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Einer der ungewöhnlichsten Beiträge des goEast Wettbewerbs ist sicherlich Wiegenlied von Juliusz Machulski. Der polnische Regisseur, der in den 80er Jahren durch seine gesellschaftskritischen Komödien bekannt wurde, zeigt uns in seinem neusten Werk die Alltagssorgen einer Vampirfamilie und persifliert zugleich das Landleben seiner Heimat.

In einem kleinen masurischen Dorf geschehen seltsame Dinge. Fast täglich verschwinden Menschen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Die Polizei ist ratlos und eher damit beschäftigt, Knetfigürchen von den Verschollenen zu basteln, anstatt sich auf die Suche zu begeben. Und dann ist da noch die neu zugezogene Familie Makarewiczs, die sich mehr als merkwürdig verhält, vom buckligen Großvater zu der jüngsten, sehr bissigen, Tochter.

Die klischeehafte Darstellung eines Vampirs, wer kennt sie nicht? Er saugt Blut, ist unsterblich und meidet Knoblauch, Kreuze und Tageslicht. Diese typischen Vampireigenschaften finden sich zum Teil auch in Machulskis Wiegenlied, jedoch oft in humorvollen Abwandlungen. So versucht sich Großvater Makarewiczs mit seinen über 500 Jahren besonders hohe Sozialleistungen zu erschleichen, die jüngste Tochter mag besonders das Blut vom Priester und gebissen wird grundsätzlich in die Füße und nicht den Hals. Die Komödie ist gespickt mit absurden Situationen und schafft es immer wieder zu überraschen. Um seiner Kleinsten regelmäßige Mahlzeiten zu gewähren, macht Vater Makarewiczs auch nicht halt davor, den Priester kurzerhand so einzumauern, dass seine Beine aus der Wand ins Kinderzimmer ragen. Auch die skurrilen Charaktere, sowohl der Familie als auch der Dorfbewohner, die der Reihe nach im Vorratslager der Blutsauger enden, machen den Charme der Vampirgroteske aus. Vielleicht sind es sogar ein paar zu viele Figuren, auf die sich Machulski einließ, sodass viele nur oberflächlich behandelt werden konnten. Dennoch wusste der Regisseur den Fokus richtig zu setzen und die Interessantesten hervorzuheben.

Das Leben der Makarewiczs dreht sich jedoch nicht nur um die Beschaffung neuer Nutzmenschen. Denn die Familie hat auch ihre alltäglichen Sorgen. So braucht der Großvater eine Zahnprothese, der älteste Filius zweifelt daran, der Sohn seines Vaters zu sein und die Mutter will lieber in die Großstadt ziehen, da sie vom Landleben gelangweilt ist. Auch Vampire sind vor der Wirtschaftskrise nicht gefeit und so stecken die Makarewiczs in Geldnöten und müssen sich mit Kunsthandwerk über Wasser halten. Als die Anforderungen des Auftraggebers zu hoch werden, müssen sogar die menschlichen Nahrungsquellen mithelfen, kleine Hasen für Ostern zu basteln. Doch dann muss die Familie von ihrem Zwischenhändler erfahren, dass es keine Arbeit mehr gibt, da die restlichen Osterartikel dieses Jahr aus China kommen würden. Nicht nur dem Kapitalismus verpasst Machulski einen Seitenhieb, sondern auch dem ländlichen Leben. Die Dorfpolizisten sind mit der Situation völlig überfordert und scheinen nicht zu wissen, wie man in solchen Fällen vorgeht. Ein selbstgebasteltes Modell des Dorfes und Figuren der Verschwundenen dienen hier als Verlegenheitstätigkeit. Der Vorzeigepriester, der von seinem Messdiener verlangt, sämtliche Schutzheiligen aller Berufsgruppen zu kennen, verliert allzu schnell seinen Glauben in Anbetracht der Vampire. Als die Makarewiczs dann schließlich das Dorf verlassen und nach Warschau kommen, kann sich Machulski eine politische Kritik nicht verkneifen und lässt seine Blutsauger schließlich auch den Präsidentenpalast übernehmen. So erhält die Aussage „von der Regierung geschröpft werden“ eine völlig neue Bedeutung.

goEast-Spielzeiten:
Montag, 11. April um 22.00 Uhr im Alpha

Wiegenlied / The Lullaby / Kolysanka
R: Juliusz Machulski
B: Adam Dobrzycki
K: Arkadiusz Tomiak
D: Robert Wieckiewicz, Malgorzata Buczkowska-Szienkier, Janusz Chabior
Polen 2010, 95 Min.