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Ein Mann wird zum Soldat, indem er sich, freiwillig oder nicht, bei der Armee einschreibt. Danach ist er ein Bestandteil einer staatlichen Bürokratie, sein weiterer Werdegang wird fremdbestimmt und ist im besonderen Maße von der Lage in Politik und Gesellschaft seines Heimatlandes beeinflusst. Der Titel spielt aber daneben vor allem auf die Verletzlichkeit eines Soldaten ab. Ein solcher aus Papier ist eine Unmöglichkeit, doch auch einer aus Fleisch und Blut wird vom Feuer fast ebenso schnell verschluckt. Die Kosmonauten, die in der kasachischen Steppe zu Beginn der 1960er Jahre für den ersten Flug ins All trainiert werden, sind solche Papiersoldaten. Ihr Schicksal liegt nicht in ihren Händen, wird anderswo von Unbekannten auf Papier besiegelt. Unfälle und technische Schwierigkeiten prägen die Ausbildung, so dass einige Männer im Feuer verbrennen müssen. Diese jungen, von Angst, Zweifel und Gehorsamkeit bestimmten Soldaten stehen allerdings nicht im Mittelpunkt von Papiersoldat. Sie bleiben oft namenlos, was ihre Rolle im Räderwerk des Systems noch einmal betont. Gravitationszentrum innerhalb des Films ist der georgische Arzt Daniel Prokowsky(Merab Ninidze). In seiner Figur treffen sich alle Koordinatenachsen der verschiedenen Handlungsstränge, von ihm sind alle anderen Figuren abhängig, er bündelt alle Sichtweisen auf das Kosmonautenprogramm und die Lage der Nation im Allgemeinen. Er selbst ist dabei hin- und hergerissen zwischen den verschiedenen Personen und Kräften.

Der grundsätzliche Konflikt besteht zwischen seinen Hoffnungen, die er komplett auf den Allflug bezieht, und der Verantwortung, die er als Arzt und Freund für die jungen Männer trägt. Daneben aber existieren viele weitere Faktoren, die ihn in verschiedene Richtungen zerren. Seine selbstbewusste Ehefrau Nina (Chulpan Khamatova) möchte ein Kind und schwankt ständig zwischen Zuneigung und Streitsucht. Die junge Vera hingegen, die in der kasachischen Steppe fernab von Moskau seine Geliebte wurde, betet ihn an und folgt ihm überall hin. Auch Anja, die mit ihm zusammenarbeitet, ist verliebt in ihn. Außer den Liebesgeschichten bedrückt Daniel der Vergleich mit seinem bekannten Vater, der ebenfalls ein Arzt war. Dazu gesellen sich die verschiedenen Ansichten seiner intellektuellen Freunde in Moskau. Die Männer, die er betreut, bereiten sich darauf vor, die Gravitation der Erde zu überwinden, schwerelos zu werden, die Welt mit all ihren Bedingungen für einen kurzen Moment zu verlassen, aber auch wieder sicher zu landen. Eine ähnliche Befreiung von allen widersprüchlichen Kräften scheint sich auch Daniel zu wünschen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine simple Ausbruchsphantasie. Vielmehr hofft er darauf, dass die Welt, in die der ausgewählte Kosmonaut zurückkehren wird, eine ganz andere sein wird als jene, die er verließ.

Durch die kurze Befreiung von der menschheitsbestimmenden Gravitation, das Betreten dieses vollkommen neuen, schwerelosen Raums, und somit durch den Beweis, dass der Mensch zu einer solchen Freiheit überhaupt fähig ist, ersehnt sich Daniel eine radikale Veränderung der Welt. Was so niedergeschrieben gegebenenfalls etwas simpel oder einfältig klingt, erhält, durch die innerhalb des Films erschaffene Welt und ihre Stimmung, tiefere politische, geschichtliche und philosophische Bedeutung.

Die Welt wird als Einöde präsentiert. Egal ob es sich um die Gegend in der Nähe von Moskau, wo Daniel und Nina ihre Freunde treffen, oder um die Steppe handelt – immer sind die Himmel grau und nebelig, der Boden gefroren oder matschig, es gibt nur vereinzelte baufällige Gebäude. Die Augen, vor allem auch die der Zuschauer, finden hier keinen Anhaltspunkt, es gibt nichts, was als Koordinatenpunkt dienen könnte, Aufmerksamkeit erzeugt höchstens das deplatziert wirkende Kamel in der sowjetischen Wüste. Die Menschen sind in diese Welt „hineingestellt“, auch sie sind irgendwie fehl am Platz. Doch im Zentrum von all dem ist immer Daniel. Die Kamera betont die Orientierungslosigkeit, sucht doch immer die Nähe des Hauptcharakters, indem sie wenig Panoramen zeigt. Vielmehr wird der Film bestimmt von Nah- und Großaufnahmen, zudem ist die Kamera auch ständig in Bewegung, wandert von einem Gesicht zum anderen, folgt den Charakteren, wechselt dann zum nächsten, doch findet immer wieder zu Daniel zurück. Dabei werden die verschiedenen Dialoge mehr angerissen, Daniel ist oftmals in verschiedene gleichzeitig verstrickt, wird mit dem einen Nebencharakter in Verbindung gesetzt und durch den nächsten Schwenk mit einem anderen. Der Film beinhaltet zwar, in einer Art Countdown, Zeitangaben der sechs Wochen, die bis zum Start der Rakete vergehen, doch auch eine zeitliche Orientierung wird verhindert. Was genau trainiert wird, wann Daniel bei Nina war, wie lange er eine Affäre mit Vera hatte, eine Einordnung in der Zeit und somit das Herstellen von klaren Beziehungen zwischen den einzelnen Ereignissen wird durch die bruchstückhafte und episodische Aneinanderreihung von Situationen nicht möglich gemacht. Neben den unwirtlichen Landschaften ist die Filmwelt von den Hinterlassenschaften des Stalinismus geprägt. In einer längeren Episode trennt sich Papiersoldat von der Figur Daniel und folgt Nina, die sich aufmacht um Daniel in Kasachstan zu besuchen und den Start der Rakete mitzuerleben. Dabei gerät sie in ein Gefangenenlager, das gerade von einer Gruppe Soldaten geschlossen, heißt ausradiert, wird. Das auf Grund seines plötzlichen Auftauchens und seiner Existenz in einer endlosen Einöde irreal wirkende Lager geht in Flammen auf. Zurück bleiben die Hunde, um die sich die Soldaten Sorgen machen, aber auch die inhaftierten und traumatisierten Frauen, die nun auch in die Weite der Steppe entlassen werden, für deren Schicksal sich jedoch offenbar niemand interessiert. Sie sind Ballast der alten Zeit, der möglichst schnell vergessen werden soll. Ironisch spiegelt sich dies in dem Versuch eines Mannes, am Bahnhof in der Steppe ein Stalinporträt zu verkaufen, das aber niemand haben möchte, wider. Eben jene Vergangenheit hofft Daniel durch den Anbruch einer neuen Zeit abschütteln zu können, seine wie auch Ninas Eltern waren Gefangene in solchen Lagern.

In seinen Hoffnungen wird das gespiegelt, was das russische Volk zu Beginn der 1960er beflügelte. Besonders die Intelligenz des Landes träumte, nach dem Abschütteln des durch Stalin verursachten Traumas, von der Einrichtung einer solchen Ordnung wie sie den Idealisten der kommunistischen Gesellschaft immer vorschwebte. Dass der erste bemannte Allflug keine Wende brachte und auch sonst all diese Träume nicht in Erfüllung gingen, zeigt das Ende des Films, doch eigentlich nahm seine hoffnungslose Stimmung dies von Anfang an vorweg.

Regisseur Alexey German Jr. verheimlicht seine Vorbilder nicht. Der Hauptcharakter und die Steppe rufen Assoziationen an Tarkowski hervor. Aber auch viel von Fellini, einem pessimistischen 8 ½ und auch etwas eines düsteren Amarcord findet sich darin. Papiersoldat gewann in Venedig den Preis für die beste Regie, was allerdings
von vielen eher kritisiert wurde. Der Film präsentiert sich jedoch als Werk mit einer sehr eigenständigen, selbstbewussten Handschrift und ist auch auf Grund seiner Unbequemlichkeit äußerst sehenswert. In den Rahmen des goEast Festivals wurde er von der ehemaligen künstlerischen Leiterin Swetlana Sikora als ihr persönlicher Wunschfilm aufgenommen.
Für die Möglichkeit, diesen Film auf einer deutschen Leinwand zu sehen, kann man nur dankbar sein.

Papiersoldat – Pressespiegel auf film-zeit.de

Papiersoldat / Paper Soldiert / Bumazhnyy soldat
R: Alexey German Jr.
B: Alexey German Jr., Vladimir Arkusha
K: Alisher Khamidhodjaev, Maxim Drozdov
D: Merab Ninidze, Chulpan Khamatova, Anastasya Shevereleva
Russland 2008, 118 Min.
Elle Driver