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Die diesjährige Hommage des goEast Festivals präsentiert Werke des tschechischen Surrealisten Jan Švankmajer. Da passt es nur allzu gut, dass ein weiterer Film sich indirekt mit dessen Werk auseinandersetzt. David Jařab, genau wie Švankmajer Tscheche, zeigt mit Head – Hands – Heart eine surreale Groteske rund um die okkultistische Bewegung vor dem ersten Weltkrieg.

Ein okkultes Ritual endet für den Oberst der K.u.K-Monarchie von Haukwitz (Jirí Schmitzer) mit dem Erstickungstod. Als dann noch sein Arm, sein Herz und sein Kopf von seinem Körper entfernt werden, haben die Ermittler keine Erklärung hierfür. Bis sich herausstellt, dass der Oberst Teil eines okkulten Zirkels war, der mit den Körperteilen die Grundlage für eine neue Weltordnung nach dem ersten Weltkrieg schaffen will. Klara (Viktorie Cermáková), die Verlobte des Obersts, wird indes von zwei Männern auf ihrem Landhaus umgarnt: Leutnant Heinrich Roth (Roman Zach) und Ermittler Karel Vrana (Martin Finger). Während der Erste Teil des Zirkels ist, versucht der Andere die vermissten Körperteile zu finden. Denn von Haukwitz ist lebendiger, als es zunächst den Anschein hat.

David Jařab setzt sich auf humoristische Art mit der Okkultismus-Bewegung auseinander, die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebte. Für die Okkultisten im Film ist der erste Weltkrieg nicht nur eine verheißungsvolle Katharsis, sondern eben auch eine energetische Erneuerung der Welt. In Zeiten von großer Rationalität bietet der Okkultismus eine Fluchtmöglichkeit vor den Anforderungen und Schwierigkeiten der Welt – einen Eskapismus, den man auch anhand des derzeitigen Interesses für Fantastik leicht nachweisen kann. Dieses Aufeinanderstoßen von Kult und Moderne kleidet Jařab in surreale Bildwelten, die jederzeit seinen spielerischen Umgang mit der Thematik widerspiegeln. Vrana und Roth sind hier die beiden Extreme, die die Handlung umfasst. In ihnen personifiziert sich Rationalität auf der einen und Okkultismus auf der anderen Seite.

Doch erst spät stellt sich heraus, dass dieser Widerstreit eben nicht das Zentrum des Films bezeichnet. Head – Hands – Heart ist vielmehr ein Film über die männliche Potenz und die Erschaffung von neuem Leben, sei es eine neue Weltordnung oder „nur“ ein Kind. Gerade Roth, dessen Hand an der Front amputiert werden musste, fürchtet um seine Männlichkeit. In seinen Szenen ist jedes Detail sexuell aufgeladen – von seiner Hahnenzucht bishin zu einem Gespräch mit seiner Hand, die leicht als chiffrierter Penis identifiziert werden kann. Die Libido lauert überall. Durch diese im Subtext vorhandene Bedeutung gelingt es Jařab einen Film über männliche Machtkonstruktionen zu drehen, ohne diese wirklich explizit zu zeigen.

Allerdings kommt bei all der Symbolik die Dramaturgie etwas zu kurz. Die beiden Handlungsstränge sind etwas lieblos miteinander verbunden, gerade in der ersten Filmhälfte fällt Jařab, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, die Fokussierung auf das Essentielle schwer. Auch der zu Beginn beschworene, surreale Witz kommt leider zu kurz. So dauert es seine Zeit bis der Film wirklich an Fahrt aufnimmt. Bis das passiert, kann man sich allerdings mit wunderschönen Bildern trösten, die die in 4K gefilmte Groteske darbietet. Gemeinsam mit Kamermann Marek Jicha entstehen so Bildwelten, die anhand ihrer beeindruckenden Schärfe den Eindruck des Hyperrealen erwecken. Die im Jahr 1914 angesiedelte Geschichte wirkt so nah und fern zugleich. Head – Hands – Heart erreicht so eine Produktionsqualität, die für eine Fernsehproduktion überhaupt nicht alltäglich ist.

Es sind dann leider doch Kleinigkeiten, die verhindern, dass Head – Hands – Heart zu dem großen Film wird, der er sein könnte. Zu unfokussiert kommt der Plot zu Beginn daher und auch der Witz bleibt an vielen Stellen aus. Dennoch ist er bei näherer Betrachtung eine bemerkenswert originelle Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Okkultismus, wie es sie bislang noch nicht so gegeben hat.

goEast-Spielzeiten:
Montag, 11. April um 16:00 Uhr im Alpha, Wiesbaden
Montag, 11. April um 20:30 Uhr im Cinestar Metropolis, Frankfurt

Head – Hands – Heart / Hlava ruce srdce
R:David Jařab
B: David Jařab
K: Marek Jicha
D: Viktorie Cermáková, Roman Zach, Martin Finger, Ivana Uhlírová
Tschechien 2010 110 Min.