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Dieser Text enthält seiner Natur nach Spoiler.

You’ve got to let go of the past.
Cullen Bohannon

Über fünf Jahre nach dem Aus der HBO-Westernserie Deadwood, strahlt AMC nun die Serie Hell On Wheels aus. Mit dem Sendeplatz der von Kritikern hochgelobten Serie Rubicon, tritt Hell On Wheels gleich ein doppelt schweres Erbe an. Das des seriell erzählten Westerns und das der hohen Fernsehqualität außerhalb HBOs. Der Pilot tut sich damit noch recht schwer und lässt widersprüchliche Eindrücke zurück.

Zunächst einmal funktioniert die Serie nach einem zersplitterten Prinzip. „Washington D.C., 1865. The War is over, Lincoln is dead. The Nation is an open wound“ so der einleitende Schriftzug. Das Bild einer Nation als offene Wunde wird über die ganze Folge ausgebreitet. Es beginnt damit, dass der Zuschauer auf verschiedene Fährten gelockt wird, was denn nun das hauptsächliche Handlungsprinzip sein könnte, das die Serie behandeln wird. Der Protagonist wird eingeführt, indem er einen Beichtenden in einer Kirche erschießt. Eine Aktion der Rache. Also eine Rachegeschichte. Doch diese verschwindet bis zum Ende der Episode beinahe komplett aus dem Fokus und selbst dort werden erst einmal vorher nicht vorhandene, unüberwindbar scheinende Steine in den Weg zur Rache an den Mördern von Cullens (Anson Mount) Frau gelegt. Dazwischen unheimlich viele „typische“ Western- Themen. Eisenbahnbau, Erschließung neuer Grenzen, die Situation der ehemaligen Sklaven, die nach dem Bürgerkrieg durch ausbeuterische Machtsysteme wieder zu solchen gemacht werden und die Gefahr durch Indianer. Das wird mitunter ein wenig zu viel des Guten, weshalb Figuren wie die Cheyenne leider lediglich platteste Klischees erfüllen können. Dass sich die Geschichte um den jungen, getauften „Native“ Joseph Black Moon (Eddie Spears, der auch in dem HBO-Western Bury My Heart At Wounded Knee spielte) andeutet, der den Weg zwischen beiden Kulturen gehen wird, hilft da wenig. Wo in Deadwood immer das Geld als kleinster gemeinsamer Nenner über Unterschiede hinweg vermittelte, regiert in Hell on Wheels erst einmal nur der Tod. Und dieser ist allgegenwärtig. Nach einer Weile in der ersten Episode hört man komplett damit auf, mit den Figuren zu fühlen, bis sich das Sterben einmal gelegt hat und die Hauptfiguren sich herauskristallisiert haben.
Der Hauptcharakter in diesem Wetsren-Ensemble, Cullen Bohannon, ist ein bemerkenswerter Anti-Held, über den man zunächst erfreulich wenig erfährt. Trotzdem bleibt er überraschend blass, was auch an seiner übermodernen politischen Korektheit liegen mag, die nun einmal so gar nicht zu einem solchen Anti-Helden passen will. Seine Sklaven machte er als Südstaatler noch vor dem Krieg zu freien Männern – wegen seiner Frau. Am Krieg nahm er trotzdem teil – wegen der Ehre. Hier scheint es ein Autor allen Recht machen zu wollen. Von der Zerrissenheit, die aus solchen Widersprüchen folgen sollte, ist zumindest erst einmal wenig zu sehen. Hier behauptet einer zwar, er glaube nur an die höhere Macht des Revolvers, ist dann aber sehr überrascht von den Folgen dieses gewaltsamen Regimes. Sowohl weil er sein ganzes Handeln der Rache verschrieben hat, als auch in seiner Reaktion auf das zu frühe Ableben seines zweiten gesuchten Feindes. Von einer Omarschen „It’s all in the Game“ – Einstellung, trotz vermeintlicher Hypermodernität, keine Spur.

Zersplittert sind die Figuren auch örtlich. Verschiedene Orte, verschiedene finanzielle Ausgangslagen. Wenn die Wagenräder gegen Ende über das Ortsschild der Eisenbahnarbeiterstadt Hell on Wheels weiterrollen (dessen Versprechen „Population: One Less Every Day“ gehalten wird bis jetzt) dürfte klar sein: AMC will nicht HBO sein, Hell on Wheels nicht Deadwood. Kein fester Ort, ein gewagter Versuch etwas vom großen übergreifenden Ganzen der amerikanischen Wurzeln zu erfassen. Dieser ist zunächst einmal ganz im Sinne des Kinos der Attraktionen geraten. Viel Bewegung, viel Tod, wenig Psychologisierung, wenig historisch-ethisch-moralische Genauigkeit. Filmisch knüpft die Serie damit direkt an die Wurzeln des amerikanischen Kinos an. „Gunplays & Horses“ so das Motto der ersten großen Western-Welle ein Jahrhundert zurück, plus/minus. Möglichst viel Action, möglichst viele Western- Standardsituationen. Hell on Wheels lässt am Ende auch einen Kanonenschlag los, wenn Thomas „Doc“ Durant (Colm Meaney) eine flammende Rede hält und dazu die Hauptcharaktere durch gebeutelte Landstriche des jungen Landes quasi in die Serie entsteigen. Sie richtet sich scheinbar direkt an den Zuschauer und ist mehr Eigenwerbung, hoffentlich eine Vorausschau, als ein narratives Element. Wo 1903 in Der große Eisenbahnraub der Schuss direkt ins Publikum noch ein sagenhaftes Ende war, kann ein solcher, die vierte Wand durchbrechender Schachzug 2011 natürlich nur den Anfang einer Serie bilden. Wir bleiben dran und hoffen, dass Hell on Wheels auf die erste Folge aufbaut und sich nächste Woche nicht nur auf der Story-Ebene weiterentwickelt. Denn ganz dem Ratschlag Cullens folgend „You’ve got to let go oft he past“ wollen wir uns auch dem Neuen im Fernsehen widmen, selbst wenn es erst einmal nicht an die vorher eingestreuten Serien-Highlights Deadwood oder The Wire anknüpfen kann. Und so kann man sich dann vielleicht doch noch mit diesem Cullen anfreunden. Den Rat zu geben, das ist nicht schwer. Ihn allerdings umzusetzen und eben nicht ständig zurück zu schauen, unmöglich. Sowohl im Western als auch in dessen Rezeption.

Die Vergangenheit:

Die Gegenwart:

Bilder: AMC