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teorema pasolini
Trifft Silvia Szymanski auf TEOREMA oder versucht sie den Film zu umarmen? Silvia Szymanski, die meistens einen sehr sinnlichen Zugang zu Filmen hat, vielleicht nochmal hervorgehoben im Schreiben über Film. Die sich, so entnimmt man es ihren Texten, gerne berauschen lässt und nicht selten die visuelle Ebene eines Films bevorzugt oder zumindest mit ihr im Zusammenhang die Ästhetik der Filme umschreibt – trifft sie auf TEOREMA? Oder versucht sie doch bewusst, diesem sich jeglicher Umarmung entziehenden Film, der sich mit mir partout nicht anfreunden mochte, auf einer emotionalen Ebene zu begegnen? Ob diese Begegnung zwischen ihrer emotionalen Art, über Film zu schreiben, und einem Film, der die Möglichkeit eines emotionalen Zugangs resolut versperrt, eine fatalistische ist, und nur in der Form stattfinden kann, wie man es im Booklet der TEOREMA DVD nachlesen kann, oder ob diese Begegnung aktiv von Silvia gesteuert wurde, als utopischer Versuch, dem emotional zu begegnen, was sich den Emotionen entzieht – das frage ich mich seit Tagen. Mal ärgere ich mich über Silvia, mal über den Film, meistens über diese Begegnung als Rätsel und eigentlich immer über mich selbst. Neben dem Booklet, könnt ihr weitere Texte von Silvia bei Hard Sensations finden.

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Auf der zweiten DVD spricht Pino Pelosi, der für den Mord an Pasolini im Gefängnis saß – wirr, sich wiederholend, mehrfach mit den gleichen Fragen konfrontiert. Manchmal glaubt man ihm kein Wort, manchmal meint man da eine gewisse Ehrlichkeit zu erahnen – aber es bleibt alles konfus, außer dass Pasolini fiel, dann entkommen wollte, wieder fiel und danach für immer zu schreien aufhörte. Wer die Mörder sind, weiß vielleicht keiner mehr. Kleinganoven und Drogensüchtige aus Tirbutino Terzo, dem berüchtigten Randviertel Roms, wo Pasolini seine Jungs immer fand, dann auch sein Ende, erzählen auch, unter anderem über Pasolini. Er war ein großer Strateg, sagt einer über ihn. Einer also, der von Macht Gebrauch machen kann, der seine Gesellschaftsschicht überwindet. Er war also das, was jeder von ihnen sein möchte. Einer, dem die anderen zuhören, der es vielleicht sogar noch raus schafft aus dem Milieu. Das Wort ist eine Art Passepartout, es meint schlicht und sehr treffend, dass Pasolini die Gesellschaft verstanden habe. Ob der Regisseur die Stricher von heute immer noch so verehren würde, wie einst ihren Vorläufer, darunter auch den 17-Jährigen Pino Pelosi?

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Ich lernte mit TEOREMA eine Art des Filmemachens kennen, die mir Angst machte. Die mir so martialisch vorkam, und zwar nicht nur als Gesamtstruktur, sondern auch im Umgang mit den Szenen, den Einstellungen, vielleicht auch mit den einzelnen Bildern, dass ich mich oft dabei erwischt habe, den Film regelrecht zu hassen, obschon er mich jede Minute in seiner strengen Brillianz beeindruckt hat. Gott besucht eine bürgerliche Familie, die natürlich einen Sohn, eine Tochter hat, und ein Dienstmädchen, und zeigt allen fünf, der Reihe nach, dass ihr Leben sinnlos ist. Ist er wieder weg, so brechen sie nacheinander Tabus. Die kompromisslose Nüchternheit, mit welcher dies inszeniert wird, die mit sehr wenigen Ausnahmen den Film charakterisiert und die einem verbietet, auch die kleinste emotionale Beziehung zu TEOREMA aufzubauen, war die Quelle meiner Hassliebe zum Film. Dabei eröffnete sich mir gerade dadurch ein neues Verständnis von Minimalismus, denn bisher assoziierte ich diesen im Film mit Bildkomposition und Handlung. Dank Pasolini durfte ich auch einen Minimalismus der Filmstruktur kennenlernen: Ursache, Wirkung, dekliniert an jeder Filmfigur. Die Pracht der Bilder ist auch diesem Minimalismus untergeordnet – von den Sepiaaufnahmen, die als Establishing Shots dieser Familie dienen, bis hin zum häuslichen Ambiente – denn sie unterstreicht, wiederholt nur den sozialen Status dieser Familie. Ebenso die glasklaren Bilder, die auf der DVD hervorragend zur Geltung kommen. Sie transportieren die Ideen, haben aber darüber hinaus nur Sterilität anzubieten. Selbst die Zwischentitel fehlen, denn die Bilder haben ihre Namen schon ausgesprochen, darum sehen wir nur Schatten von Rauch über ein Stück fruchtlosen Boden gleiten. Ich schrieb von Angst am Anfang des Abschnitts, weil der Totalitarismus sich wie eine Exploitation der Filmkunst aufs Äußerste anfühlte – selbst die Grammatik ist radikal reduziert. Die Strenge empfand ich als eine Xenophobie der Filmkunst und ich kann mir im Film wenig Schmerzhafteres vorstellen.

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In seinem umfangreichen Text ortet Marcus Stiglegger TEOREMA sehr ausführlich und genau in Pasolinis Gesellschaftskritik, seziert aber auch die starre Struktur des Films im Zusammenhang mit dem Konzept des Theorems. Darin können Interessierte ausführlich über den Ideengehalt lesen, den dieser Filmdespotismus transportiert.

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Ich erinnere mich lieber an den Boten, der den Besuch ankündigt, und uns zwei Mal für einige Momente Refugium bietet. Postbote, sprechender Stummfilmakrobat und Erzengel, mit buschigen, dunklen Locken.

Die Bildrechte gehören CMV Laservision.