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high definition rothöhler

Im Juli erschien in der Kleinen Edition des August Verlags das Büchlein HIGH DEFINITION. DIGITALE FILMÄSTHETIK von Simon Rothöhler. Zu dem Thema wird in den letzten Jahren natürlich viel publiziert. Doch Rothöhlers Band ist eine der empfehlenswertesten deutschen Veröffentlichungen zum aktuellen Kino. Die Kompaktheit von 102 Seiten bieten ihn zudem für einen Einblick an, allerdings ist er aufgrund seiner fundierten Reflexionsebene auch für mit dem Thema schon vertrauten Leser interessant.

Dies liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass sich Rothöhler nach einer kurzen Einleitung wenigen Filmen der letzten Jahre annimmt und dicht an diesen seine Untersuchungen darstellt. Es handelt sich dabei meist um recht populäre Filme, über die auch schon viel geschrieben und gelesen wurde, trotzdem gelingt es Rothöhler durch den entschiedenen Blick auf ihre Verflechtungen mit der Digitalität des Kinos auf inhaltlicher sowie formaler Ebene neue Perspektiven auf die Filme zu öffnen. So wird beispielsweise zu dem Einfluss der HD-Ästhetik auf COLLATERAL geschrieben:

Im anders und Anderes aufzeichnenden HD-Bild von COLLATERAL wird Los Angeles jedoch nicht “wirklichkeitsgetreuer” repräsentiert, sondern präsenzästhetisch entfaltet: transformiert in eine hochaufgelöste kinematografische Lichtskulptur. Selbst die von getrockneten Wasserspuren fleckig gewordenen Windschutzscheiben des Taxis, die sich in vielen aus dem Autoinnenraum in die Stadt hinein gefilmten Einstellungen wie eine grafisch strukturierte Folie, wie Maserungen auf das draußen vorbeiziehende Lichtermeer legen, produzieren hier eigenständige Attraktionsmuter, weil die Schärfentiefe dann plötzlich in eine eigentümliche Flächigkeit umschlägt – als würde die Stadt durch die Schärfeverlagerung auf die schmutzigen Taxischeiben gesaugt.

Es werden die relevanten Aspekte rund um eine Auseinandersetzung mit dem gegenwärtigen Kino angesprochen und behandelt. Bei der Betrachtung des Nachtbilds (COLLATERAL), des Effektbilds (THE HOBBIT, HOLY MOTORS), des Dokumentarfilmbilds (LEVIATHAN, STREET) und des Geschichtsbilds (PUBLIC ENEMIES) aktueller Filme stellt Rothöhler die Frage an die zentrale Stelle, wie diese Bilder von den Zuschauern aufgenommen werden im Vergleich zur Reaktion auf ältere Filmbilder. Seit seiner Entstehung hat das Filmmedium stilistische Konventionen ausgebildet, die den jeweiligen Film in den Augen des Publikums realistisch erscheinen oder die Diegetisierung unterstützen. HD-Ästhetik hingegen wird als kühl, oft als hyperrealistisch wahrgenommen. Deshalb imitieren viele gegenwärtige Filme einen Film Look, simulieren die Ästhetik des fotochemischen Kinos. Andere aber, wie die ausführlich behandelten in diesem Buch, zeigen unterschiedliche Ansätze bei der Kultivierung einer deutlich von HD geprägten Ästhetik und den Möglichkeiten für neue Ausdrucksweisen im Film. Grundsätzlich entsteht digitaler Film mit einer deutlicheren Anwesenheit des Profilmischen durch die hochauflösende Aufnahme sowie gleichzeitig mit größter Freiheit bei der Manipulation des Aufgenommenen. An diesem zentralen Punkt zeigt sich auch ein Wiedererwachen des Realismusdiskurs. Weitere Diskurse kreisen um den Einfluss der verschiedensten Bildschirmen, auf denen heute Film gesehen wird, und damit verbunden um die Rolle der Betrachter, die mehr Einfluss auf die Präsentation des Filmes haben und viel schwieriger als mehr oder weniger geeinte Masse wahrgenommen werden können.

HOLY MOTORS, Bild-Copyright: good!movies, wo der Film auf DVD erschienen ist

HOLY MOTORS, Bild-Copyright: good!movies, wo der Film auf DVD erschienen ist

Ohne, dass dies unabgeschlossen wirkt, regt es zur weiteren Lektüre und zum weiteren Nachdenken an. Denn wieder einmal und besonders deutlich, aber nicht aufdringlich wird an uns Filmwissenschaftler, Filmkritiker und Cinephilen im Allgemeinen die Frage gerichtet, ob wir über die Filme unserer Zeit noch so sprechen und schreiben und denken können wie über die von vor zehn oder zwanzig Jahren. Nach dem Lesen der 102 Seiten, muss die Antwort „Nein.“ lauten. Aber das erscheint nicht entmutigend, im Gegenteil zeigt Rothöhler wie spannend und aufschlussreich ein erweiterter Blick auf das Filmmedium unserer Zeit sein kann – darüber hinaus geht es aber um nichts Geringeres als den Anspruch der Kunstform, mit der wir uns auseinandersetzen, gerecht zu werden. Immer wenn wir uns über die grundlegenden Elemente eines heutigen Films wie seinen Bezug zu unserer Alltagsrealität, seine Raum- und Zeitgestaltung sowie die Positionierung seines Blicks nachdenken, müssen wir die veränderten Bedingungen beachten. Wenn wir einfach stur an Begriffen festhalten, die ohne Erweiterung oder Neukontextualisierung nicht mehr wirklich passend sind, als Beispiele mögen “Schnitt” und “Realismus” herhalten, ahmen wir wie die Filme, die einen Film Look simulieren, ein Reden und Denken nach, das angesichts der Filme der Gegenwart vielleicht Möglichkeiten verschenkt. Natürlich hat man Schwierigkeiten immer zu erkennen, wie genau ein Film gemacht und komponiert wurde. Auch das bedingt, dass wir an alten Kategorien festhalten. Rothöhler zeigt anhand der Filmanalysen die er vorstellt, wie naheliegend doch Interpretationen aufbauend auf dem Verhältnis der Filme zur Digitalität und zur HD-Ästhetik zu erarbeiten sind.

high definition rothöhlerHIGH DEFINITION. DIGITALE FIMÄSTHETIK
Simon Rothöhler

102 Seiten
August Verlag Berlin
Juli 2013

ISBN 978-3-941360-25-9
9,80 €

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Bild-Copyright: August Verlag