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Sind wir nicht alle Weltraumschrott? Die Sonne über dem Ganges, Angestellte in Blechbüchsen und das Genf Deutschlands

„For here/ Am I sitting in a tin can/ Far above the world/ Planet Earth is blue/ And there’s nothing I can do.“

David Bowie, SPACE ODDITY, 1969

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„Ground control to Major Tom“ sang einst David Bowie und sein Song mündete in die Zeile: „Die Erde ist traurig/ Und ich kann nichts dagegen tun.“ Mit einem ähnlich melancholischen, zugleich visuell atemberaubenden Weltraumabenteuer eröffneten am Mittwochabend die Filmfestspiele von Venedig. GRAVITY vom Mexikaner Alfonso Cuaron, eine All-Odyssee auf den Spuren von Stanley Kubricks 2001, Andreij Tarkowskys SOLARIS, aber auch Antonionis L’ÉCLISSE. George Clooney und Sandra Bullock spielen die Hauptrollen und zeigten sich zur Eröffnungspressekonferenz überaus gut aufgelegt – vor allem gemessen an den schwachsinnigen Fragen der Boulevardpresse, die Clooney auf kosmetische Themen ansprachen, und danach fragten, was er von dem möglicherweise drohenden Militärschlag auf Syrien halte. „Auf diese Frage habe ich gewartet“, antwortete der, und ließ die Fragesteller ins Leere laufen: „Ich habe dazu nichts zu sagen“. Warum sollten Schauspieler in politischen Fragen kompetenter sein, als andere Bürger? Auf sowas kommen nur Boulevardjournalisten.

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Aber auch der in erster Linie spannende GRAVITY hat untergründige Botschaften, die man je nach Temperament als politisch oder ökologisch oder beides verstehen kann. Bullock und Clooney sind die einzigen Figuren des Films, eines Kammerspiels im All. Sie spielen zwei Astronauten, die Satelliten reparieren – zunächst öde Routine, die sie sich mit flachen Witzen und Anekdoten vertreiben. Hier, in der ersten Viertelstunde, etabliert Cuaron zunächst einmal mehr noch als seine beiden Hauptfiguren, den Dritten im Bunde, den Weltraum als eine Art weiteren eigenständigen Akteur; und die Gesetze, nach denen er funktioniert. Da gibt es zum Beispiel jene Antriebsdüsen, mittels derer sich die Astronauten frei schwebend im All bewegen. Dann die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Objekte auf ihren jeweiligen Umlaufbahnen. Mitunter rast daher irgendetwas ganz nahe mit unfassbarem Tempo an den Amerikanern vorbei. Sofort bekommt man vor allem aber einen Eindruck von der Verlorenheit des Menschen in diesem riesigen leeren Raum und von ständiger Gefahr. Davon wie prekär das alles jederzeit ist.
Und plötzlich gibt es dann Alarm: Ein russischer Satellit ist außer Kontrolle geraten, und schon Sekunden später prasselt ein Haufen Weltraumschrott gewittergleich auf sie ein. Kurz darauf sind die drei Kollegen getötet, das Raumschiff zerstört, mit der Erde haben die zwei nur durch Zufall nicht Getöteten den Kontakt verloren. Was nun folgt, ist ihr dramatischer Überlebenskampf.

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Der Weltraum kann sehr kalt sein. Vor allem aber sehr still. Verzweifelt versuchen die beiden, schwerelos im Raum treibend, zunächst eine nahe gelegene russische Raumstation zu erreichen, dabei von Kälte, dem knapper werdendem Sauerstoff und weiterem, mit rasender Geschwindigkeit fliegendem Abfall bedroht. Die Lage ist von Beginn an aussichtslos.
Aber weil wir im Kino sind, ist alles möglich. Und damit natürlich ist dies auch, wieder einmal, das Übliche aus Amerika: Nicht-aufgeben auch in solch aussichtsloser Lage, durch die Verzweiflung hindurch gehen, und zwar gut-gelaunt, lachend, scherzend noch im Angesicht des Todes. Sie kann schon ganz schön nerven, diese Attitüde. Denn nüchtern betrachtet ist dies Philosophie für die niederen Stände, Denkfastfood für den Tornister auf Volkshochschulniveau, so wie jene Hölderlin- und Nietzsche-Ausgaben, die man vor 99 Jahren, im August ’14 den deutschen Soldaten für die Grabenkämpfe mitgab. „Weihnachten sind wir in Paris“ hieß es damals, „Morgen sind wir wieder auf der Erde“ heißt es bei Cuaron.
Solche Wellness-Philosophie für den Weltuntergang und die Welt-Unterschichten funktioniert bestimmt in den asymetrischen Kriegen am Hindukusch und im Irak, und jetzt bald in Syrien gut, wenn man die Boys aus dem White- und Black-Trash Amerikas motivieren muss. Es gib immer einen Weg und sterben müssen wir schließlich alle.

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Dazu kommt dann noch der Guilt-Shit, der US-amerikanische Kino-Geschichten seit längerer Zeit durchsetzt. Sandra Bullocks Figur wird ein gestorbenes Kind angedichtet, irgendwie ist auch sie deshalb vom Todestrieb angekränkelt, ohne Lebenswillen. Erst die Nahtod-Erfahrung im All weckt diesen wieder und, so kann man den Film lesen, eine Art Lebenslust. Damit hat dann auch das größte Unglück noch einen pädagogisch-moralischen Sinn – Puritanismus pur!

Und auch das gute Menschenopfer darf hier so wenig fehlen, wie auf einem aztekischen Volksfest. Denn irgendwann, etwa nach 45 Minuten, opfert sich Clooneys Figur für die Kollegin, die überleben und in einer kleinen Blechkapsel auf die Erde zurückkehren wird. Seine letzten Worte sind irgendwo angesiedelt zwischen Schopenhauer und Buddhismus: „Die Sonne über dem Ganges“, sagt er, sei wunderschön.

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Hollywood gucken heißt sterben lernen. Wäre dies und die Übermacht des Optimismus wirklich alles, müsste man diesen Film verachten.
Glücklicherweise ist da viel mehr. Zum einen die schiere handwerkliche Meisterschaft, Bilder denen man sich nur schwer entziehen kann. GRAVITY ist visuell richtig großartig und auch als 3-D-Film sehr gut, überraschend gut gelungen. Klar, genau, ohne Mätzchen, ohne diese häufige Posen mit technischen Möglichkeiten. Sie werden hier ganz in den Dienst des Films und der Sache gestellt.
Und diese Sache ist dann eben doch nicht allein die hollywoodeske Oberfläche. GRAVITY ist eine Abfolge von Katastrophen, immer wenn man glaubt, die größte Not sei überstanden, kommt es noch schlimmer. Das Sinnbild einer Welt, die untergeht. Und das Sinnbild der Krise des Westens. Rettung kommt aus China. Denn die amerikanische Station ist die erste, die kaputt ist, die russische die zweite. Heim kommt Bullock schließlich mit der dritten, nicht zufällig einer chinesischen. Im Osten geht die Sonne auf, nicht nur die über dem Ganges.

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„I hate space“ sagt Bullocks Figur irgendwann – im Kino ein Lacher. Die Raumschiffe sind vermüllt, das Leben in den engen Kapseln banal – solange man von den Spuren drauf schließen kann. Die Astronauten sind keine Helden, sondern Angestellte. Cuaron nimmt mit alldem auch das letzte Pathos aus der Idee der Eroberung des Weltraums, sein Film ist in der Konsequenz fortschrittsfeindlich. Wenn er Botschaften hat, dann lautet die erste Botschaft: Der Mensch gehört auf die Erde, nicht in den Weltraum. Die zweite Botschaft: Alles, was schief gehen kann, geht schief. Die dritte Botschaft: Wir gehen alle unter.
So überaus eindrucksvoll der Film im Einzelnen ist, ist dies also weniger realistische Beschreibung, als existentielle Metapher über Tod und Leben. Trotzdem kann man sich ganz konkret vorstellen, wie es sich wohl so anfühlt, im Weltraum zu sein – ein so kluger wie packender Eröffnungsfilm, der das Publikum auf die Erde und irdische Fragen zurückwirft, auf die Zukunft der Menschheit.

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GRAVITY ist übrigens der erste gute Sandra Bullock Film seit Ewigkeiten, da sind wir uns einig. Eine gute Eröffnung. „München, das Genf Deutschlands“ sagt Carlos aus München, als ich ihn nach dem Film begrüße. Wenn das stimmt, was ist dann Berlin? Deutschlands Zürich?


Zum Schluss noch die unverzichtbaren Angaben zu den Bildern:

1. Copyright: (C) 2013 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC., COURTESY OF WARNER BROS. PICTURES, SANDRA BULLOCK as Ryan Stone and GEORGE CLOONEY as Matt Kowalski in Warner Bros. Pictures‘ dramatic thriller „GRAVITY,“ a Warner Bros. Pictures release.

2. Courtesy of Warner Bros.

3. Copyright: (C) 2013 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC., Courtesy of Warner Bros. Pictures, SANDRA BULLOCK as Ryan Stone in Warner Bros. Pictures‘ dramatic thriller „GRAVITY,“ a Warner Bros. Pictures release.

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