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„Meister der toxischen Realismus“, nennt Laudator Feridun Zaimoglu den Mann, der kurz darauf auf der Bühne des Cinemaxx 1 den Douglas-Sirk-Preis des 20. Filmfestes Hamburg erhält, sich artig bei der Stadt Hamburg für die Unterstützung bei der Postproduktion seines Films FRÜHLING, SOMMER, HERBST, WINTER… UND FRÜHLING (2003) bedankt – und das koreanische Volkslied „Arirang“ anstimmt. Das ist mittlerweile schon Tradition bei Kim Ki-duk, zuletzt sang er im September in Venedig, als er dort ebenfalls für seinen neuen Film PIETA mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Eigentlich unvorstellbar, dass dieser höfliche, zurückhaltende und scheinbar in sich ruhende Mensch Filme macht, die mit ihrer manchmal extremen Gewaltdarstellung verstören. Unvergessen die Anekdote, dass bei der Pressevorführung von SEOM – DIE INSEL im Jahrf 2000 in Venedig ein Journalist in Ohnmacht gefallen sein soll. Die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler sagte in ihrer Rede gar, der Zuschauer werde in Kims Filmen genauso gepeinigt wie die Figuren. Ach Gottchen. Da sind einige Feuilletonisten aber empfindlich. Gerade asiatische Filme zahlen häufig doch einen weitaus höheren Blutzoll als die Filme von Kim.

Auch PIETA zeigt Gewalt nie. Kim deutet sie lediglich an und öffnet Räume für die Fantasie des Zuschauers – was stellen metallverarbeitende Maschinen wie Stahlscheren oder Drechselbänke wohl mit menschlichen Knochen an? Der hünenhafte Killer Kang-do weiß es. Im Auftrag seines Chefs verstümmelt er Schuldner. Kaltherzig, sadistisch, ohne Rücksicht auf Mütter oder Frauen, die seine Untaten mit ansehen müssen. Kang-do ist ein Entwurzelter, ein Einsamer, einer, für den das Leben keine Bedeutung und keine Freude birgt. Bis ihm eines Tages eine Frau folgt, die sich als seine Mutter ausgibt. Anfangs droht Kang-do der Frau, sie umzubringen, wenn sie ihn nicht in Ruhe lässt. Er macht sie lächerlich, schlägt sie, versucht gar, sie zu vergewaltigen. Aber sie lässt alles über sich ergehen. Von seiner Hand werde sie gern sterben, sagt sie. Langsam gibt Kang-do nach. Wird weich. Mag nicht mehr allein sein. Genießt die Liebe und Wärme, die von der schweigsamen Frau ausgehen. Und besiegelt damit seinen Untergang.

Mit PIETA hat Kim Ki-duk nach seiner Schaffenskrise, die er in ARIRANG (2011) dokumentierte, zu einer dinglichen, zupackenden Sprache und einer zwingenden Dramaturgie gefunden. Der Film ist nicht vergleichbar mit dem ätherischen, schwerelosen, sich fast auflösenden Stil von BIN-JIP (2004). Auch die poetischen, oft enervierend aufgesetzt wirkenden Naturbetrachtungen früherer Filme findet man hier nicht. PIETA ist ein Film der Stadt, gedreht in der südkoreanischen Stadt Cheonggyecheon, in der Kim seine Jugend verbrachte und wo er selbst in Fabriken schuftete. Ein Gleichnis auf die Erbarmungslosigkeit des Kapitalismus, aber das Gleichnishafte ist hier nicht verklausuliert, sondern ganz direkt und offenbar. In einer Szene zeigt ein Opfer auf das Panorama der Stadt, auf die Hochhäuser, die sich immer weiter in die alten Viertel fressen, sie verschlingen und das Leben der dort arbeitenden Menschen dazu. „Was ist Geld?“, fragt Kang-do die Frau, die sich als seine Mutter ausgibt. „Anfang und Ende von Allem“, antwortet die.

Kim hält sich mit christlicher Symbolik zurück. Eine Szene im Stil der Pieta, also der Darstellung Marias mit dem geschundenen Leib des gekreuzigten Christus, entfernte er nachträglich aus dem Film. Sie wirbt nun nur als Postermotiv. Stattdessen kommen in PIETA Vorstellungen aus dem Buddhismus wieder stärker zur Geltung. Die Figuren sind in ihrem Leben verstrickt, und diese Verstrickung lässt sich nur schwer lösen. „Ich wollte nicht so fühlen, aber du tust mir leid“, sagt die Frau am Ende über Kang-do. Gemeinsam gehen die beiden dem Tod entgegen – bis zum nächsten Leben vielleicht, in dem sie eine neue Chance bekommen, sich voneinander zu lösen.

Bild-Copyright: MFA+ Filmdistribution

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