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ZERO DARK THIRTY, Copyright: Universal Pictures, wo der Film auf DVD erhältlich ist

ZERO DARK THIRTY, Copyright: Universal Pictures, wo der Film auf DVD erhältlich ist

Erster Teil

Die Männerphantasien der Kathryn B.

Kathryn Bigelow hielt ich persönlich bereits für ein Relikt des Genrekinos der letzten 20 Jahre, doch sie kehrte unverhofft mit großem Erfolg auf die Leinwand zurück. THE HURT LOCKER war ein veritabler Oscar-Abräumer, der latent zum Anti-Bush-Kino gezählt wurde. Auch das ewige Schlagwort Antikriegsfilm tauchte auf, wie so oft natürlich fehl am Platze. Bigelows Film handelt nicht vom Irakkrieg, und auch nicht vom Schrecken des Krieges, sondern ist eine weitere Bigelowsche Abhandlung über Machismo in unterschiedlichsten Lebenslagen. Der einzige Unterschied zu früheren Werken wie POINT BREAK oder BLUE STEEL besteht darin, dass THE HURT LOCKER sowie der Nachfolger ZERO DARK THIRTY in einem realpolitischen Kontext angesiedelt sind, und eine Art Authentizitätsanspruch proklamieren. Das irritiert jedoch, da sich Bigelow nicht für Politik interessiert, sondern für jene Spezies Mann, die nur in ständigen Adrenalinschüben existieren kann, die Gefahr lebt und atmet, und mit der normalen Welt absolut nichts anfangen kann. Wenn Jeremy Renner am Ende von THE HURT LOCKER hilflos vor einem ganzen Regal verschiedenster Cerealien steht und sich einfach nicht entscheiden kann, kann man nur noch Mitleid haben. Besiegt von Frühstücksflocken. Dann doch lieber Krieg! Bigelows Film ist eine Macho-Meditation, der politische Kontext reine Staffage. Sie interessiert sich nur für die muskulösen Götter, die sie portraitiert oder die sie vielmehr durch ihre Welt begleitet.

Dasselbe kann auch über ZERO DARK THIRTY behauptet werden, den sie abermals mit HURT LOCKER-Autor Mark Boal in Angriff genommen hat. Der politische Kontext wird dichter, es geht um nichts anderes als die Jagd auf Osama Bin Laden. Und Bigelow ist schon wieder mittendrin im Erfahrungskosmos von hochprofessionellen CIA-Recken, standhaft von Jason Clarke und Mark Strong verkörpert. Die Hauptrolle fällt jedoch, wie in BLUE STEEL, einer Frau zu: Jessica Chastain ist die härteste und zäheste Agentin (muss sie ja auch sein in einer Männerwelt), die dabei eigentlich nur ihre gottgegebene Natur auslebt und, genau wie Jeremy Renner in HURT LOCKER, sehr kritisch beäugt wird, vor allem durch die feigen, fetten Entscheidungsträger im Anzug, die sich bestimmt niemals „da draußen“, im Kampfeinsatz, bewähren mussten.

Die Jagd auf Bin Laden wird als spannende Schnitzeljagd inszeniert, in der sich die Beteiligten überaus sportlich geben. Jahrelange Recherchen, Spurensuche ins Nichts, langwierige Folterprozesse (die auch für die Folterer nicht leicht zu ertragen sind!) sind nötig, um am Ende endlich Bin Ladens Leichnam präsentieren zu können. Im Grunde ist ZERO DARK THIRTY auch ein Sportlerdrama, mit einer Individualistin im Mittelpunkt, die ihr Team ständig motivieren und antreiben muss – bis sich am Ende alle zusammenraufen und das Spiel doch noch gewinnen. Bigelow verhält sich, sagen wir, diplomatischer zu ihrem Stoff, als er es verdient. Das Thema ist nämlich zu komplex, um daraus eine simple Erzählung über Bigelowsche Adrenalinjunkies zu machen, in der selbst die Folter zu einem (nötigen) Spielzug unter vielen wird.

Die Folterfrage wurde übrigens brisant diskutiert, nicht nur unter Filmkritikern. Selbst ein Ausschuss des US-Senats wurde beauftragt, die Kontakte der Filmemacher zum CIA zu prüfen. Woher hatten Bigelow und Boal ihre Informationen und haben sie den Folteraspekt nicht stark übertrieben? Dabei vergaßen sie alle, dass es sich bei ZERO DARK THIRTY nicht um eine Dokumentation handelte. Dennoch ist die Verwirrung verständlich.

THE HURT LOCKER hätte letztlich auch im Weltraum spielen können – und ZERO DARK THIRTY hätte einen prima Footballfilm abgegeben. Boal und Bigelow machen moderne Exploitation, indem sie die politischen Themen ihrer Filme auf gefährliche Weise banalisieren, und den Medien nachher erzählen, sie wollten die Zuschauer nur zum Nachdenken anregen.

Damals und heute

Die Zeiten von Hurra-Patriotismus und Kriegs-Propaganda sind lange nicht vorbei. Die Propaganda ist bloß intelligenter geworden. Hollywood gelingt es heute besser denn je ein politisches Dilemma zu formulieren, dessen Auflösung jedoch eindeutig ist: Filme wie ZERO DARK THIRTY problematisieren auf der Oberfläche, aber dass Bin Laden am Ende dran glauben muss, ohne vorher einem Kriegsverbrechertribunal beigewohnt zu haben, gehört zur inneren Logik des Films, was man als Zuschauer unmittelbar akzeptiert.

Am Ende von ARGO übt Afflecks Agent keinerlei Kritik an der CIA, die den Plan, die Geiseln zu retten, verworfen hat. Er wird ausgezeichnet, und macht sich wieder an die Arbeit. So ist das eben.

Dagegen eint Clooneys Filme meist eine kritische Grundhaltung. Aber auch die schwimmt nur an der Oberfläche. Autorität zu hinterfragen hat in Amerika oft eine kapitalistische Note. Es bedeutet nämlich auch diejenigen Staatsdiener kritisch zu beäugen, die dem Volk das Recht auf Business streitig machen wollen, die mehr Kontrolle über die Finanzen wollen. Wie Obama, der den Leuten eine Krankenversicherung aufzwingen will. Für wen hält er sich? In Filmen düstere Verwicklungen oder Strippenzieher hinter mächtigen Konzernen oder Parteien zu entlarven, ist somit nicht von vornherein ein Akt demokratischen Bewusstseins.

Der letzte wirklich politisch brisante Film aus Hollywood ist deshalb für mich Warren Beattys BULWORTH, weil er es als einziger wagt, das Zwei-Parteien-System der Staaten zu attackieren – als absurde Satire wohlgemerkt. Beatty behauptet quasi als einziger, dass der Status Quo im Prinzip nicht tragbar ist. So weit würde ein Politthriller von oder mit Clooney niemals gehen.

Auch ein in der Clinton-Ära entstandener WAG THE DOG wäre heute so nicht mehr möglich. Die wahnwitzige Idee, dass ein US-Beraterteam sich einen fiktiven Krieg mit Albanien ausdenkt, um von einer Sexaffäre des Präsidenten abzulenken, würde heute nicht mehr ankommen. Über Krieg scherzt man ja nicht mehr, und wenn doch, dann eher in Form einer harmlosen Satire à la THE MEN WHO STARE AT GOATS oder WAR INC. Letzterer ist ein eher wirrer Kommentar zum Waffenhandel, der in Andrew Niccols LORD OF WAR schon pointierter war. Doch LORD OF WAR leidet an seiner beinahe pubertären Faszination für sein Thema, das bereits 1983 viel gelungener von William Friedkin in Szene gesetzt wurde: in DEAL OF THE CENTURY spielt ausgerechnet Chevy Chase in seiner lakonisch zynischen Art den netten Arms Dealer von nebenan (die heutige Entsprechung wäre wohl Will Smith). Natürlich ist der Film damals gefloppt.

Heute findet man diese Art von cleverer Subversion nur noch selten (CHARLIE WILSON’S WAR und BAGMAN bilden erfreuliche Ausnahmen). Der Stand Up von Leuten wie George Carlin, Lewis Black oder Bill Maher ist da viel progressiver und radikaler, als es sich Hollywood heute erlauben kann oder will.

New Hollywood-Klassiker wie ALL THE PRESIDENT’S MEN, THE PARALLAX VIEW oder BLUE COLLAR bleiben ebenso unerreicht. Vielleicht weil diese Filme, viel mehr als die heutigen Politthriller, von einer tiefen Verunsicherung gezeichnet sind: sie sind Zeugnisse eines über die Maßen erschütterten Vertrauens in Politik und Gesellschaft. Heute dagegen scheint alles halb so wild. Das Netz hat uns alle demokratisiert; für jede unpopuläre Meinung gibt es eine Zielgruppe; niemand muss in den Krieg, wenn er nicht will; wir sind alle gleichberechtigt; wir glauben an das Gute in der Politik – ob wir es jetzt „change“ nennen oder Public Relations.

 

Quellen:

Callan, Michael Feeney: Robert Redford. Die Biographie. München: Droemer, 2011

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