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Copyright: Cannes Filmfestival, Universum Film, Square One

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Wie aus Grace Kelly Grazia Patrizia wurde: Mit Nicole Kidman als GRACE OF MONACO eröffnen die Filmfestspiele von Cannes

Am morgen vor der Anreise bekomme ich eine Mail von Dana: Was ich eigentlich von Grace Kelly halte. Spontan hingerotzte Antwort: „With 12 I was in love with her, with 15 I loved her daughters, today I like her for being a bitch in a crystal castle and hate to think of Nicole Kidman playing her and even more of ??? playing Cary Grant…“

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Strahlender Sonnenschein, azurblaues Meer, ein roter Teppich, und darauf flanierend eine blonde Frau – so stellt man sich Cannes und seine Filmfestspiele vor, und so präsentiert sich das Festival tatsächlich, zumindest beim Eröffnungsauftakt am Mittwoch. Die blonde Frau ist Nicole Kidman, so wie es vor 58 Jahren Grace Kelly war, die an diesem Ort wie eine Venus dem Meer entstieg, und in die Arme des monegassischen Fürsten Rainier, der sie zur Fürstin Grazia Patrizia machte. GRACE OF MONACO heißt der Film von Olivier Dahan, mit dem gestern Abend zum 67. Mal die Filmfestspiele eröffnet wurden, in dem diese Geschichte erzählt wird. Kidman spielt die Fürstin des Zwergstaates.

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Der Film, der sich im Übrigen nur lose an die historischen Fakten hält, konzentriert sich auf eine sehr bestimmte Episode in der Geschichte Monacos: Im Sommer 1963 kam es im Zuge einer politischen Krise zwischen Frankreich und Monaco zu einer mehrwöchigen Wirtschaftsblockade, die die Unabhängigkeit Monacos bedrohte – nicht zuletzt einer internationalen Charmeoffensive der Ex-Schauspielerin auf dem Fürstenthron ist es zu verdanken, dass sich die öffentliche Meinung zu Gunsten Monacos wendete, und Frankreichs Präsident de Gaulle zum Nachgeben zwang. Der Film suggeriert, dass Grace damit auch eine Ehekrise mit Rainier kurierte, und erst zu jener Zeit aus dem amerikanischen Star, die immer am erzwungenen Abschied von Hollywood litt, die Fürstin Grazia Patrizia wurde, die ganz in ihrer öffentlichen Rolle des Repräsentierens aufging.

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GRACE OF MONACO hat vieles, was der Eröffnungsfilm eines solchen Festivals braucht: Eine Schmonzette mit Hofintrigen und Liebesleid aus dem Reich der oberen Zehntausend, gefällige Bilder vor der Traumkulisse der Cote d’Azur und des Fürstenschlosses, leidlich Unterhaltungswert und viele Stars. Der beste ist Tim Roth als Fürst Rainier, auch Frank Langella und Psaz Vega (als Maria Callas) überzeugten; Nicole Kidman selbst ist eher ein Schwachpunkt – was auch daran liegt, dass sich vor ihr Bild – und sie ist naturgemäß fast ununterbrochen zu sehen – immer wieder das Antlitz‘ Grace Kellys legt. Da hat Kidman, dann nicht nur als Darstellerin das Nachsehen.

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Ansonsten ist gegen den Film vor allem einzuwenden, dass er über weite Strecken langweilig ist, sich oft in Schauwerten erschöpft und alles in allem wirkt, wie die Filmversion jener goldgelben Blätter, die so tun, als müssten sich normale Menschen ernsthaft die Problemchen der Reichen und Blaublütigen zu eigen machen. Regisseur Dahan hat in LA MOME, der Filmbiographie Edith Piafs, bereits bewiesen, dass er ein Händchen für die Darstellung berühmter Frauen hat. Auch hier präsentiert er die Geschichte von Grace Kelly vor allem als das Schicksal einer Frau, für die ein Märchen wahr wird, und die dann erkennen muss, dass dieses gar so märchenhaft dann doch nicht ist. Grace muss sich zur Anpassung entschließen, lernt Französisch, befolgt die verhasste Hofetikette und ist wieder nett zu ihrem launischen Gatten. Diesen Prozess der Selbstdisziplinierung und – bescheidung verkauft der Film als positive Reifung. Mädchen, die erwachsen werden wollen, müssen gefälligst als erstes das Träumen lassen – so versucht konservative Kunst seit jeher das Publikum zu erziehen.

Alles in allem ist das auch zu schön, um wahr zu sein. Und dies wiederum passt zum so überhitzten wie faszinierenden Cannes-Betrieb hervorragend: DIE GROßE ILLUSION ist nicht nur ein Film von Renoir, sondern auch alle Jahre wieder das heimliche Thema im Mekka des Kinos, zu dem Künstler, Stars und der Rest des Filmbetriebs in Scharen pilgern. Es stimmt ja einfach alles, was über Cannes gesagt wird, auch das Negative, aber eben das andere auch, und ein Blick aufs Programm genügt, und man weiß spätestens dann wieder, warum man hier ist.

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