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Mit Wutbürger Kim Ki-duk in der Bar und das umzingelte Kino – Cannes-Blog, Folge 4.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr der diesjährige Cannes-Jahrgang von einigen ganz wenigen Leitmotiven dominiert ist. Es geht immer wieder um Kinder, und um deren Beziehungen zu Müttern, zu Vätern. Weiterhin ist dies das Sterben und der Tod. Was zuletzt immer deutlicher wird, ist, wie sehr einige Filme auch von Wiederauferstehung handeln. Beides findet man auch in Arirang, dem neuesten Film von Kim Ki Duk.

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Wer die Premieren der Sektion „Un Certain Regard“, neben dem Wettbewerb die zweite offizielle Reihe der Filmfestspiele, besucht, kann jeden Abend Zeuge eines ganz besonderen Spektakels werden: Da stellt nämlich Cannes-Leiter Thierry Fremaux alle Filme persönlich vor: Auf der Bühne vor der Leinwand, mit einer kurzen, gut einstudierten und sehr geistreichen Rede, auf Französisch, aber auch in englischer Simultanübersetzung und gegebenenfalls in allen anderen Sprachen. Er erzählt dann, was diesen und jenen Filmemacher auszeichnet, und warum Cannes keineswegs der Geburtsort des Kinos sei – das ist nämlich Lyon, wo Fremaux nebenbei auch noch das Institut Lumieres leitet.

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Das Kino sei „umzingelt von allen möglichen anderen Bildkünsten“, erklärte er dort am Freitagabend, um so wichtiger sei ein Kino des Widerstandes. So wie es etwa der koreanische Regisseur Kim Ki Duk praktiziere, dessen Film Fremaux nun ankündigte.
Nach acht Minuten von Kims neuem Film Arirang ging dann der erste raus, was zwar einerseits natürlich ein unwiderlegliches Zeichen für die große Widerstandskraft dieses Kinos ist, anderseits auch selbst wiederum eine Geste des Widerstandes.

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Es ist Winter. Es liegt Schnee. Man sieht Kim Ki Duk. Man sieht ihn bei sich zuhause. Dort haust er in einer offenbar schlecht geheizten Garage in einem dort aufgestellten Zelt. Man sieht ihn Reis kochen, Wasser abfüllen, Baggerfahren. Im Schnee. Im Zelt. Eine Katze versorgen, Eiswasser kochen, Holz hacken. Im Zelt steht ein Apple-Computer mit einem großen Bildschirm. Darauf sieht sich Kim Ki Dik Filme an. Seine eigenen Filme. Man sieht minutenlange Ausschnitte aus Frühling, Sommer…, etwa jene Passage, in der der junge Mönch einen Mühlstein, an den er per Seil angebunden wurde, einen Berg hochzieht.
Dabei redet Kim ununterbrochen. Genau gesagt: Er flucht und schimpft, ergießt eine einzige Philippika über seine Produzenten, die ihn verlassen haben, sagt er, die Freunde, die ihn, sagt er, nicht mehr kennen, die Welt – und über sich. Er sei ein Versager, ein Nichtsnutz, sagt er, er solle sich zusammenreißen, schreit er sich selbst und die Kamera an, und uns, das Publikum. Er filmt seine Preise, die Löwen, Leoparden, Bären, die mit vielem anderen in einem geschlossenen Raum stehen. Er filmt sich selbst, in vielen Momenten ist er dabei offensichtlich allein, er ist oft betrunken, unrasiert, ungewaschen, man glaubt, seinem Gesicht die Depression anzusehen.
Er singt und säuft: „this lamentable world…“, jammert: „There is something out there. But is it there for me?“, brüllt seine Wut heraus, seinen Selbsthass.

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Filmisch ist dies einer der interessantesten Filme Kims, weil er ehrlich ist. Wahrhaftigkeit ist ja auch eine ästhetische Kategorie. Mehr und mehr hatte man zuletzt bei seinen neuen Werken den Eindruck der Mache, der Verlogenheit. Manieriert wirkten sie schon immer, und seit seinem internationalen Durchbruch mit Frühling, Sommer… erschien mir alles – im Gegensatz zu seinen starken früheren Filmen The Isle und Address Unknown – wie Kunsthandwerk, gemacht fürs westliche Festivalpublikum und Festivaljuries.
Das Gefühl, das man als Zuschauer bei diesem Film hat, entspricht etwa dem, mit einem Volltrunkenen in einer Bar zu sitzen, der auf einen einredet, ohne eine Antwort zu erwarten, der einem erzählt, dass er früher mal berühmt war, dass seine ganzen Freunde und Bekannten Vollidioten seien, und er jetzt endlich den Sinn des Lebens begriffen habe.
Es sind die Gesten des Avantgarde-Films, die Kim wiederholt, und man darf ihm unterstellen, dass er sich dessen bewusst ist, wenn er sich selbst filmt, dabei gnadenlos der Kamera aussetzt, wenn er so einen Selbstzerfleischungs- und -entblößungsfilm dreht, wenn er eine Pistole baut, und man ihn sieht, wie er in einer Stadt nacheinander mehrere Bürogebäude und eine Bank betritt, man immer einen Schuss hört, und Kim dann wieder herauskommt, und sein nächstes Ziel anfährt. Wenn er schließlich die Pistole auf sich richtet, „Action!“ ruft und abdrückt. Das Bild ist schwarz.

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Nach Ende des Films stand er aber dann doch wieder auf der Bühne. Man kann das alles ungemein narzisstisch finden, Autorenkino als Exploitation, man kann darin einen endgültigen Abgesang Ki Duks sehen, einen Nachruf zu Lebzeiten (immerhin). Aber auch seine Wiederauferstehung als Regisseur.

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Denn die Szene, die er aus Frühling, Sommer… zeigt, spielt nicht zufällig im Winter. In dem der Film auch gedreht wurde. Nach dem Winter kommt der Frühling, der philosophische Zyklus beginnt aufs Neue – auch so ist dieser Film zu verstehen.
Übrigens ist dies ein Film, den man an allen Filmhochschulen unserer Welt zeigen sollte – die Fragen, die Kim sich selber stellt, sollte sich jeder angehende Filmemacher stellen. Und die Strenge der Selbstbefragung fordert heraus.

Hier finden sie alle Cannes-Texte.