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blutgletscher kritik

Ein Gespräch mit Marvin Kren über seinen neuen Film BLUTGLETSCHER

Marvin Kren hat ein Monster entfesselt. Ganz hoch oben, dort wo die Luft ziemlich dünn ist: am BLUTGLETSCHER. In Österreich. Im vollen Ernst. Ganz ohne Guck-mal-wie-Trashig-Blödsinn, sondern mit ungekünstelt ehrlicher Wucht. Erdverbunden wie einer dieser dunklen, mitten im Geröllfeld steckenden Felsbrocken. Ein blitzscharfer Splitter im somit stark ins Rumpeln gekommenen deutschsprachigen Förder-Kino. Bockig wie Yak. Am kommenden Donnerstag kommt er damit nun endlich auch in Deutschland ins Kino.

BLUTGLETSCHER, sein zweiter großer Film, nachdem ihm mit RAMMBOCK das kleine Wunder gelang, ausgerechnet für „Das kleine Fernsehspiel“ des ZDF einen Zombiefilm zu drehen. In Berlin. Packend und schmerzhaft spannend. Ein Zombiefilm, der dann (zurecht) auf derart viel Liebe stieß, dass er ganz regulär auch noch auf DVD erschien. International auf Festivals ziemlich gefeiert wurde. Marvin Kren mit einem Mal als die große dt. Genrefilm-Hoffnung galt.

Nun also Kino. Richtig groß. Ein Monsterfilm. Aus Süd-Tirol. Eine Wetterstation voller vergrimmter Eigenbrötler. Ein Gletscher, der über Nacht unheilvoll ins Rot kippt. Die Natur lebensbedrohlich für alle mutieren lässt. Ausgerechnet heute, als sich die Ministerin (Marvin Krens eigene Mutter, die wunderbare Brigitte Kren) hier für einen Fernseh-PR-Termin zum Klimawandel einfindet. Der Horror, der Horror…

Ein Gespräch mit Marvin Kren über Toshiro Mifune und die Kinderschuhe von Werner Herzog, über die „Schottermitzi“ und das Filmemachen in dünner Luft.

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Deine Filme scheinen sich sehr stark aus ihren ganz besonderen Orten heraus zu entwickeln: die Autobahnbrücke in SCHAUTAG, der Berliner Hinterhof in RAMMBOCK, nun im BLUTGLETSCHER die kleine Wetterstation hoch oben in den Bergen… Wie wichtig sind für Dich die Schauplätze?

Örtlichkeiten sind für mich ganz entscheidend, um sich bereits in der Phase des Treatments in eine Geschichte reinzuarbeiten. Für SCHAUTAG beispielsweise hat sich das alles an dieser Autobahnbrücke mit den drei Kindern darauf entwickelt. Das stand als Bild ganz am Anfang. Auch bei RAMMBOCK war da am Anfang dieser Mann, der in dieser Hinterhofwohnung steht, die er bald wie einst Michel Piccoli in THEMROC in Trümmer legen wird.

Für BLUTGLETSCHER ging es dann in bester Werner Herzog-Manier in die Natur. Wie wirken sich die Unwägbarkeit eines solchen Sets, diese gewaltige Bergwelt, mit all ihren Wetterumschwüngen auf einen Film aus? 

Klar, es war schon irgendwie Werner Herzog, aber Werner Herzog in Kinderschuhen. Herzog hat sich ja in seinen Filmen richtig in Gefahr begeben. Die Echtheit, diese Gewaltigkeit eines solchen Ortes, dann auch spüren zu können, war mir aber schon sehr wichtig und drum haben wir den Film dann auch tatsächlich oben am Berg gedreht und nicht, wie es den Produzenten sicher lieber gewesen wäre, in irgendeiner Schottergrube mit Green-Screens. Alleine schon die dünne Luft, die Bergketten, die Dich hier u-förmig umschließen, das kannst Du nicht simulieren. Das bekommst Du nur so in die Schauspieler rein, wenn Du tatsächlich dort bist. Gerhard Liebmann, der in BLUTGLETSCHER den Janik spielt, ist ja sogar extra drei Monate lang vor Drehstart schon in die Berge gereist, um sich kletternd in diesen Ort, in seine Rolle reinzufinden. Ich glaube, dass das enorm wichtig für die Echtheit des Films war.

Wo habt Ihr gedreht?

In Sulden, das ist das Hoheitsgebiet von Reinhold Messner, dort züchtet er seine Yaks, die für sich genommen schon ein klein wenig wie Monster aussehen. Lustigerweise ist das gleichzeitig auch das Sommer-Refugium von Angela Merkel, die ja gut mit Messner befreundet ist. Die beiden treffen sich dort regelmäßig zum Wandern und waren sogar just auch in dem Sommer dort, als wir hier gedreht haben.

Hattest Du denn Merkel für die mit Monstern am BLUTGLETSCHER ringende Ministerin vor Augen? 

Nein, Angela Merkel ist ja mehr ein Fisch, während meine Mutter, die die Ministerin spielt, ganz klar eine Löwin ist. Es gibt in Österreich eine Politikerin, die Maria Fekter, die unter der ÖVP Finanzministerin war. Eine Furie von einer Frau, auch genannt die „Schottermitzi“, sehr resolut und total unbeliebt bei den alternativen Österreichern, aber eben auf ihre Art auch eine sehr starke Frau, was dann viele nicht so gerne in ihr sehen wollten. Sie hatten wir vor allem vor Augen, als wir die Ministerin entwickelt haben.

Wie bist Du auf Gerhard Liebmann für die Hauptrolle des Janik in BLUTGLETSCHER gekommen?

Gerhard Liebmann ist mir vor allem in DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT von Andreas Prochaska aufgefallen. Das gibt es auch wirklich nur ganz selten, dass sich da Schauspieler so verwandeln können, wie er das kann. Außerdem wollte ich da jemanden haben, der gleichzeitig etwas ganz erdverbundenes hat. So einen richtigen grantigen Österreicher. In Vorbereitung auf den BLUTGLETSCHER haben wir uns dann noch einmal ganz viele Toshiro Mifune Filme angesehen. Insbesondere YOJIMBO von Akira Kurosawa wie auch HELL IN THE PAZIFIK (DIE HÖLLE SIND WIR) von John Boorman. Genau das Herz von Toshiro Mifune, das wollten wir nämlich am BLUTGLETSCHER zum Pochen bringen.

Auch wenn es sicher nicht falsch ist, Deinen Film als eine Art österreichisches DING AUS EINER ANDEREN WELT zu bezeichnen, so ist BLUTGLETSCHER dankbarerweise schon noch sehr viel mehr als nur post-modernes Fan-Kino, welches sich tief vor John Carpenter verneigt, ohne irgendwas eigenes mitzubringen. Wie stehst du da zu Deinen Einflüssen?

Klar, ich merke da mehr und mehr, wie mich das Kino der späten 80er geprägt hat. Nicht nur Carpenter, sondern ganz sicher auch John Bormann, DELIVERANCE (BEIM STERBEN IST JEDER DER ERSTE), POINT BLANK… verdammt, das hat mich klar alles ziemlich verankert. Sicher ist auch wahr, ich liebe Horrorfilme, aber trotzdem ist es für mich stets der dramatische Ansatz, aus dem sich alles heraus entwickeln muss. Insofern ist Horror sicher auch so etwas wie ein trojanisches Pferd. Ist zwar Genrekino, aber ermöglicht mir eben auch Filme über Menschen zu machen, so wie ich sie ganz real kenne und wie sie mich interessieren. Hierbei dann etwas Echtes, aus unserer Gegenwart Stammendes herzunehmen und mit der Idee eines Monsterfilms zu kreuzen, das finde ich total spannend und reizvoll. Das vor allem auch ernst zu nehmen, jede Figur durch etwas ganz Reales von Dir durchzuspiegeln, nur so entsteht, meiner Meinung nach, dann auch ein spannender Film, wird echtes Kino draus.

BLUTGLETSCHER kommt am 6. Februar in die deutschen Kinos.

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Bild-Copyright: Drop Out Cinema

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