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Sascha ist 19, ohne Arbeit, wohnt bei den Eltern und ist zweiter Mann einer örtlichen Skinheadgruppe. Dieser steht ein Lehrer und Veteran vor, der die Intelligenz der Gruppe darstellt, Sascha hingegen befehligt die Kämpfer. Ihre Gewalt richtet sich gegen sämtliche Immigranten in Russland, aber auch gegen Juden. Den Alltag bestreiten sie durch körperliches Training, Parolendreschen, Trinken, Musikhören und die ein oder andere brutale Schlägerei.

Bei Russland 88 handelt es sich um eine Mockumentary. Die Skinheads werden von Eduard, von allen aufgrund seines jüdischen Vaters nur Abraham genannt, mit einer Videokamera begleitet. Diese gewählte filmische Herangehensweise ist Stärke des Films. Einerseits wird dem Gezeigten durch die Form der Anschein von besonderem Wahrheitsgehalt verliehen. Offenbar sind auch alle der zitierten nationalistischen Liedtexte und Sprüche, die Kleidung, einige Interviewszenen mit Passanten, die Fakten der gezeigten Gewaltakte authentisch. Die präsentierte Gewalt ist wohl auch das, was eine Dokumentation im eigentlichen Sinne unmöglich macht. Hier findet sich wohl der Gedanke, dass alleinige Darstellung der Fakten nicht den gleichen Effekt auf den Zuschauer hat, wie wenn die Brutalität wirklich zu sehen ist. Weitaus interessanter ist auf der anderen Seite allerdings die Mockumentary durch die enthaltene vielschichtige Thematisierung der medialen Präsentation der Neonazis, ihre Selbstinszenierung und die Rolle der Medien beim Erstarken der Neuen Rechten. Ganz klar spiegelt der Film die enorme Wichtigkeit, die die Propaganda durch Medien, besonders durch den Film, für die alten sowie für die neuen Nazis besitzt. Doch wird die Selbstinszenierung, bei der die jungen Nazis unbeholfen versuchen, ikonische nationalsozialistische Bilder nachzuempfinden, wie sie vielfach aus alten Filmen wie Triumph des Willens oder aber neuen Darstellungen der Skinheads bekannt sind, permanent entlarvt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Da muss eine Begegnung zweier Skinheadpatrouillen so lange geübt werden, bis die Hitlergrüsse und „Sieg Heil“-Rufe synchron sind. Bei Triumph des Willens, bei dem es sich in gewisser Weise auch um eine Mockumentary handelt, sind derartige ungelungene Aufnahmen natürlich nicht enthalten. Oder Sascha wird während er breitbeinig und Sprüche klopfend auf die Kamera zuläuft von seiner Tante unterbrochen, mit der er in ein Gespräch über das Wohlergehen seiner Eltern verwickelt wird.

Am bemerkenswertesten ist jedoch der Aspekt, dass der Filmende Akteur im Geschehen ist. Zunächst gibt Abraham den Skinheads noch Hilfe wie sie ihre Parolen am besten für die Kamera vortragen und orientiert sich dabei natürlich auch an den bekannten Vorbildern. Doch immer stärker werden seine Bilder auch für die Skinheadgruppe zu wichtigen Informationsträgern, wodurch der Propagandacharakter immer mehr in den Hintergrund tritt. Die Kamera wird eingesetzt um den Markt, der überfallen werden soll, auszukundschaften. Dabei entdeckt Abraham Saschas Schwester zusammen mit ihrem ausländischen Freund, denunziert sie sofort, was zur Katastrophe führt. Bei dieser bleibt Abraham als einziger von Saschas Anhängern bis zum Schluss bei ihm, weshalb bleibt ungeklärt, aber auf jeden Fall auch, weil er den Film zu Ende bringen will. Russland 88 beinhaltet also auch eine harte Medienkritik. Abraham beobachtet alle möglichen Verbrechen, bleibt jedoch passiv, am Ende diktiert Sascha ihm den Film. Darüber hinaus, und wohl auch entscheidender für die Bedeutung des Films, wird der Zuschauer selbst involviert. Die Zuschauer sind Abraham, sind seine Kamera. Auch die Zuschauer werden nicht aktiv, wollen die Entwicklung bis zum Ende sehen und vermutlich auch genau bis zu diesem Ende. Bei den Aufnahmen des Marktes muss der Zuschauerblick automatisch nach für die Skinheads relevanten Informationen suchen. Somit sind alle, die den Film sehen, Mittäter. Wenn der Film auch in der Darstellung der Neonazis keine neuen oder besonderen Erkenntnisse bereithält, dies wahrscheinlich auch gar nicht beabsichtigt, dadurch allerdings an einigen Stellen zu stereotypisch wirken kann, macht ihn die perfekte Ausnutzung seiner besonderen filmischen Form bezüglich seiner Aussage zu einem Monument.

Das goEast Filmfestival zeigte Russland 88 im Rahmen des Symposiums zur Neuen Rechten in Osteuropa. Der Film wurde von höchster Stelle attackiert und einige Kremlmitglieder versuchten ihn verbieten zu lassen. Dennoch schaffte er es auf viele Festivals und ins Kino, wenn auch vielfach unter Protesten nationalsozialistischer Gruppen, und rief einen breiten Diskurs hervor. Eine Woche vor Aufführung in Wiesbaden konnte eine Vorführung von Russland 88 bei einem Festival in St. Petersburg von einem Skinheadaufmarsch verhindert werden. Umso bedeutender sein Platz im Festivalprogramm bei goEast.

Russland 88 / Russia 88 / Rossiya 88
R: Pavel Bardin
B: Pavel Bardin
K: Sergey Danduryan
D: Mikhail Polyakov, Archibald Archibaldovic, Petr Fedorov
Russland 2009, 104 Min.
Latido Films