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LEONES ©La Biennale di Venezia – ASAC

Der Löwe von San Marco ist nicht allein:
Ein eindrucksvolles Debüt aus Argentinien ist auch nicht schlechter, als der neue Kitano, und viel besser als die Filme von Kim Ki-duk und von Marco Bellocchio

Venedig-Blog, Folge 5

Entweder es regnet oder es ist schwül wie im brasilianischen Dschungel. In diesem Jahr ist das Wetter jedenfalls nur schwer erträglich. So heute wieder, zur Halbzeit des Filmfestivals: Amazonaswetter, Lagunendunst, alles stickt und klebt, Venedig trägt man in den Kleidern…

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LEONES – ©La Biennale di Venezia – ASAC

 „For sale: Baby shoes, never worn.“– man kann sie überlesen, die Katastrophe, die in diesen sechs Worten steckt. Man kann daraus eine ästhetische Übung machen, wie Ernest Hemingway, der diese Schaufensterreklame einmal zum mittlerweile berühmten Exempel seiner eingekochten, aufs Wesentliche reduzierten Schreibweise stilisisierte. Oder ein Spiel, wie die fünf Figuren in dem argentinischen Debütfilm LEONES, der in der „Orrizonti“-Reihe von Venedig läuft und kurz gesagt ganz einfach einer der besten Filme des Festivals ist.

Hemingways Beispiel haut objektiv gesehen nicht ganz hin, denn bei den Schuhen im Schaufenster muss es sich nicht wirklich um die letzten materiellen Spuren eines Kindstodes handeln. Vielleicht war das Geschenk der Tante einfach zu klein. So gesehen, objektiv wie gesagt, wird das Ganze damit auch zur unfreiwilligen Illustration jenes Pathos, und der Sentimentalität, eines phantastischen Elements, das sich in der kühlen Nüchternheitspose Hemingways verbirgt. Das alles ist aber kein Argument gegen die großartige Schreibe Hemingways, von der wir alle noch viel lernen können. Sondern eher dafür, dass man Kunst in mehr als eine Richtung lesen und verstehen kann, und eben genau, besser auch zweimal hinschauen sollte.

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 Zweimal hinschauen sollte und will man in LEONES unbedingt. Ein Film, der bei einem bleibt, der mich jetzt schon tagelang begleitet.

Die fünf Jugendlichen spielen das Hemingway-Spiel, wie sie es nennen, und bilden ziemlich dumme, manchmal auch geniale Sätze im Hemingway-Stil: Kurz, nüchtern, und doppeldeutig: „The man who killed zombies will die.“ – „Hat aber sieben Worte.“

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LEONES, ©La Biennale di Venezia – ASAC

Wir sehen zunächst einmal ein Teenager-Girl von hinten. Sie geht durch einen sommerlichen, sattgrünen Wald, aufgenommen wie die Rosetta der Dardennes, von hinten. Plötzlich sind auch die anderen da, vier Freunde. Man kennt sich vielleicht von der Schule, oder über die Eltern. Es ist klar, dass die fünf eher aus der Oberklasse stammen, die Eltern haben Häuser, man fährt BMW, die Kids tragen Markenklamotten. Sie wandern durch den Wald, der Tag vergeht. Sie verlaufen sich, kommen wieder dort an, wo sie schon waren, gehen weiter, finden wieder den Weg. Irgendwann nehmen sie ein Bad in einem See. Tauchen recht tief. Irgendwann erreichen sie ein Haus, ihr Ziel, aber sie finden den Schlüssel nicht.

Dabei wechselt die Perspektive oft. Mal begleitet man Isa, das Mädchen vom Anfang, das damit früh als unsere Identifikationsfigur und final girl etabliert ist, dann einen der anderen, dann wieder die ganze Gruppe, dann geht der Blick von ihnen weg, in den Wald, oder umkreist sie subjektiv von ferner, und suggeriert damit einen außenstehenden Beobachter. Diese Kamera mit ihren elliptischen Kamerafahrten und geheimnisvollen Bildern stammt übrigens von Matias Mesa, der bei GERRY und ELEPHANT für Gus Van Sant gearbeitet hat. Ihr Blick konzentriert sich stark auf Objekte, entdeckt immer wieder Einzelnes. Sie finden einen Revolver, eine Patrone fehlt. Wir erfahren von einer Tragödie, einem Verkehrsunfall, in den Isa kürzlich verwickelt war, und den sie offenbar noch nicht verarbeitet hat. Eine Kasettenaufnahme hat den Moment des Aufpralls mit einem Traktor festgehalten… Erinnerung, Trauma, Traum…

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 Es ist früh deutlich, auch an der Art, wie sich die Kids bewegen, wie sie mal wie von Geisterhand plötzlich auftauchen, dann verschwinden, dass es hier neben der realistischen eine phantastische Ebene gibt: „Give up truth, live on to fantasy.“, sagt jemand.

Es überwiegt jedenfalls Irritation, und man fragt sich als Zuschauer, in was für einer Falle man da steckt? Immer wieder sind es jedenfalls auch Stilmittel des Horrorkinos, die da auftauchen, und irgendwann glaube ich kurz Anklänge an die Musik von DER WEIßE HAI zu hören. Oder bilde ich mir das jetzt ein? Kurz darauf, so in der Mitte des Films, habe ich mir notiert: „Man erwartet, dass alle tot sind am Ende, bis aufs final girl, zugleich erwartet man etwas anderes.“ Diese fast unbewusste, von mir dann gleich vergessene Notiz, entpuppt sich im Rückblick noch in ihrer inherenten Paradoxie als klüger, als alles, an das ich mich unmittelbar nach Ende erinnere.

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 „Do you believe in rapture, do you believe in second dreams“, singen die Jugendlichen irgendwann den Song von Sonic Youth. Zwischen Taumel und Verzückung, driften die Figuren weiter zu immer neuen Stationen ihrer phantastischen Reise ins Innere eines traumatisierten Bewusstseins; LEONES ist Gedankenpuzzlekino, das in seiner Mischung aus Neugier und Reflexion gleichermaßen an Van Sants-Jugendstudien und einen Hitchcock-Thriller erinnert, wie, vor allem in seinen letzten atemberaubenden Szenen, und einer achtminütigen Einstellung, die uns vom Wald über wüstenartige Dünen ans Meer führt, an einen Film von Antonioni.

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 LEONES ist herausragend, ein faszinierender Film. Es ist das Regiedebüt der Argentinierin Jazmin Lopez – noch eine gute weibliche Filmemacherin -, die kein völlig unbeschriebenes Blatt ist, und mit ihren Bildern schon in Istanbul und Mexiko vertreten war. Im Presseheft steht der Satz, die fünf streunten im Wald herum, „wie ein Löwenrudel“. Meinetwegen.

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 Den Titel, der auf Spanisch natürlich „Löwen“ bedeutet, kann ich mir trotz des erwähnten Hinweises nicht wirklich erklären. Am ehesten noch durch den schönen lateinischen Satz „hic sunt leones“, der früher auf alten Landkarten dort stand, wo man nicht weiter wusste, und Leerstellen markieren wollte. Auch Menschen haben ihre Leerstellen und weißen Flächen, ihre inneren Löwen.

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BELLA ADDORMENTATA ©La Biennale di Venezia – ASAC

Mehrere Tage lang war das dominierende Thema bei den Filmfestspielen von Venedig klar: Innenansichten von Glaube und Religion, vor allem in ihrer strengeren Variante. Und so blicken wir besonders sensibilisiert noch auf jede kleine depperte Religionsanspielung. Oder auf einen Moment wie diesen, in dem Alba Rohrwacher, die Haupt- nicht aber Titelfigur in Marco Bellocchios Wettbewerbsbeitrag BELLA ADDORMENTATA („Schlafende Schönheit“) mit einem Mann ins Bett geht, den sie gerade am Morgen kennengelernt hat. Sie spielt in diesem Sterbehilfedrama eine gläubige Katholikin, die auch noch Maria heißt, und gegen Euthanasie protestiert, und nun mit einem Mann schläft, der auf der Gegenseite für Freiheit und Laizismus demonstriert. bevor sie den Geliebten umarmt, dreht sie ihre Halskette um, das daran befestigte Kreuz hängt nun an ihrem Rücken. Das ist die Art Kitsch, in diesem Fall Religionskitsch, bei der Bellocchio, einst ein linker, hochpolitischer und gesellschaftskritischer Filmemacher mittlerweile angekommen ist. BELLA ADDORMENTATA ist eine gut besetzte, nervtötende und völlig überflüssige Quälerei – am siebten Festivalmorgen, an dem alle schon etwas in den Seilen hängen, nur noch schwer erträglich.

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 Mit dem neuen Leiter Alberto Barbera ist in Venedig Ordnung eingekehrt, angenehme Normalität, die auch etwas Langweiliges hat. Keine Mitternachtsfilme mehr, keine Chinesen-Stars im doppelten Dutzend, keine Bunga-Bunga-Stimmung. Dafür zieht sich ein leicht staatstragender Zug durchs Programm. Die interessanteren Filme warten wieder in den „Orrizonti“.

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OUTRAGE BEYOND ©La Biennale di Venezia – ASAC

Ausnahme: Takeshi Kitano. Kühl und ohne Melancholie erscheint die Generation der 60- bis 70-jährigen im neuen Film des Japaners OUTRAGE BEYOND: Eine Geschichte aus dem Mafiamilieu, über Autos, Professionalismus und Gesten: ein korrupter Polizist kommt, dealt, deckt – „lets plant the evidence“ -, und hat lange die besten Sätze: „Yakuza is Yakuza“, „best detectives are respected by both sides“. Er stirbt als Allerletzter in einem Film, deren Figuren Manager des Verbrechens sind, Anzüge und Kravatten tragen, von Fahrern im Mercedes kutschiert werden, aber im Ernstfall auch eine Pistole ziehen und abdrücken. „Fuck hedge funds!!“ Geschäftsleute, die sich darüber aufregen, dass auf Meetings der Exekutives kein Essen serviert wird. Die einzige Frage, die es hier gibt, lautet: Wer trickst wen aus? Ansonsten blickt man auf tolle Gesichter. Und ansonsten sind in diesem glänzenden zen-buddhistischen Mafiafilm alle mit sich im Reinen, blicken ohne Melancholie auf die Vergangenheit, ohne Furcht auf die Gegenwart und wissen: In der Zukunft wartet irgendwann der Tod.

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PIETA ©La Biennale di Venezia – ASAC

Seit Montag sind die Filme grundsätzlich wieder im Diesseits gelandet. Das gilt auch für den Wettbewerbsbeitrag des koreanische Regisseurs Kim ki-duk, bei dem es sich trotz seines Titels PIETA um eine ganz weltliche Rachegeschichte handelt, bei der eine Mutter an einem Schuldeneintreiber den Tod ihres Sohnes rächen will, und die der Koreaner in einer von ihm bisher so nicht gewohnten Arthouse-Variante eines Exploitation-Films inszeniert – in der so unnötigen wie expliziten Gewaltdarstellung vor allem den Zuschauern gegenüber sadistisch.

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