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Zwei Körper schmiegen sich aneinander. Doch sinnlich wirkt es nicht. Das Licht ist grell und offenbart jeden Makel, die Körper sind beide sehr dünn und bleich, sehen beinahe leblos aus. Was dem Zuschauer als erstes in Hemel gezeigt wird, ist nicht die Szene einer großen, oder zumindest erfüllenden Liebe. Vielmehr wird deutlich, dass Sex nicht immer ein Akt der Lebenslust sein muss, sondern genauso gut von Lebensverdruss bestimmt sein kann oder gar wie hier schon beinahe für einen Tod stehen kann. Im Fall der Hauptfigur Hemel (Hannah Hoekstra) wird Geschlechtsverkehr nie um der reinen Lust willen praktiziert, für sie befindet sich immer etwas anderes im Hintergrund. Ihren Körper hält sie mädchenhaft mager, die Körper anderer Frauen mustert sie immer akribisch, besonders jene der Freundinnen ihres Vaters (Hans Dagelet). Es ist nicht so, dass sie ein Kind sein will, das zeigt sich als sie sich gegen das Abrasieren der Scharmhaare ausspricht. Ihre Blicke auf die üppigeren anderen Frauen machen klar, dass sie sich selbst nicht als eine solche sieht. Ihr Vater Gijs wechselt die Freundinnen oft. Hemel aber bleibt an seiner Seite und mit ihrer egozentrischen Fragilität bindet sie den Vater an sich, der dies auch nicht ablehnt. Es ist gerade die Beziehung zum Vater, die Hemels Leben und auch ihre Probleme bedingt. Nach dem Tod der Mutter waren sie immer zu zweit, der Vater ein extrem fürsorglicher Übervater. An irgendeiner Stelle hat sich die Beziehung nicht richtig weiterentwickelt. Zwischen Vater und Tochter herrscht eine Innigkeit, die zu weit geht. Das Vorbild des Vaters führte bei Hemel zudem zu einer Geringschätzung von Frauen, was sich in ihrem Sexleben so auswirkt, dass sie sich mehrmals heruntersetzen lässt. Gleichzeitig aber bewirkte die übermäßige Liebe des Vaters, dass sie um ihre Macht als Frau weiß. Diese setzt sie bei der Eroberung ihrer vielen Bekanntschaften auf extrem offene Art ein. Wie ihr Vater sei sie, wird mehrmals im Film über Hemel gesagt. Eigentlich aber sucht sie in ihren Flirts einen Mann wie ihren Vater, einen, der sie ebenso liebt. Dieses Verlangen wird umso stärker, als sich Gijs das erste Mal aufrichtig in eine Frau verliebt und mit dieser zusammenziehen möchte.

Hemel zeichnet anhand mehrerer kurzer Episoden ein Bild einer sehr ambivalenten, doch ob ihrer tiefen Verunsicherung trotz aller unsympathischen Züge berührenden Hauptfigur. Dabei verlässt er sich vor allem auf seine Hauptdarstellerin, legt den Fokus dabei aber nicht so sehr auf die Dialoge, sondern vor allem auch auf das Gesicht Hemels, ihre Mimik und ihre Blicken, die so viel verraten. Ihre Weltsicht, die keinen Weitblick oder Reflektion beinhaltet, fängt die Kamera in Bildern mit geringem Schärfebereich und mit vielen Großaufnahmen ein. Interessant auch wie die Garderobe eingesetzt wird, ihre Außenseiterrolle und ihre Eigenartigkeit zu unterstreichen. Meistens ist diese mit ein bisschen Glitzer oder Spitze ausgestattet, dabei aber immer ein bisschen unpassend und unzeitgemäß wirkend und selten fraulich sondern eher kühl-elegant erscheinend. Dass der Film von Regisseur Sacha Polak zudem nicht der Versuchung erliegt, alles in einem großen Drama enden zu lassen, sondern vielmehr eine mögliche Hoffnung für Hemel durch die Einbringung eines neuen Rollenvorbilds am Ende stehen lässt, verstärkt seine Wirkung. Einzig die Figur des Vaters hätte etwas mehr Raum verdient gehabt. Denn er glaubt sich ein Ebenbild erschaffen zu haben, erkennt dabei aber nicht Hemels große Verzweiflung und sein Fehlverhalten in ihrer Beziehung. Die Kombination von übermäßiger Elternliebe, Selbstsucht und Einsamkeit macht ihn zu einem mindestens genauso interessanten Charakter wie seine Tochter.

Hier unsere gesamte Berichterstattung von der Berlinale 2012.

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