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ARGO, Copyright: Warner Home Entertainment, wo der Film auf DVD erhältlich ist

ARGO, Copyright: Warner Home Entertainment, wo der Film auf DVD erhältlich ist

Zwölf Uhr Mittags mit George Clooney

Als George Walker Bush Afghanistan und den Irak befriedete, fanden das viele in Hollywood nicht in Ordnung. Deswegen haben einige von ihnen Filme gemacht, die es Bush so richtig gezeigt haben. Weil es wichtig ist, in 30 Jahren sagen zu können: Schau mich nicht so an, ich stand damals auf der richtigen Seite. George Clooney gehörte dazu. 2005 machte er GOOD NIGHT AND GOOD LUCK, einen Film über den Kampf einiger tapferer TV-Journalisten gegen einen paranoiden, panikschürenden Demagogen. Und das in Zeiten, in denen der Irak, entgegen professioneller Annahmen, doch nicht über Massenvernichtungswaffen verfügte. Hatte Clooney etwa einen zweiten HIGH NOON gedreht? Nicht ganz. Stilvoll ist der Film ja, keine Frage. Man taucht voll ein in eine wunderschön fotografierte, lässige, 50er Jahre Schwarzweißwelt (im doppelten Sinne), und macht es sich richtig gemütlich darin. Man kann tollen Schauspielern beim Spielen zusehen wie David Strathairn und Frank Langella und anderen tollen Schauspielern wie Jeff Daniels und Robert Downey Jr. (wahrscheinlich der einzige Republikaner des Casts) dabei zusehen, wie sie Anzüge tragen, rauchen und Whisky trinken. Das macht natürlich Spaß (warum sonst gucken die Leute MAD MEN?). Überhaupt geht GOOD NIGHT AND GOOD LUCK runter wie Öl. Der Film ist so was von angenehm anzuschauen, dass man nicht mal den Eindruck bekommt, dass so ein Schwachkopf wie McCarthy überhaupt irgendwas ausrichten könnte. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass der Film die meiste Zeit im CBS-Fernsehstudio spielt, und da ist die Welt noch in Ordnung, weil da die Gruppe der Gerechten gegen McCarthys paranoide Thesen Widerstand leistet. Es ist wie ein entspanntes Schachspiel. McCarthy macht einen Zug. Ed Murrow macht einen Zug. Dann wird gemütlich weitergepafft. Und nebenan spielt sogar eine Jazzband. Ein Wohlfühlfilm durch und durch.

Clooney zog in Interviews oft ALL THE PRESIDENT’S MEN als Vergleich heran, bei dem man auch wusste, wie die Story ausging, aber die Spannung trotzdem nicht abriss. So was wollte er auch erreichen. Das hat er leider nicht. Im Audiokommentar sagte er auch, dass er sich wünschte, dass der Film an Schulen gezeigt würde. Ich denke, das wird er.

Im selben Jahr hat er SYRIANA produziert, auf den er besonders stolz war. Ein Film, mit dem er sich wohl viel Ärger einhandeln würde, wie er damals in einem Interview vorhersagte. Der Ärger kulminierte in einem Oscar als bester Nebendarsteller. Ich hoffe, er wird sich irgendwann davon erholen.

Stephen Gaghans SYRIANA hat eine Menge komplizierten Info-Dump auf Lager, der, anders als in GOOD NIGHT, nicht fein säuberlich und häppchenweise auf der Leinwand präsentiert wird. Ganz im Gegenteil: der Zuschauer wird bespuckt mit Information und Handlung, mit „politischen Zusammenhängen“, die Wackelkamera findet oft nicht mal die Ruhe auf einem Gesicht zu verweilen, immerhin gibt es noch viele politische Verknüpfungen zu suggerieren, die man am Ende nicht versteht. Am Ende ist nur eines klar: Politik geht im Zweifel auch über Leichen. Für Öl zum Beispiel. Steile These! Ähnlich steil formuliert auch Tony Gilroys MICHAEL CLAYTON am Ende, dass Großkonzerne für den Profit im Zweifel ebenfalls über Leichen gehen! Dafür ist Gilroy ein unerhört spannender Film mit einem gut aufgelegten Clooney gelungen. SYRIANA ist jedoch ohne seinen ostentativen politischen Kontext nur ein mittelmäßiger Film, der stark vom damaligen antiamerikanischen Zeitgeist profitierte.

Zurück zu Clooney, der freilich kein uninteressanter Regisseur ist. Sein Debüt CONFESSIONS OF A DANGEROUS MIND ist die bizarre Verfilmung eines vermutlich noch bizarreren Drehbuchs von Wirrkopf Charlie Kaufman. Die packende Geschichte von Fernsehmoderator Chuck Barris, der sich neben der Gong-Show als Killer für die CIA verdingt, pendelt gnadenlos zwischen Humor und Tragik, und steckt voller inszenatorischer Einfälle. Das politische Element ist hier bereits angedeutet, kommt jedoch erst in GOOD NIGHT AND GOOD LUCK vollends zum Tragen.

Tatsächlich hat Clooney Jahre später mit THE IDES OF MARCH einen ordentlichen Politthriller abgeliefert, der die Schmutzkampagnen von politischen Beratern unter die Lupe nimmt. Hier hat er (vor allem sich selbst) gezeigt, dass gutes Politkino nicht bedeutet, ein message movie (oder: Propaganda) zu machen, das schulmeisterlich die Do’s von den Don’ts trennt.

Krieg ist irgendwie geil

Robert Redford muss das auf seine alten Tage aber noch lernen, denn sein unsäglicher LIONS FOR LAMBS ist eine künstlerische Bankrotterklärung, und dazu eine krude faschistische Fabel.

Tom Cruise spielt einen konservativen Senator, aber vor allem sich selbst, einen Star, der total gut mit der Presse kann, hier von Meryl Streep verkörpert. Und er ist so was von gut, rhetorisch, dass er die Meryl total einschüchtert, was sie wütend macht, weil sie kennt das ja alles, hat schon 1968 für die Collegezeitung geschrieben (ein Eingeständnis ihres Alters!). Sie will den Bullshit, den er ihr in einem Exklusivinterview erzählt hat, so nicht wiedergeben, aber ihr Redakteur will es so. „Was ist mit dir geschehen?“, fragt sie, „du warst mal so gut!“ Was ist bloß geschehen seit 1968? Ist so viel passiert? Steht die Presse denn nicht mehr für Meinungsfreiheit und Demokratie und so?

Robert Redford ist ein Uniprof, der einen Studenten für die CIA rekrutieren will. Das sagt er zwar nicht, aber so funktioniert das auf diesen Eliteunis. Richtig machiavellimäßig gibt er dem faulen Studenten eine Standpauke, von wegen er war mal so gut, und jetzt? Besucht nicht mal mehr seine Veranstaltungen in Politikwissenschaft, und das tut ihm weh (wo passiert so was wirklich?). Dann erzählt er ihm die magische Geschichte von zwei Studenten, die aus einer miesen Gegend kommen, und sich entschieden haben, die Welt zu verbessern, indem sie sich zur Armee melden (was sonst?), während Amerika gerade einen an den Haaren herbeigezogenen Krieg gegen den Irak führt. Redford findet es total scheiße, dass sich die beiden verpflichtet haben, aber dass sie überhaupt irgendwas machen, respektiert er! Das macht sie moralisch wertvoller als den Studenten, der mal so gut war und jetzt nur noch Party macht und sich ins Private abschottet, weil die Penner in Washington sowieso nur ihr abgekartetes Spiel treiben, und was können wir schon machen außer zu resignieren?

Und die beiden Studenten sind jetzt Soldaten in Afghanistan. Einer von ihnen fällt vom Hubschrauber, und der andere springt hinterher um ihm zu retten. Draußen sind ganz viele Turbanträger. Aber die beiden bleiben tapfer. Am Ende sterben sie, aber das ist die Schuld von Bush Junior, nicht die Schuld des Militärs, das alles in seiner Macht Stehende versucht hat. Zwei unserer Jungs sind noch da draußen! Aber tapfer sind sie, so wie amerikanische Soldaten es nun mal sind. So tapfer, so gut! Krieg ist irgendwie scheiße, aber von sich aus zu entscheiden, in den Krieg zu ziehen, ist dann doch wieder irgendwie edel. Lions for Lambs. Von Robert Redford. Filmemacher. Filmstar. Amerikaner. Guter Soldat. Siehe auch THE LAST CASTLE.

In eigenen Worten: „Der Stoff war eine gewaltige Herausforderung […], weil er so leicht in eine linksradikale Richtung abgleiten konnte, und das würde seine Botschaft zunichtemachen. […] Weil Bushs Krieg gegen den Terror die Bevölkerung polarisierte, kam der Film gerade zur rechten Zeit. Ich habe ganz bewusst keine Partei ergriffen. Ich wollte nicht sagen, das ist richtig oder das ist falsch.“

Das mag sein. Redford erzählt auch, wie Cruise bei den Dreharbeiten einige „neokonservative außenpolitische Berater“, unter anderem auch den modernen Kalten Krieger Robert Kagan, mitbrachte. Die hat er immerhin rausgeschmissen. Ironischerweise hat er diese auch gar nicht gebraucht, um deren Absichten entgegenzukommen. Ob ihm das bewusst war oder nicht.

Verkehrte Welt

Der Berserker des amerikanischen Politfilms, Oliver Stone, hat sich in den Nuller Jahren mit politischer Polemik arg zurückgehalten. Statt WALL STREET 2 hat man sich eher einen MARGIN CALL von ihm gewünscht, der dann vom Debütanten J.C. Chandor kam, und ein gelungenes Statement zur Hilflosigkeit der Banker in einem unberechenbaren System darstellte. Überhaupt scheinen die Gesetze des Kinos im neuen Jahrtausend außer Kraft. Oliver Stone macht moderates Kino (dafür bessere Dokus, s. SOUTH OF THE BORDER und THE UNTOLD HISTORY OF THE UNITED STATES), dafür dreht ausgerechnet Steven Spielberg MUNICH der von der Jagd auf die Drahtzieher der Münchner Olympia-Attentate handelt. Und tatsächlich ist Spielberg ein großartiger Film über die Drecksarbeit der Geheimdienste sowie über den Teufelskreis der Vergeltungspolitik gelungen. Lars-Olav Beier schreibt im SPIEGEL: „Unverkennbar bemüht er sich, den Geist von Filmen wie FRENCH CONNECTION (1971), DER DIALOG (1973) oder SCHWARZER SONNTAG (1976) herbeizuzitieren, fast so, als hätte er ein schlechtes Gewissen, MÜNCHEN nicht 30 Jahre früher gedreht zu haben.“ Danach ging’s jedenfalls weiter mit WAR OF THE WORLDS.

Apropos verkehrte Welt: Ben Affleck gewinnt schon wieder einen Oscar. „Was ist schon ein Oscar? Ben Affleck hat einen!“, war ein berühmter Witz, der in Hollywood die Runde machte, nachdem Affleck einige eher peinliche Karriereentscheidungen verantworten musste. Jetzt funktioniert der Witz nicht mehr so richtig. Der Mann ist endgültig rehabilitiert, darf sogar Batman spielen. Und das alles wegen dem richtigen Film zur richtigen Zeit. ARGO, Oscar-Abräumer 2013, erzählt von der Flucht von sechs Amerikanern aus dem Iran während der berüchtigten Geiselnahme, die 1980 mit der Stürmung der US-Botschaft in Teheran begann. Ein ungemein spannender, dank John Goodman und Alan Arkin auch ein sehr witziger Film. Perfekte Unterhaltung. Auch ein Werbefilm für die CIA. Denn nur ein selbstloser CIA-Agent (mit unnachahmlicher Stoik von Affleck selbst verkörpert) nimmt das Wagnis auf sich, die Leute aus dem Iran herauszuholen. Er tarnt die sechs Amerikaner als kanadische Filmcrew auf Locationsuche, und als der Schwindel auffliegt, sitzen die Leute längst im Flieger. Gleichzeitig ist der CIA-Agent auch ein liebender Familienvater, der seine Ehe zu kitten versucht. Am Ende wird die Familie wieder vereint, im Hintergrund weht die Flagge. Im Abspann danken die Filmemacher dem US Department of Homeland Security und der Central Intelligence Agency. Ein rascher Hinweis wird nachgeschoben: „The Central Intelligence Agency has not approved, endorsed, or authorized this production or the use of the CIA seal, name and initials“. Aber wenn man einer Filmcrew erlaubt, im Empfangsbereich des CIA-Gebäudes in Langley, Virginia zu drehen, tut man nicht genau das? Dann könnte man auch sagen, dass die US-Regierung diesen Film in keinerlei Weise unterstützt hat – obwohl Michelle Obama, die First Lady persönlich, bei der Oscarverleihung ARGO als besten Film kürte (live aus dem Weißen Haus).

Affleck dankt im Abspann auch Douglas A. Smith, ehemals bei Homeland Security, jetzt wieder PR-Berater, und Whitney Williams, Gründerin und Chefin von „williamsworks“, einer sogenannten „strategic advisory firm”, die sich der guten Sache im Ausland verschrieben hat. Klingt nebulös? Soll vermutlich auch so klingen…

Affleck ist wieder credible, aber an seiner Einstellung hat sich nichts geändert, ist er doch aus so politisch differenzierten Filmen wie ARMAGEDDON, THE SUM OF ALL FEARS und PEARL HARBOR bekannt. Der Unterschied dieser Filme zu ARGO ist, dass letzterer einfach „besser“ ist. Ernsthaft, aber unterhaltsam. Nicht zu pathetisch. Nicht zu sachlich, aber auch nicht zu sentimental. Kein schamloser Hurra-Patriotismus. Aber die Richtung ist klar. ARGO erreicht den Konsens, den die bombastischeren Michael Bay-Filme von vornherein nicht erreichen können. Doch die Message ist dieselbe: Amerika muss tun, was es tun muss.

Zweiter Teil