und doch dreht sie sich unerbittlich weiter. Die Umwelt und das Umfeld zeigen sich indifferent. Living ist ein zweistündiges Bad im tiefsten Schlamm des Elends – ein Film, den man gesehen haben muss und doch nie wieder sehen möchte.

Hier finden Sie unsere gesamte Berichterstattung vom goEast 2012.

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