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Ein Festival in den Flegeljahren vermochte Leiterin Gaby Babic goEast zu bezeichnen. Ein Alter in welchem sich ein Festival profiliert, einiges experimentiert, zu einer Identität findet und die bereits gefundene stärkt. Mit der neuen Leitung änderte sich bei goEast auch einiges in der Programmgestaltung, vor allem das Filmische betreffend. Ein Blick zurück auf die noch frisch im Gedächtnis gebliebenen Festivaltage darf nun diese Änderungen kommentieren.

Wie aus den Interviews und Artikel unserer Vorberichterstattung zu erahnen, hat sich in der Tat einiges im osteuropäischen Film verändert. Koproduktionen mit verstärktem pan-europäischen Charakter ersetzen die dramaturgisch offenen Werke Osteuropas, der Genrefilm feiert auch seine Wiederkehr in die Filmgesellschaft der teilnehmenden Länder, der Blick in die Vergangenheit wird zum Blick in die Zukunft. Denselben Weg geht auch das Festival unter der Leitung Gaby Babic.

Politik

Am Sichtbarsten auf den ersten Blick ist der neue Fokus auf Vielfalt und politischer Transgression durch die um Jan Svankmajer gestaltete Hommage gespiegelt, die einen gemischten Eindruck hinterlassen hat. Je nach Gemüt der Zuschauer wurden die Filme für Meisterwerke erklärt, ratlos bewundert oder als Beweis des Ausgangs aus der Aktualität und Eingangs in die Geschichte eines Auteurs betrachtet.

Die Krönung des Programms war in seinem politischen Mut das Symposium um die neue Rechte im osteuropäischen Kino. Soll oft der politische Wert eines Films im Vordergrund des künstlerischen bei der Zusammenstellung des Filmprogramms von Kuratorin Dr. Grit Lemke gestanden haben, so waren die Vorträge der Veranstaltung, leider kaum besucht, eine Parade gesellschaftlicher Relevanz und Mut in einem Land, in welchem das Thema nie Eingang in die Medien findet.

Obwohl das Symposium inzwischen vorbei war, erwies sich der Montag als einer der wichtigsten Festivaltage. In Zusammenarbeit mit dem Rumänischen Kulturinstitut Titu Maiorescu ließen die Veranstalter die vielen rumänischen Gäste aus der Filmindustrie an einem Roundtable eine Bestandsaufnahme des Status Quo ihrer Heimat geben. Ergänzt durch die Vorführung einer Serie von Kurzfilmen aus dem Nationalarchiv des Landes, vage um das Thema Humor gruppiert, wurde das Programm mit der Vorführung des Langfilmdebuts von Marian Crisan, Morgen, im Rahmen des Wettbewerbs abgerundet.

Die filmisch weniger relevanteren, aber aus Perspektive der Filmproduktion gesehen, wichtigsten Veranstaltungen, wie der Project Market um den Ko-Produktionspreis der Robert Bosch Stiftung und der Hochschulwettbewerb, weisen goEast als ein etabliertes Festival aus. Die teilnehmenden Filmeschaffenden sind in ihrem Auftreten als große Familie ein Beweis dafür, dass diese Veranstaltungen immer wichtigere Kontaktplattformen für die Filmemacher von morgen werden.

Vielfalt, Preise, Wettbewerb

Ging es bisher um die politische Relevanz des Festivals, so darf nun ein Blick auf die gesehenen Filme, die Wendungen im Festivalprogramm, -image und Erwartungen auf die nächsten Jahre konturieren.

Als eine etwas merkwürdige Sektion entpuppt sich jene, der sogenannten Highlights, welche Filme vorstellt, die im Land ihrer Entstehung bereits als Kinoerfolge gelten. Entsprechend durfte ein rumänischer Beitrag in dieser Programmsektion als ein Zeichen der Überwindung der stilistischen und filmindustriellen Krise im Land gesehen werden. Hello! How are you? erwies sich jedoch einen Tag danach, in einem Gespräch mit dem Regisseur Alexandru Maftei eben nicht als „Highlight“. Mit knapp zehntausend Besuchern in den rumänischen Kinos ist er doch nur ein publikumsaffiner Film, der, neben der Aussichtslosigkeit der Entwicklung einer Filmindustrie in Rumänien, schlicht auf die Notwendigkeit einer Umbenennung der Sparte in Mainstream verweist. Neben dem bereits auf der Berlinale vorgeführte Publikumstreffer Nesvatbov beeindruckte in dieser Kategorie der russische Film Sperling und verwies eigentlich auf seine Zugehörigkeit zur ehemaligen Sektion Signatur, der ehemalige Ort für ausgeprägte Autorenfilme. Er ist nur einer aus einer ganzen Reihe von Filmen, die auf die sogenannte Vielfalt der Programmsektionen als nicht immer geglückte Umverteilung der Signatur-Kandidaten auf alle anderen Programmsektionen aufmerksam machen.

Kommen wir zur wichtigsten Sektion des Festivals, dieses Jahr zugleich eine auffällige Schwachstelle der Veranstaltung. Konkurrieren durften in zwei Untersektionen, Spiel- und Dokumentarfilm, zehn beziehungsweise sechs Filme. Die Organisation eines Festivals ist natürlich nicht nur mit Leidenschaft für solche Filme verbunden, die, sich abseits des Mainstreams befindend, keinen Zuspruch bei der breiten Masse von Zuschauern finden, sondern auch mit finanzieller Organisation. Ein Festival wie goEast ist ohne finanzielle Drittmittel nicht durchführbar. Leider ist dieser Aspekt für den Großteil der bei goEast verliehenen Preise ein definitorischer Aspekt. Entsprechend wurde in der Kategorie Dokumentarfilm der Hauptpreis unter Achtung der Prinzipien der stiftenden Organisation verliehen, sodass der beste Dokumentarfilm des Festivals nicht im absoluten Modus zu sehen war, sondern als Musterbeispiel der Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Im Kontext des Selbstbewusstseins eines Festivals ist dies ein trauriger Aspekt, welcher der Idee eines Wettbewerbs genauso wenig Ehre macht, wie die auf Fördermittel zugeschnittenen deutschen Produktionen die hiesige Kinolandschaft bereichern. Entsprechend kompromissfreudig angesichts seiner über „künstlerische Originalität, die kulturelle Vielfalt schafft“ beschriebenen Funktion wurde der zweite Preis der Sektion zur inoffiziellen Auszeichnung des Hauptgewinners. Die lobende Erwähnung als dritte Auszeichnung war somit nur noch ein Zeitfüller in der ohnehin ratlos moderierten Preisverleihung.

Eine große Ratlosigkeit eint die Filme im Spielfilmwettbewerb. Eine in den letzten zehn Jahren als Ort der Konkurrenz des mittel- und osteuropäischen Autorenfilms institutionalisierter Sektion wurde im Zeichen der Vielfalt gesprengt. Festivalintern verweist diese Sprengung auf die bereits erwähnte Notwendigkeit der Veranstalter, die meist hervorragenden Filme der Kategorie Signatur über die übrig gebliebenen Programmsparten zu verstreuen,
wie es Cristi Puius Aurora beweist, doch ohne dass dieser im Rahmen des Wettbewerbs wirklich wahrgenommen wird. Es handelt sich hierbei um den mit Abstand stärksten Film des Festivals, um, wie die rumänische Schauspielerin und goEast Jurorin Anamaria Marinca verkünden musste, einen Film in welchem Inhalt und Form, gemeinsam mit der Filmphilosophie eines großen Filmemachers zu einer Einigkeit finden, die seinesgleichen sucht. Um einen kompromisslosen Film und, ich würde hinzufügen, um einen Film, der spätestens durch die Filmgeschichte die verdiente Anerkennung finden wird, um einen puren Festivalfilm, der sich weit über den Qualitätsmaßstäben des Wettbewerbs dieses Jahres befindet. Entsprechend die Reaktion der Produzentin Anca Puiu, welche die lobende Erwähnung vor dem Publikum der Preisverleihung aufmerksam las, um die Entscheidung zu überprüfen. So sehr Aurora kein Film für die breite Masse ist, distanziert sich goEast von dem Wesen eines Festivals und nähert sich eben dieser Masse in die Zusammensetzung des Wettbewerbsprogramms. Neben solider Beiträge wie Morgen, wie Kinder des grünen Drachen oder wie Siberien, Monamour musste sich der Besucher Beiträgen wie dem polnischen Wiegenlied ausgesetzt sehen, einem Film, der seine künstlerischen Einfallslosigkeit nie auf einer solchen Plattform hätte zeigen sollen. Gewinner dabei wurde ein Kuriosum, „ein schmaler Grat zwischen skurril und dämlich“, wie Christian Alt in seiner Kritik schreibt. Die Fassungslosigkeit nach der Bekundung dieser Entscheidung wurde nur von der Verleihung des FIPRESCI Preises an den gleichen Film übertroffen.

Alles in allem sorgen nach sieben Tagen Festival nur vereinzelte Filme für eine wohlwollende Erinnerung. goEast überzeugt viel mehr durch das politische Bewusstsein, durch die Bemühungen um die Nachwuchsförderung und durch einen technisch reibungslosen Ablauf. Das Festival bleibt hinzu ein wichtiger Treffpunkt der mittel- und osteuropäischen Filmbranche. Allein die Vertreter der deutschen Filmwirtschaft fehlen und mit ihnen einige dieser Filme in den deutschen Kinos.