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Ein Mädchen wird verschwinden. In einem Film, der im armen mexikanischen Arbeitermilieu spielt. Es sind dabei Drogen im Spiel, Korruption und Militär. Der Film beginnt brutal, mit gefesselten Menschen auf der schmutzigen Ladefläche eines Wagens. Niemand braucht uns zu erklären, was in so einer Welt mit einem entführten Mädchen geschehen wird. Denn wir wissen, was in unserer Welt vor sich geht. Wir sollten es zumindest. Die Auslassungen sind das Bedrückendste an HELI. Sie starren uns fragend an.

In der Zeit des Bilds formulieren sie assoziative Leerräume.

Weil wir heute so vielseitig und permanent mit dem Visuellen konfrontiert sind, lässt sich oft keine klare Linie zwischen unseren Eindrücken mehr konstruieren. Bilder verschwimmen mit Gedankenbildern, in unseren Köpfen entstehen Netzwerke von Assoziationen. Wir verknüpfen dies und das mit unseren Lebensentwürfen, Weltentwürfen, Identitätsentwürfen. Doch nur diejenigen Eindrücke, mit denen wir besonders oft konfrontiert werden, und die durch markante Kanäle zu uns dringen, können innerhalb einer solchen Wahrnehmung nachdrückliche Bedeutung für sich beanspruchen. Die Werbung versteht dieses Prinzip ausgesprochen gut. Ihr Ansatz ist die Streuung, die prominente Platzierung, die Aufdringlichkeit.

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In der Kunst ist die Situation oft etwas anders. Das macht sie auch so wichtig. Denn meist (wenn auch nicht immer) möchte sie der Streuung entgegenwirken. Ein Kunstwerk offenbart sich uns, wenn wir innehalten und unsere Blicke in die Tiefe fokussieren. Wie bei einem Gespräch, bei dem man sich wirklich in die Augen sieht. Man tut dann nichts anderes, als sich auf ein Gegenüber einzulassen. Kunst wird immer dann politisch, weil sie eine Entscheidung für ein solches Wahrnehmen voraussetzt, ein sich Einlassen von uns möchte. Das Kino ist in jedem Fall eine solche Kunstform. Eine Kunstform, deren aufrichtigem Blick man alleine begegnen muss, und vor dem man sich verantworten muss.

Für HELI ist wichtig, dass das Kino dabei ganz eigene Prinzipien der Wiederholung aufweist. Zum Beispiel, wenn Geschichten wieder auftauchen, die man eigentlich schon kennt. Oder wenn standardisierte Gestaltungsformen auftauchen, die man eigentlich schon kennt. Oder wenn Themen, Konflikte, Ideologien auftauchen, die man eigentlich schon kennt. Wiederholung passiert im Kino genau genommen ständig. Eigentlich ist ja alles schon mal hier und da erzählt worden. Manches kann man kaum noch ertragen. Dabei gibt es natürlich verschiedene Gründe, die gleichen Dinge immer wieder in Filmen zu platzieren. Einer davon heißt Marktlogik: Was die Leute damals schon mochten, verkauft sich auch als 100. Aufguss nochmal ganz ordentlich. Kennen wir, muss man nix zu sagen. Wiederholung kann abgesehen davon aber auch eine Perspektive sein, besonders in unserer aktuellen Wahrnehmungssituation. Wenn ein Szenario im Kino immer wieder auftaucht, dann nicht gleichzeitig, sondern nacheinander in unterschiedlichen Filmen. Mit Zeitabstand, mit verschiedenen Nuancen, aber mit dem gleichen Impetus. Besonders greift diese Logik bei Themen, die von gesellschaftspolitischer Relevanz sind – etwa wenn in HELI eine weitere Arbeiterfamilie an der Armutsgrenze portraitiert wird. Solche Themen vergessen wir ausgesprochen gerne, obwohl sie das Kino seit so langer Zeit bevölkern. Jede Erinnerung an sie ist notwendig.

Wir kennen das schon aus der Schule, wo Dinge zum Ärgernis mancher Schüler nicht nur einmal auftauchen. Die Schule endet und an die Stelle der Bildungsautorität tritt dann im Studium die wissenschaftliche Autorität, die wissenschaftliche Systematik. An deren Stelle Politik und letztlich die Dominanz des Kapitals als kaum beeinflussbare Konstante. Auch Wohlstand und die Perspektive westlicher Industrienationen insgesamt sind verbunden mit autoritären Dogmen, die wir schnell verinnerlicht bekommen, wenn wir nicht ab und zu einmal aus dem Hotelfenster blicken. Es geht hier weniger um Faktenwissen, sondern um Verhaltensnormen, Denknormen, soziales Hierarchieempfinden. Was wir dabei nicht hinterfragen und verstehen lernen, das werden wir auch unseren Kindern nicht beibringen. Auch davon erzählt HELI: Was passiert zwischen Generationen und wonach strukturiert sich deren Leben? Was könnte zwischen Generationen passieren, passiert aber meist leider nicht? Der Film fragt aus der erzwungenen sozialen Stagnation seiner Figuren heraus nach Veränderung und Hoffnung, imaginiert Auswege aus festgefahrenen Systemen.

Wiederholung ist dabei also ganz wichtig. Viele Bilder von HELI kennt man so ähnlich und hat dazu schon einmal geweint. Oder man wurde wütend. Man kann viele dieser Bilder nicht mehr ertragen. Das gilt dann selbst für die Teile der Geschichte des Films, die man nicht zu sehen bekommt. Man verzweifelt hier schon an dem, was im Off geschieht. Es reicht dem Film meist schon, eine Situation zu zeigen, deren Fatalismus sich abzeichnet: die blinde Liebe eines jungen Mädchens zu einem stumpfen Typen, ein unbedachter Handgriff in der gefühllosen Autofabrik. Die Konsequenzen sind existenziell. Und wie eingangs erwähnt: Gewalt und Tod überschatten alle Geschehnisse ab dem ersten Bild. Wenn man doch wagt zu hoffen, wie es im Film nur Kinder tun, löst sich bald ein, was man befürchtet oder verdrängt hat. Es wird grausam und unmenschlich, traurig, deprimierend, zermürbend. Die Stadt könnte jede sein, die Familie könnte jede sein, selbst das Land könnte ein anderes sein. Wenn es wie hier kaum Perspektiven gibt, genügt ein Zufall, oder Übermut an der falschen Stelle, um alles aus dem Lot zu bringen und unheilbare Wunden zu reißen.

Die herrschenden Kräfte der Welt sind hier Gier, Sex und Gewalt. Und das Kapital bedingt sie alle. Mit dem System der Macht ist hier nicht zu spaßen. Der Film zeigt die Allgegenwart dieses Zusammenhangs unentwegt, Korruption ist überall, bis ins Surrealistische übersteigert. Wenn Uniformen nicht mehr Uniformen sind, sondern symbolisch aufgeladene, düstere Vorboten. Krieg ist dabei Alltagspraxis, ohne externe Feindbilder zerstört die Politik im Film die Integrität des Menschen bereits innerhalb des Landes. Ein Gesetz, ein System, das den Menschen schützt, gibt es dabei nicht.

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Individuen am Stadtrand und in Slums, in einem Niemandsland, das Zivilisation zu sein scheint, aber von Raubtieren bevölkert ist.

Weil HELI eine Geschichte erzählt, der man bereits begegnet ist, wird das Auge wach für Nuancen. Stil wird hier sichtbar als großes Gespür für Zeit und mise-en-scène, für Figurenarrangements, für Nähe und Distanz, für das starke Bekenntnis dazu, dass die Menschen in dieser vertrauten Erzählung eben nicht die gleichen sind, sondern andere, neue, einzigartige. Jeder Mensch verharrt anders, spricht anders, handelt anders, wenn sich keine Auswege mehr abzeichnen. Auf Überforderung folgen immer andere Schritte. Und doch ist das tiefe Grollen, das der Film seiner Hauptfigur letztlich ins Herzen legt, ein universelles. Die Wut, die hochkocht, ist eine systematische. Die Begierde auf Liebe, Leben, Sexualität stehen dagegen als humanistische Wahrheiten, als Behauptungsformen des Individuums vor dem Niedergang.

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Was Amat Escalante nie aufgibt, ist eben dieses Individuum. Er zeigt den Menschen als Wesen, das mit furchtbaren Wunden und nach furchtbaren Taten weiterleben kann. Wenn man nicht stirbt, stirbt eben nur ein Teil. Der Rest macht weiter, man hält zusammen, was man kann. Es gibt auch Gewissen und Menschlichkeit zwischen all dem Traurigen, das sich hier über Generationen hinweg fortsetzt. Viel Liebe ist in manchen Gesten. Und die Figuren wissen, dass sie nur einander haben in einer Welt, die sich erst ganz real gibt und am Ende fast jenseitig anmutet: Fassungslosigkeit und Starre lähmen dann oft das Bild, die Herzen, den Blick, das Sprechen. Das Bewegen fällt dann schwer. Wir werden dennoch bewegt, fast kosmisch, mit Heli, seiner Frau Sabrina und dem Baby, sitzend im Korb eines Riesenrads. Schaukelnd blickt der Film durch das Neonlicht in ihre Gesichter. Sie wirken fast friedlich, während zwischen ihnen, im Unscharfen, ein leuchtendes Netz aus buntem Metall schimmert. Was sie und uns bewegt, was trägt und den Menschen kreisen lässt, ein unergründbares Gestrick namens Existenz, lässt sich nicht töten, nicht verkaufen, nicht vernichten.

Und die Raubtiere fallen sich in diesem Gestrick auch gegenseitig zum Opfer.

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