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Überraschung am Lido: Nach 15 Jahren gewinnt den Wettbewerb wieder ein italienischer Film – Jurypreis für Philip Grönings deutschen Beitrag

Italien jubelt! Nach 15 Jahren geht der Goldene Löwe von Venedig wieder an einen italienischen Film: SACRO GRA vom römischen Regisseur Gianfranco Rosi!

Diese Auszeichnung durch die Jury vom italienischen Altmeister Bernardo Bertolucci war gestern im Palazzo di Cinema von Venedig eine handfeste Überraschung. Das lag zum einen daran, dass SACRO GRA einer von zwei Dokumentarfilmen im Wettbewerb war, neben Eroll Morris Rumsfeld-Doku THE UNKNOWN KNOWN. Der Preis für den einer breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannten Rosi ist auch ein vom alten Revoluzzer Bertolucci fraglos kalkulierter Schlag ins Gesicht des italienischen Film-Establishments der Berlusconi-Medien, das das italienische Kino im letzten Jahrzehnt dominiert hatte, und das der seit einem Jahr amtierende neue künstlerische Direktor Alberto Barbera konsequent zurückdrängt.

Rosis Film ist ein so sensibler, wie facettenreicher Trip in die Vororte von Rom, der den Zuschauer aus dem bürgerlichen Kunstkino herausführt und mitnimmt in die Welt der normalen Menschen, der Fischer, der Rentner, der kleinen Händler, aber auch der Skurrilen wie einem alten Forscher, der mit einem Aufnahmegerät die Töne von Baumkäfern aufzeichnet, und in die Nachtseite der Unterdrückten: Der Armen, der Prostituierten und Transsexuellen, die ihren Körper für wenige Euro verkaufen, und schließlich der Sanitäter, die auf dem Autobahnring um die italienische Hauptstadt Nachtdienst haben und Unfallopfer einsammeln.
Damit taucht Rosi ein in die Welt von Filmemachern wie Pasolini, Rosselini und Fellini, die alle immer ein großes Herz für die kleinen Leute hatten, und man könnte SACRO GRA auch als eine moderne, realistische Version eines Fellini-Films wie AMARCORD oder MAMMA ROMA beschreiben.

Dieser Preis war also auch ein Brückenschlag aus der Gegenwart zur großen Tradition des italienischen Kinos, die hier im Jubiläumsprogramm mit vielen Klassikern gefeiert wurde.

Vor allem aber waren auch die übrigen Juryentscheidungen ein konsequentes Bekenntnis zum Kino als Kunst und Autorenfilm, gegen alle Werke, die auch nur einen Hauch von Warencharakter und Verkaufsgut besaßen; gegen das Mainstreamkino also, das von den eisernen Klauen der Ökonomie und einem riesigen Marketingapparats gefangengehalten wird, und sich in den letzten Jahren krakenhaft auch auf den Filmfestivals, die doch der Filmkunst dienen sollen, breitmacht.

So bekam das Hollywood-Kino am Samstag nicht einmal einen Trostpreis. Freuen dürfte sich dafür der deutsche Regisseur Philip Gröning, der für seinen eigenwillig erzähltem Psychothriller DIE FRAU DES POLIZISTEN mit dem „Spezialpreis der Jury“ geehrt wurde. Mit warmen Worten dankte der Regisseur der Jury und seinen Darstellern, und
ein Dank ging auch an die Förderer und an diejenigen, die an den Film geglaubt und ihn finanziert haben.

Der Goldene Löwe für einen Dokumentarfilm ist allerdings auch eine deutliche Reaktion auf die relativ schwache Qualität der diesjährigen Spielfilme, aus denen sich offenkundig kein Film für den Hauptpreis aufdrängte. Damit spiegelte der diesjährige Venedig-Jahrgang auch die zur Zeit etwas prekäre Situation des Weltkinos: Das Geld wird auch für die Filmemacher knapper, die wenigen Meisterwerke, die es natürlich völlig unabhängig davon immer noch gibt, laufen fast alle in Cannes, dem allerwichtigsten Festival des Weltkinos. Venedig liegt gemeinsam mit Berlin dahinter, mit deutlichem Abstand.

Der Direktor Alberto Barbera hat – obwohl er mit schwindendem Budget zu kämpfen hat – das Programm in Venedig seit vergangenem Jahr verkleinert, entschlackt und zugleich die Nebensektionen gestärkt. Dort werden neue Horizonte aufgezeigt, neue Regisseure entdeckt. Der Gewinner des Nachwuchspreises, des „Zukunftslöwen“ , der mit 100.000 US-Dollar quasi bereits den nächsten Film in der Tasche hat, kommt auch halb aus Deutschland. Denn Noaz Deshe, der Regisseur von WHITE SHADOW, der in der Reihe „Settemana della Critica“ lief, stammt aus Israel, pendelt aber zwischen Berlin und New York.

Venedig hatte diesmal das Glück einer Jury, die aus einem durchschnittlichen Programm die richtigen Sieger gekürt hat. Dass der noch aus Italien kam, stärkt die Position von Direktor Barbera. Wenn er in den kommenden Jahren noch etwas bessere Filme findet, steht der Zukunft von Venedig wenig im Wege.

Fotos: © Biennale