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Geschmack ist nie nur eine Frage des Geschmacks

von | Sep 12, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Favoriten, Urteile, Preisspekulationen und W・sche; Venedig-Blog, 10.Folge

 

„Its not what you do, but when and where? If nobody sees it, it did not happen.“

Jimmy ‚Whitey‘ Bulger in „Black Mass“

 

„Its against protocoll“ – „Fuck protocoll!“

John Connolly, FBI in „Black Mass“

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Fragt man mich nach meinen Wünschen, dann wünsche ich mir, dass die drei Hauptpreise an Skolimowskis 11 MINUTES gehen, an ABLUKA von Emin Alper und an EL CLAN von Pablo Trapero. In beliebiger Verteilung. Aber mich fragt ja keiner. Jurys darf man erfahrungsgemäß nicht trauen, und die Tatsache, dass diesmal besonders viele Regisseure drinsitzen, garantiert auch nichts. Ein Goldener Löwe wird fast immer ein Kompromiss sein. Ansonsten zählen soziale Kompetenz und Sprachkenntnisse in einer Jury mehr als Geschmack – das hat mir mal die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel verraten, die selber hier in Venedig einst in der Hauptjury saß.

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Schlechter oder durchschnittlicher Geschmack kann durchaus ein besserer Indikator dafür sein, was sich am Ende durchsetzt, als guter Geschmack. Ich kenne zum Beispiel zwei Kollegen, einen davon schätze ich, den anderen gar nicht, die haben beide aus meiner Sicht einen sehr eingeschränkten Geschmackshorizont. Ihre Texte liest man kaum mit Gewinn, wenn es um Filme geht, aber mit großem Gewinn, wenn man verstehen möchte, was Hinz und Kunz so denken, und warum ein bestimmter Film gut ankommt, oder gar nicht.

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Nehmen wir daher mal die Seite des internationalen Kritikerverbandes „FIPRESCI„. Da findet man total versteckt und daher unter Ausschluss der Öffentlichkeit auch die Tabelle mit Bewertungen verschiedener mehr oder weniger geschätzter Kollegen. Da führen dann kaum überraschend die Filme von Sokourov, Gitai und Anderson. Überhaupt nicht überraschend vergibt ein Berliner Filmredakteur da aber für Sukourov die schlechteste Punktzahl. Daraus kann man dann die Vermutung ziehen, dass der Mann leer ausgeht.

Ich habe auch mitabgestimmt und liege gar nicht überraschend quer zum Rest der Deutschen.

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Weil man die Seite außer auf Twitter nur schwer findet und nur mit der Lupe lesen kann, hier der Einfachheit halber meine Wertungen aller 39 Filme, die ich bis jetzt geguckt habe, inklusive Klassiker und zweier Kurzfilme, noch mal etwas klarer und feiner aufgeschüsselt:

MATE-ME POR FAVOR 9.0
THE CHILDHOOD OF A LEADER 9.0
11 MINUTES 9.0
DI PALMA 9.0
EL CLAN 8.5
FRANCOFONIA 8.5
THE BOYS OF FENGKUEI 8.5
SALO 8.5
OTHELLO 8.5
ABLUKA / FRENZY / FOLLIA 8.0
LES 3 BOUTONS 8.0
DE DJESS 7.5
NEON BULL 7.5
BEHEMOTH 7.0
APENAS UN DELINCUENTE 7.0
SPOTLIGHT 7.0
THE HEART OF A DOG 7.0
IN JACKSON HEIGHTS 7.0
BLACK MASS 7.0
L’HERMINE 7.0
WEDNESDAY 8 MAY 6.5
UN MONSTRUO DE MIL CABEZAS 6.5
LOLO 6.5
RABIN THE LAST DAY 6.0
KRIEGEN 6.0
EVEREST 3D 5.5
ZONDA, FOLCLORE ARGENTINO 5.0
INNOCENCE OF MEMOIRES 4.5
VIVA INGRID! 4.5
MOTHERLAND 4.5
LA MEMORIA DEL AGUA 4.0
THE MERCHANT OF VENICE 4.0
THE EVENT 3.5
REMEMBER 3.0
BEASTS OF TWO NATIONS 3.0
THE DANISH GIRL 3.0
EQUALS 2.0
KLEZMER 1.0
DESDE ALLÁ 1.0

Über viele dieser Filme muss ich hier noch berichten. Man sehen, was die Preise bringen, und was in den nächsten Tagen noch zu schaffen ist.

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CIAK (sprich: „Tschack!“) heißt in Venedig das tägliche Festivalmagazin, das kostenlos ausliegt. Der größte Teil der Texte ist Italienisch, den kann ich also eher vermuten, der Rest ist auf Englisch. Gar keine Sprachkenntnisse braucht man für die Sternchen, die dort weitere Kollegen für die Filme vergeben. Es gibt gleich drei Tabellen: Für internationale Kritiker, für italienische Kollegen, und fürs Publikum. Aus Deutschland dabei sind FAZ-Redakteurin Verena Lueken und Susan Vahabzadeh von der SZ.

Wenn man das dann mal in Ruhe durchguckt und vergleicht, gibt es paar interessante Beobachtungen: Alexander Sukourov ist sowieso seit jeher ein allgemeiner Kritikerliebling. Sein neuer Essayfilm FRANCOFONIA bekommt nun überall (und wie ich finde, sehr zu Recht) Topwertungen, und führt bei Italienern und Publikum deutlich. Bei den Internationalen steht er immer noch an zweiter Stelle – denn die beiden schlechtesten Wertungen, die ihn die Führung kosten bekommt FRANCOFONIA ausgerechnet von den beiden deutschen Kolleginnen.

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Woran liegt das? Mit irgendeiner Borniertheit gegenüber dem Thema – europäische Kunst trifft deutschen Faschismus – hat das in diesem Fall schon mal nichts zu tun. Eher schon vielleicht damit, dass Sukourov erklärter Putin-Freund ist?

Ein wenig vielleicht. Ich würde hier aber noch dreierlei anderes vermuten: Erstens eine gewisse geschmackliche Fan-Girl-Haltung gegenüber New York und den beiden – natürlich nicht schlechten, aber meiner Ansicht nach auch nicht richtig guten – New Yorker Hipster-Filmen von Charlie Kaufmann und Laurie Anderson unterstellen: Vahabzadeh gibt Kaufmanns ANOMALISA ihre Höchstwertung. Das hätte ich schon vorher gewettet.

Verena Lueken ist der Sukourov-Film offenbar zu unpolitisch – denn ihre Topfilme sind Amos Gitais RABIN, THE LAST DAYS (über den ich in Folge sechs geschrieben habe) und ABLUKA vom Türken Emin Alper. Das versöhnt mich etwas mit dem unverständlichen Abwatschen von Sukourov. Im Fall von Gitai würde ich nur erwidern: Der ist politisch extrem wichtig, aber filmisch schwach, zum Teil dilettantisch – wären da nicht die Archivaufnahmen.

In ihrem FAZ-Text vom 7.9. zu Sukourov fragte Lueken: „Worauf will er in seinem neuen Film hinaus, der hier weitläufig bewundert wird?“ Es scheint der Kollegin zu chaotisch, sowohl im Stilmischmasch, wie in den verschiedenen Themen des Films, die oft nur gestreift und den aufgeworfenen Fragen, die oft nicht beantwortet werden. Diese Offenheit finde ich ja gerade spannend. Mir sind hier und im Kino des letzten Jahrzehnts viele Filme zu geschlossen, zu klar, zu simpel, zu eindimensional. Ich glaube wir brauchen mehr Chaos und viel mehr stilistische Unreinheit, um Kino wieder spannend und ästhetisch fortschrittlich zu machen.

Sukourov gelingt längst nicht alles, aber doch genug. Vor allem versucht er viel, und erzählt Dutzende spannende Geschichten.

Allerdings hat Lueken mit anderem nur allzu recht: „Es gibt keinen einzigen Juden in diesem Film. Dafür später Dokumentaraufnahmen aus dem Hungerwinter in Leningrad, wo dann endlich auch mal von Toten die Rede ist, von einer Million Toten. Aber haben sie für die Kunst im Louvre mit ihren Leben bezahlt? Vom Film aus gesehen, ließe sich diese absurde Folgerung ziehen.

Die oben erwähnten Vorwürfe konnte man im Übrigen nicht nur auch Amos Gitai und Laurie Anderson, sondern natürlich auch Chris Marker machen. Wenn man dann demgegenüber dann Tom Hooper ungemein verlogenen, dazu aalglatten THE DANISH GIRL vorzieht, und als „mit großer Sorgfalt geschmackvoll ausgestattete Produktion“ und „zarter Zugang zu diesem Thema“ lobt, verstehe ich die Welt wirklich für einen Moment nicht mehr.

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Gefolgt wird FRANCOFONIA von Gitais RABIN, THE LAST DAYS. Gute Wertungen erhält auch die französische Justiz-Komödie L’HERMITE von Christian Vincent, einem der wenigen heiteren Filme im Wettbewerb.

Große Unterschiede gibt es dagegen bei Jerzey Skolimowski. Der wird von den Italienern gut gefunden, von den internationalen weniger, erst recht nicht von den beiden Deutschen, die hier ätzende Tiefstwertungen geben. Was sagt uns das nun? Entweder hat es in diesem Fall dann doch mit der Frauenfrage zu tun, damit, dass man „die alten Männer“ (auch Sukourov ist einer) satt hat. Obwohl Skolimowski innerlich der jüngste von allen ist, und man seinen Film 11 MINUTES, wenn man ihn schon nicht mag, auch gut und gern „kindisch“ nennen könnte.

Aber Barbara Hollander, die ich nicht kenne, und die für eine polnische Zeitung unterwegs ist, gibt dem Film die Höchstwertung. Vielleicht in diesem Fall, weil er Pole ist? Ist Geschmack am Ende doch national? Allemal ist Geschmack nicht immer nur eine Frage des Geschmacks.

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Wenn man mich nicht nach Wünschen, sondern nach Spekulationen fragt, dann spielt das alles keine Rolle. Ich glaube, es wird alles ganz anders kommen. Ich glaube, dass der Chinese BEHEMOTH einen Überraschungscoup landen wird. Einen der drei Hauptpreise. Ebenso Charlie Kaufmann. Schauspielpreise an den Hauptdarsteller des türkischen Films und die Hauptdarstellerin von NON ESSERE CATTIVO von Claudio Caligari. Nichts an Sukourov, nichts an Skolimowski, etwas an Gitai und an Trapero.

Mal sehen…

 

 

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