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Das Symposium (hier eine Zusammenfassung der Beiträge), das im Rahmen des goEast Festivals 2011 gezeigt wird, behandelt in seinen Filmvorführungen mit anschließenden Diskussionen und in seinen Vorträgen das Thema Neue Rechte, das innerhalb der letzten Jahre eine ernstzunehmende Brisanz entwickelte. Als Eröffnungsfilm wählte Dr. Grit Lemke, die Leiterin und Kuratorin des Symposiums, den in der DDR entstandenen Dokumentarfilm Unsere Kinder, im Anschluss daran stand der Regisseur Roland Steiner für Diskussion und Fragen zur Verfügung. Lemke äußerte vor Beginn der Vorstellung, es sei kein Zufall, dass gerade dieser Film am Anfang des Symposiums stehe, denn die meisten Filme, die sich mit diesem Thema beschäftigen, entstanden erst in den letzten Jahren. Das Werk Unsere Kinder aus dem Jahr 1989 stellt eine Ausnahme und damit auch den Beweis dar, dass es dieses Problem seit jeher und sogar in der DDR gab, wo die Existenz verneint oder an den Rand der Gesellschaft verbannt wurde. Somit greife das Programm des Symposiums nicht nur eine aktuelle Stimmung auf, sondern reflektiere auch die historischen Hintergründe, betonte Lemke.

Die Aufnahmen, die zum Material des Films führten, entstanden im Zeitraum von 1985 bis 1989, umfassen also einen Stimmungsquerschnitt, der nicht nur die Endphase des Niedergangs einer Gesellschaftsform widerspiegelt. Bis heute ist der Film im Osten weitestgehend unbekannt, was sich vielleicht darauf zurückführen lässt, dass der Veröffentlichung die Wende dazwischen kam, wodurch er ein Stück weit unterging.

Schon der Anfang verdeutlicht das Konzept, das Steiner dem Film zugrunde legte. Bedächtig fährt die Kamera zurück, eine Straße entlang, dabei graut der Morgen – oder wird es Nacht? In der Kamerabewegung liegen die Regression, die sich durch die rechtsextremistischen Ideologie äußert, und die nicht geleistete Verarbeitung der Deutschen, gleichzeitig schafft diese Bewegung aber auch den Raum, etwas aus der Ferne zu betrachten, es im Ganzen zu erfassen. Genau das macht Steiner, er hält den nötigen Abstand, um an einzelnen Stellen wieder näher herangehen zu können.

Die erst später einsetzende Voice-over ist wörtlich zu nehmen und verweist auf die Realität: Zuerst gab es die Bewegung, dann kommt die Notwendigkeit, darüber zu sprechen, denn diese Kinder sind die unseren. Eine Isolation darf daher nicht geschehen, kann sogar gefährliche Ausmaße annehmen, wie der Film begreiflich macht. Laut eigener Aussage lag Steiners Ansatz darin, mit Skinheads zu reden, sie besser kennen und einschätzen zu lernen. Doch nachdem er von Schlägereien erfuhr, bei denen sich die Gegner teilweise verschonten, weil sie eine gemeinsame Kindergartenvergangenheit teilten, begriff er, dass es nicht nur „unsere Kinder“ waren, sondern dass sie in unterschiedliche Richtungen opponierten. Deswegen kommen in der Dokumentation auch andere Gruppierungen zu Wort.

Der Film begegnet diesen sogenannten „Randgruppen“ immer zuerst mit der Benennung, denn was benannt wird, bekommt Substanz in die eine oder andere Richtung. Man nennt sie Grufties, erzählt die Stimme und zeigt eine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher. Sie selbst nennen sich Holger, Ines und Mark, denn sie besitzen auch Namen, hinter denen Menschen stecken wie du und ich. Aber nicht nur die öffentliche Wahrnehmung, auch die Eigenwahrnehmung der Vorgestellten stimmt nachdenklich: Einer nennt sich Schmutz, ein anderer Abfall. Abfall spielt in einer Band namens Fehlinformation. Die meist verwendete Handkamera verleiht diesem erschütternden Eigenbild zitternd Ausdruck, unterstreicht den verloren gegangenen inneren Halt dieser Generation.

Die Interviews eröffnen eine tiefgreifende Frustration darüber, vom Rest der Gesellschaft nur über das Äußere beurteilt zu werden, sie stellen die Wechselbeziehung zwischen Erwartungen und dem Nachkommen dieser Erwartungen her: Wenn ihr denkt, ich bin so, dann bin ich auch so. Auch die Erziehung zur Gewalt innerhalb der eigenen Familien wird thematisiert. Ein Skinhead äußert, er wolle Täter und kein Opfer sein, viel Hass und Wut auf den Staat und die Situation sind zu spüren. Wo soll man das abreagieren? Bei den Lehrern oder Eltern nicht, das steht fest.

Die meisten Unterhaltungen finden innerhalb geschlossener Räume statt, die zudem oftmals abgedunkelt wurden. In seiner atmosphärischen Intensität lässt sich besonders ein Interview hervorheben, das Steiner mit zwei Skinheads führte, die ihre Anonymität wahren wollten. Deswegen positionierte sich die Kamera in einem völlig verfinsterten Raum hinter den Sprechern, deren Hinterköpfe nur noch als Schemen erkennbar sind. Steiner sitzt ihnen in einem Lichtkegel gegenüber, allerdings unternimmt die Kamera eine Seitwärtsbewegung, die erreicht, dass Steiners Gesicht von den Umrissen der beiden verschluckt wird. Was bleibt, ist ein Schatten, der sich kaum vom ebenfalls dunklen Hintergrund abhebt. Der Film trifft damit möglicherweise zwei Aussagen: Steiner als der Fragende zieht sich völlig aus dem Blickfeld des Interesses zurück, überlässt den Jungen den Vortritt, möchte weder ablenken, noch den Inhalt zensieren. Die zweite Aussage ist eine emotionale, denn durch die Entscheidung zu dieser Inszenierung vermittelt sich dem Publikum ein Beigeschmack der Angst, sowohl bei Steiner, dessen vorsichtiger, fast zögernder Tonus seinen Respekt bezüglich dieser Situation verdeutlicht, als auch bei den Jugendlichen, deren Aussagen von Perspektiven- und Hoffnungslosigkeit gezeichnet sind.

Die Gespräche rücken diese generell auf allen Seiten herrschende Unzufriedenheit in den Fokus, (ver)führen zu der Annahme, dass die Wurzel des Problems darin liegt, die junge Generation mit dieser Aversion gegen herrschende Zustände allein gelassen und sie somit für solche Gemeinschaften erst empfänglich gemacht zu haben. Ein gerade in Haft genommener Skinhead schreibt in einem Brief an seine Mutter, dass er den Ausstieg oft probierte, ihm aber gesagt wurde, das dürfe er nicht, man brauche ihn hier. Dieses Gebrauchtwerden ist etwas, das dieser Generation existentiell fehlt, denn sie ist eine Generation, die keine Entscheidungen treffen darf, der kein Vertrauen entgegen gebracht und die vollständig überwacht wird. Trotzdem erschreckt die Vehemenz, mit der diese Jugendlichen ausländerfeindliche Parolen schmettern, die nicht alleine der Überzeugung sondern vor allem dem Gemeinschaftsgefühl geschuldet sind. Im Nachgespräch erwähnt Steiner in diesem Zusammenhang einen Satz von Erich Fried, mit dem er sich über dieses Phänomen unterhielt: „Wenn der Mensch glaubt, der Zweck heiligt die Mittel, dann vergisst er, dass er seine Perspektive damit verändert.“ Steiners Film mahnt, indem er darauf hinweist, dass schon zu viele Perspektiven verändert wurden. Viele dieser, unserer Kinder driften ab und enden hinter Gittern. Darauf möchte er aufmerksam machen. Die langen Einstellungen zeigen seine Geduld und die Bereitschaft, zu warten, bis das Gegenüber zu sprechen bereit ist. Dass diese Art zu Filmen, dieses langsame Sich-Annähern in der immer schneller werdenden
Zeit Seinesgleichen sucht, verweist auch auf ein vorherrschendes mediales Problem, das nicht aktueller sein könnte.

Am Ende bezeichnet sich der Film als ein Plädoyer für das Zuhören, das Verstehen wollen, das offene Reden, bevor es zu spät ist. Doch er ist viel mehr als das, denn er schafft eine erste Plattform zum Austausch zwischen den Seiten, ist in seiner zurückhaltenden Eigenmeinung einfühlsam. Redebedarf scheint en masse vorhanden zu sein, vor allem in der Gruppe der Grufties reden die jungen Menschen durcheinander, ergänzen und überschlagen sich förmlich. Zu lange hat man sie nicht gehört, nicht wahrgenommen, sie abgestempelt und weggepackt. Neben ihnen, den Skins, Punks und ganz „Normalen“ bringen sich ebenfalls Eltern und öffentliche Personen wie Christa Wolf und Stefan Heym ein. Beate, eine Schülerin, die auf ehrenamtlicher Basis Skinheads in ihrer Haftzeit begleitet, rechtfertigt ihr von der Gesellschaft misstrauisch beäugtes Handeln damit, dass sie ihre eigenen Kinder auch nicht einfach wegschieben könne, sobald es zu „Fehlentwicklungen“ komme. Eine Auseinandersetzung sei unerlässlich. Damit bringt sie auf den Punkt, was der Titel des Films proklamiert.

Das im Anschluss an die Filmveranstaltung stattfindende Gespräch mit Roland Steiner ermöglichte den Anwesenden, den Film und die dahinter steckenden Ambitionen in einen breiteren Kontext seiner persönlichen Geschichte zu stellen. Geprägt durch seinen Großvater, der die kommunistische Partei mitbegründete und unter Hitler ins Gefängnis kam, bezeichnet er sich selbst als aus einem alten „Kommunistenadel“ stammend. Sein Vater war ein Filmemacher und starb, als Steiner vier Jahre alt war. Er wurde für ihn zum Helden und diese Tatsache verschlug ihn Jahre später in eine Filmhochschule. Alle seine ersten Filme erhielten keine stattliche Zulassung, da seine Themen unbequem sind und unzensiert vorgebracht werden. Bei seinen Filmen konzentriert er sich auf den Inhalt, die Ästhetik verliert dabei an Präferenz. Als Zeuge einer für ihn persönlich wie auch für ein gesamtes Volk schwierigen Zeit spricht er sich selbst eine „partielle Trauer“ zu, oft spielt diese unterschwellige, aber doch immanente Melancholie für die Grundstimmung seiner Filme eine Rolle.

Wie tief ihn die fünf Jahre der Dreharbeiten für Unsere Kinder beeinflussten und auch immer noch bewegen, verdeutlicht seine Aussage, dass er noch immer Kontakt zu den Menschen von damals pflege und auch gerade ein Buch vorbereite, in dem er noch einmal alles niederschreibt, was er damals auch ohne Kamera mit den Skinheads erlebte. Nach eigener Aussage schätzt er die Lage bezüglich der Neuen Rechte-Thematik äußerst pessimistisch ein: „Wir sind in diesem Problem schon abgestürzt, aber noch nicht aufgeschlagen.“
Seine filmische Karriere verweist auf ein starkes Bedürfnis, sich mit Schwierigkeiten und der Identitätsfrage der verschiedenen Generationen zu beschäftigen, was seine Arbeiten nicht nur faszinierend, sondern auch für heutige Zeiten äußerst relevant macht. Denn nur die Konfrontation mit den Konflikten der Vergangenheit gewährleistet einen aussagekräftigen Einblick in das kollektive Bewusstsein, das sich Gesellschaft nennt und alle mit einschließt.

Unsere Kinder / Our Children
R: Roland Steiner
B: Roland Steiner, Anne Richter
K: Michael Lösche, Rainer Schulz
DDR 1989, 88 Min.

PROGRESS Film-Verleih

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