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Varys‘ magic box – Mit der Enthüllung seiner Zauberkiste gibt Varys nicht nur Einblick in seine Vergangenheit, sondern auch in die Erzählmechanismen der Serie.

Varys‘ magic box – Mit der Enthüllung seiner Zauberkiste gibt Varys nicht nur Einblick in seine Vergangenheit, sondern auch in die Erzählmechanismen der Serie.

Zahltag in Westeros: In AND NOW HIS WATCH IS ENDED werden die Protagonisten aus GAME OF THRONES für ihr bisheriges Handeln belohnt. Lang ersehnte Rache wird genommen, erste Siege gefeiert, der Triumph Einzelner scheint zum Greifen nahe. Allerdings geht die Rechnung nicht für Jedermann auf. Vorhersehbares Unheil bricht herein, mit tödlichen Folgen. Verglichen mit dem eher schleppenden Erzähltempo der letzten zweieinhalb Folgen hält die vierte Folge der dritten Staffel GAME OF THRONES wahre Explosionen von Handlung bereit. Konflikte verdichten sich und kommen zu ersten, spektakulären Auflösungen, während sorgsam vorbereitete Wendepunkte drohen, das Machtgefüge ins Wanken zu bringen.

Der Mann der Stunde ist Varys. Seine Auftritte dominieren in dieser Folge die Handlungsstränge in King’s Landing. Wieder einmal nimmt er an Verschwörungen teil und steht Tyrion mit anschaulichem Rat zur Seite. Doch ist er nicht nur reduziert auf seine dramaturgische Funktion als Helfer/Gegenspieler. In einer wunderbar ausgearbeiteten Szene aus AND NOW HIS WATCH IS ENDED darf der Zuschauer zusammen mit Tyrion einen kurzen Blick auf den Mann werfen, der sich hinter dem seidenen Vorhang des Master of Whisperers verbirgt. Varys demonstriert Tyrion die immense Kraft der Geduld und öffnet dabei sorgsam eine große Holzkiste, in der sich ein Stück seiner eigenen Vergangenheit verbirgt. Mit jedem Satz öffnet sich die Kiste ein Stückchen weiter. Als junger Sklave wurde Varys auf grausame Art von einem schwarzen Hexenmeister entmannt und dem Tod auf der Straße überlassen. Doch ließ ihn allein der Gedanke an Rache überleben. Sehr langsam arbeitete sich der Eunuch aus den Slums aus Myr bis in das Small Council in King’s Landing hoch, bis er über genug Macht verfügte, um seine Rache ausführen zu können. Die Kiste ist offen. Tyrion erblickt das ängstliche Gesicht eines alten, zerlumpten Mannes – Es ist der Hexenmeister. Geduld schlägt Magie.

Diese Szene ist zentral für AND NOW HIS WATCH IS ENDED, wenn nicht für die gesamte Serie. Das Setting der Szene erinnert an einen Zaubertrick: Varys führt Tyrion seine geheimnisvolle magic box vor. Die Pointe der magic box liegt jedoch in der Überwindung jeglicher Zauberei. Aufgrund seiner Vergangenheit verabscheut Varys Magie. Er weiß, dass die schnelle und unmittelbare Wirkung, die Zauberei erzielt, zu einem hohen, abscheulichen Preis kommt. Sie ist der gefährliche, da einfache Weg. Das Werkzeug eines Verzweifelten – wie Stannis. Dagegen setzt Varys den mühsamen Weg der Geduld, das Arbeiten und Planen aus langer Hand. Längerfristig gesehen die effektivere Variante: Sie setzt nämlich auf Zeit und gründet auf der Erkenntnis, dass keine Macht, kein Zustand, kein Zauber von Dauer sein wird. So gesehen hat Varys gewonnen, weil hinter ihm die Macht der Seriennarration selbst steckt, das unaufhaltsame Voranschreiten der Geschehnisse. Denn Varys‘ magic box ist eine Allegorie auf das Erzählprinzipien von GAME OF THRONES: Horizontales Erzählen. Das weite Spannen zahlloser Handlungs- und Charakterbögen, die sich über die gesamte Serie erstrecken. Große Ereignisse werden lange Zeit vorher sorgsam vorbereitet. Es ist ein Spiel mit Ankündigungen und Überraschungen. Dabei wird dem Zuschauer eine immense Geduld abverlangt. Dankenswerterweise gibt es hin und wieder Folgen wie AND NOW HIS WATCH IS ENDED, in denen der Zuschauer mit einer Dichte an narrativen wie auch visuellen Payoffs belohnt wird.

Cool Girls Don’t Look At Explosions: Dany macht Astapor mit ihrer neuen Armee sowie ihren Drachen dem Erdboden gleich - und legt dabei einen badass-Auftritt hin.

Cool Girls Don’t Look At Explosions: Dany macht Astapor mit ihrer neuen Armee sowie ihren Drachen dem Erdboden gleich – und legt dabei einen badass-Auftritt hin.

Der größte Payoff der Folge gab es bei Daenerys zu sehen: Danys Handlungsstrang in der zweiten Staffel war schleppend, vorhersehbar, mitunter anstrengend – aber dennoch notwendig, damit ihr Triumph in AND NOW HIS WATCH IS ENDED um so spektakulärer wirkt. Hinter der Fassade des hellblonden Mädchens verbirgt sich mittlerweile eine gereifte Herrscherin, die sich durch niemanden mehr kompromittieren lässt. In einem kühnen Schachzug lässt sie die Sklavenarmee ihre ehemaligen Herren töten, während ihre Drachen Astapor in Schutt und Asche legen – bis jetzt das visuelle Highlight der Staffel. Dany hat das erreicht, was ihr Bruder Viserys nicht vermochte: Sie besitzt Drachen, eine Armee und ist in Marschrichtung Westeros. Nach so einem fulminanten Paukenschlag darf man gespannt sein, was das Finale der dritten Staffel für einen bereit halten wird.

Varys‘ magic box verspricht, dass Erfolg eine Frage der Ausdauer ist. Dany hat für ihren Triumph viele Entbehrungen in Kauf nehmen müssen. Auch Arya darf darauf hoffen, dass sich ein Teil ihrer langersehnten Rache an ihren Leidbringern bald erfüllen wird: Sandor Clegane vor dem Gericht von Beric Dondarrion, dem Anführer der Brotherhood without Banners. Er muss sich für den Tod von Aryas Freund Mycah aus der ersten Staffel rechtfertigen. Während die Träume der einen Figuren Realität anzunehmen scheinen, schlagen die Hoffnungen der anderen in pure Verzweiflung um. Im Norden hat Theon sein Vertrauen auf die falsche Person gesetzt: Sein geheimnisvoller Retter bringt ihn direkt in die Arme seiner Peiniger zurück, Theons Folter ist nicht beendet, sondern scheint gerade erst zu beginnen. Just in dem Moment, als er die Fehlentscheidungen der vorherigen Staffel aufrichtig bereut hat: „My real father lost his head in King’s Landing. I made a choice and I chose wrong.“ Währenddessen fällt Lord Commander Mormont dem Aufstand seiner Leute zum Opfer. Hunger, Kälte und Crasters Feindseligkeit haben einige Brüder der Nachtwache dazu getrieben, ihrem Lord Commander wortwörtlich in den Rücken zu fallen und Crasters Haus in ein Schlachtfeld zu verwandeln. Eine vorhersehbare Katastrophe: Sind die Nachtwächter doch keine Soldaten, sondern Verbrecher, die sich großenteils gegen ihren Willen an der Wall befinden und unter Mormonts Marsch in den Norden immer unzufriedener wurden.

Die Spinne und die Queen of Thornes – Notwendigerweise treffen diese beiden Figuren aufeinander. Ist doch das Motto der Tyrells, Growing Strong, nichts weiter als eine Paraphrasierung von Varys‘ magic box.

Die Spinne und die Queen of Thornes – Notwendigerweise treffen diese beiden Figuren aufeinander. Ist doch das Motto der Tyrells, Growing Strong, nichts weiter als eine Paraphrasierung von Varys‘ magic box.

Growing Strong. Auch wenn Olenna Tyrell bemängelt, dass das Motto ihres Hauses an Schneidigkeit fehlt, ist es doch für die momentane Situation mehr als zutreffend. Langsam ebnen sich die Tyrells ihren Weg zur Macht. Margaery hat Cersei ausgestochen; die Queen Regent scheint nun jeglichen Einfluss auf ihren Sohn Joffrey verloren zu haben. Sollten die Tyrells es tatsächlich schaffen, Sansa Stark in Highgarden mit Loras Tyrell zu verheiraten, noch bevor Littlefinger sie aus King’s Landing schafft, könnten sie somit auch den Norden hinter sich bringen.

Pflanzen und Ernten. Die Tyrell’sche Taktik ist die Fortführung von Varys‘ magic box. Dahinter steckt die Auffassung, dass manchmal selbst die kleinste Geste die Saat für überwältigende Ergebnisse sein kann. Wie in dem Handlungsstrang um Brienne und Jaime: Mit dem Verlust seiner Schwerthand hat der Kingslayer seine Identität verloren – „I was this hand“. Trotzig weigert er sich, zu essen. Ausgerechnet Brienne überzeugt den Suizidalen, sich nicht aufzugeben. Wenige Worte, die doch große Wirkung haben. Sind sie der Grundstein für das Entstehen einer neuen Persönlichkeit?

 

Bilder-Copyright: HBO