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columbo falk rayfiel

Stephen King hat sich im autobiographischen DAS LEBEN UND DAS SCHREIBEN mal gefragt, was Schriftsteller, die selten schreiben, eigentlich machen, wenn sie nicht schreiben? „Teppiche knüpfen? Kirchenbasare organisieren?“ King hat gut reden, er haut jedes Jahr mindestens ein Buch raus. Dennoch ist die Frage nicht ganz unberechtigt. Was fangen Autoren, die wenig schreiben oder wenig veröffentlichen sonst so mit ihrem Leben an? Was machte ein David Rayfiel, wenn er nicht fürstlich dafür entlohnt wurde, ein, zwei Dialogzeilen für Sydney Pollack aufzupolieren?

Rayfiel ist ein interessantes, wenn auch geheimnisvolles Beispiel eines Autors bzw. Drehbuchautors, der gut von einer Arbeit leben konnte, die für die Öffentlichkeit meist nicht sichtbar war. Es waren die Skripts der Anderen, an denen er oft saß, ungenannt im Vorspann, anonym für den Kinogänger.

Er studierte Playwriting in Yale, nahm am 2. Weltkrieg teil, studierte fertig, und begann in den 1950er Jahren fürs Fernsehen zu arbeiten. 1962 bekam er eine Menge Lob für sein Stück PS 193, wo er seine Militärzeit mitverarbeitete. Er bekam prestigeträchtigere Fernseharbeiten angeboten, und traf so auf den jungen Sydney Pollack. Sie wurden Freunde und Kollegen.

Zu dieser Zeit ist Rayfiel noch vielbeschäftigter Autor. Der nächste logische Schritt: Er lässt den Broadway hinter sich, um mit Pollack an Kinofilmen zu arbeiten. So ging es den meisten aufstrebenden Autoren damals. Das Kino lockte mit magischen Versprechungen – die sich meist in konkreten Dollars widerspiegelten. Doch oft nutzte Pollack Rayfiel nicht als Haupt- oder alleinigen Autor sondern als Script Doctor. Fast jedem Sydney Pollack-Film wird eine Zusammenarbeit mit Rayfiel nachgesagt. So festigte er seinen Ruf innerhalb der Industrie, doch anders als Robert Towne (der, auch von Pollack, hier und da als Problemlöser angeheuert wurde) schaffte er es nicht, ins Rampenlicht zu treten. Vielleicht wollte er aber auch nicht.

LIPSTICK

Pollack hielt große Stücke auf Rayfiel, keine Frage. Den geflügelten Satz „Do you think that not getting caught in a lie is the same thing as telling the truth?“, den er für THE SENDER THREAD schrieb, verwendete Pollack danach in drei weiteren Filmen. Doch hat er, von den Fernseharbeiten abgesehen, nie ein Originaldrehbuch von ihm verfilmt. Es wurden auch nicht viele verfilmt. LIPSTICK von Lamont Johnson ist eine interessante Ausnahme, ist dies nämlich der einzige Kinofilm, für dessen Skript Rayfiel allein verantwortlich ist. LIPSTICK kommt ungefähr zur selben Zeit heraus wie DEATH WISH, und ist ebenfalls ein Selbstjustizthriller, jedoch ein recht ungewöhnlicher. Den eigentlichen Akt der Selbstjustiz gibt es erst am Ende, und dieser fällt gar nicht so reißerisch aus, wie man annehmen möchte. LIPSTICK handelt vor allem von einem Dilemma: Hat das von Margaux Hemingway gespielte Model seine Vergewaltigung tatsächlich provoziert bzw. nimmt die Öffentlichkeit den Fall so wahr? Inwiefern trifft sie eine Mitschuld, wenn sie mit ihren Reizen so offensiv umgeht, und ihre freizügigen Plakate in der ganzen Stadt hängen? Die Hälfte des Films spielt im Gerichtssaal, wo das Model sich dafür rechtfertigen muss, dass es sein Job ist, die Leute heiß zu machen.

Wenn man sich den Film heute anschaut, erscheint es mehr als seltsam, dass die Jury auf der Seite des von Chris Sarandon gespielten Vergewaltigers steht, eines frustrierten Musiklehrers, der zuhause wirre elektronische Musik komponiert. Aber vielleicht fängt der Film auch nur, wie DEATH WISH, den Zeitgeist ein, und beschreibt unter anderem das desaströse Verhältnis der amerikanischen Bevölkerung zu seinem Justizsystem.

Die Inszenierung versteht es, die Spannungselemente hervorzuheben, während die unterschwelligen dramatischen Elemente eher bedeckt bleiben. Vielleicht hätte das Skript die Sensibilität von Pollack gebraucht. Andererseits hätte der so ein Thema nicht einmal mit Samthandschuhen angefasst. Darin liegt der große Unterschied zu Rayfiel.

Sydneys Zweifel

Sydney Pollack hat es im Laufe seiner Karriere geschafft, sich durchweg interessante Stoffe anzueignen, und diese zu verwässern und zu sentimentalisieren. Paul Schrader beschwert sich heute noch, dass THE YAKUZA, sein erstes verfilmtes Skript, letztlich weder Fisch noch Fleisch geworden ist, weil Pollack keinen reinen Gangsterfilm machen wollte, und Robert Towne dazu holte, um das „romantische Element“ stärker herauszuarbeiten (als hätte er Tarantinos Skript zu RESERVOIR DOGS gelesen und gesagt: „Hier fehlt eine Frauenfigur!“).

Der Höhepunkt von THE WAY WE WERE war ursprünglich politisch motiviert gewesen: Die Figur, die Barbra Streisand spielt, wird als Kommunistin denunziert. Sie soll Namen nennen, sonst findet ihr Freund keine Arbeit mehr in Hollywood. Sie weigert sich, ihr Freund verlässt sie daraufhin. Aber nach einer enttäuschenden Preview entfernte Pollack diese und andere politische Szenen. Die McCarthy-Ära tritt endgültig in den Hintergrund. Nun ist es einfach nur ein Film über einen Mann und eine Frau, die sich mögen, aber irgendwie nicht verstehen.

THE THREE DAYS OF THE CONDOR beginnt großartig und endet genial. Dazwischen bändelt Robert Redford mit Faye Dunaway an. (O-Ton Pollack: „Was fehlte, war eine Prise Menschlichkeit, und die konnte meiner Meinung nach nur eine Liebesgeschichte bringen. Man hat mir vorgeworfen, ich hätte diese Karte viel zu oft ausgespielt, aber ich stehe dazu, denn so kriegt man das Publikum.“)

THE ELECTRIC HORSEMAN ist (trotz anderer Story) genau derselbe Film. (O-Ton Pollack: „Die Erlösung musste durch eine Liebesbeziehung erfolgen.“)

Und was John Milius wohl zu Pollacks Verfilmung seines Skripts LIVER-EATING JOHNSON: THE LEGEND OF THE CROW KILLER sagt, kann man sich denken.

Pollacks Projekte sind oft gekennzeichnet vom Misstrauen gegenüber dem Stoff, den er verfilmt. Er mag das Originalskript, aber nicht für das, was es ist, sondern für das, was es sein könnte. Seinen Skriptdoktoren vertraut er ebenso wenig, sonst hätte er vielleicht mal eins ihrer Skripts verfilmt. Dieses Misstrauen oder diese Unentschlossenheit merkt man seinen Filmen an. Darin ist er Rayfiel nicht unähnlich, der offensichtlich auch nicht genug Vertrauen in seine Fähigkeiten hatte, um am Broadway zu bleiben, und ein gefeierter Stückeschreiber zu werden. Stattdessen wirkte er meist als Problemlöser im Hintergrund. Ein Verlust. Denn Rayfiel hatte weiß Gott Talent. Er hatte, wie er selbst sagte, ein Gespür für dramatische Situationen. Mit wenigen Dialogzeilen konnte er eine Stimmung schaffen, die stärker war als der gesamte Film.

Große Momente

In der Columbo-Episode SWAN SONG spielt Johnny Cash einen Country-Musiker, der seine Frau umbringt, und es wie einen Unfall aussehen lässt. Peter Falk ertappt ihn auf frischer Tat, wie er versucht, Beweismittel zu beseitigen. Die beiden bleiben ganz ruhig. Falk geleitet Cash zu seinem Auto. Aus dem Lautsprecher hört man einen Song von Cash.

Cash: „Aren’t you afraid being up here alone with a killer?

Falk: „No, Sir. […] Sooner or later you would’ve confessed even if I hadn’t caught you.

Cash: „Yeah, you’re right, Lieutenant, I would‘ve. ‘Cos it was getting to me and I’m glad it’s over.

Falk: „Listen. Any man that can sing like that can’t be all bad.

Gerade dieser Moment, die letzte Szene dieser Episode, entfaltet eine unglaubliche Wirkung. Nachdem Falk und Cash anderthalb Stunden umeinander herumgeschlichen sind, ist dies die erste und einzige ehrliche Begegnung, die die beiden haben. Ein seltsam trauriger, sehr berührender Moment.

Die 1964er Episode THE WATCHMAN des KRAFT SUSPENSE THEATRE von Pollack und Rayfiel ist ein weiteres interessantes Puzzlestück in Rayfiels Karriere. Einen kleinen großen Spielfilm haben wir da vor uns, ein starkes Melodram, das von Liebe und Loyalität, Krieg und Verrat handelt – und gleichzeitig auch die eigene Geschichte des Autors erzählt. Es geht um einen Schriftsteller (Jack Warden), der sowohl im 2: Weltkrieg als auch im Koreakrieg gekämpft hat (wie Rayfiel), der sein ganzes Leben lang weggelaufen ist, bis sich sein Schicksal und das der Frau, die er liebt, endgültig entscheidet. Die Folge ist durchzogen von Gesprächen des Schriftstellers mit seinem Therapeuten: Hier lässt uns Rayfiel quasi an einem Selbstgespräch teilhaben, eine selten kostbare Selbstoffenbarung eines Mannes, der einer Generation angehört, die sich nicht einmal ihrer Ehefrau geöffnet hat.

Warden: „Hell, I was born outta town. I always looked forward to moving. Everything new. To see. To smell. To touch. Taste. (lacht) Even girls seem like something new. (Pause) I love strange cities.

Therapist: „Strange cities? Or being a stranger?

Warden: „Alright. I like being unknown.

Der Krieg hat alles verändert, hat ihn herausgerissen aus seinem Leben, zweimal, und es ist vielleicht kein Zufall, dass seine erste Ehe 1953 mit dem Koreakrieg zu Ende ging.

Warden: „I was saved, Doctor. By the Second World War. […] I got so good at war, I went twice. Once, East of Europe. Once, West of Korea, five years later. But the second time was a mistake, even the army knew it. I was hit three weeks after I got there.

[…]

Therapist: „When you came back the second time from Korea, how did you feel?

Warden: „How would you feel, Doctor? […] I felt home. And young. I had a typewriter, a talent, and time.

Ein Echo dieser außergewöhnlichen Episode findet sich auch in Pollacks HAVANA, der zu seiner Zeit als CASABLANCA-Remake rezipiert wurde, mit doppelt so vielen Schauwerten, aber halb so viel Originalität. Ein kritischer wie kommerzieller Flop. Dabei ist HAVANA einer der ausgeglichensten Pollack-Filme, auch dank Rayfiel, der das Original-Skript von Judith Rascoe überarbeitete. HAVANA einige der schönsten Dialoge, die Hollywood in den Neunziger Jahren zu bieten hatte. Ein Beispiel: Als der Spieler in einer Stresssituation nach einer Zigarette greifen möchte und realisiert, dass er keine hat, sagt er zu der Frau, für die er sein Leben riskiert hat: „I came 200 miles for you without a cigarette.“ Er wusste wahrscheinlich selbst nicht, was für eine Liebesbezeugung das war.

Rayfiel entwirft, fast dreißig Jahre nach THE WATCHMAN, erneut eine Dreiecksbeziehung zwischen einem Amerikaner, der sich für neutral hält, einer Frau, die zwischen Ideal und Gelegenheit steht, und einem Revolutionär, der diese Frau nicht nur als Zierde braucht.

Natürlich ist Redford kein Bogey, und Lena Olin keine Bergmann, aber wer ist das schon? Der Film zitiert zwar CASABLANCA (durchaus augenzwinkernd), ist aber vor allem eine aufwendige Neuverfilmung von THE WATCHMAN.

Doch auch Redfords Beitrag ist nicht zu unterschätzen. In seiner Biographie ist zu lesen:

„Sowohl in der Stimmung als auch im Ton hebt sich HAVANA deutlich von den anderen Redford-Pollack-Koproduktionen ab, er trägt deutlich den Stempel von Redfords sturem Individualismus. Die zugrundeliegende Philosophie, die moralischen Werte, die gesellschaftlichen Beurteilungen, der Witz, all diese Dinge tragen weitgehend seine Handschrift. Laut David Rayfiel hat Redford zwar nur kleine, aber dafür entscheidende Änderungen am Skript vorgenommen, um den Figuren eine größere Tiefe zu verleihen. ‚Er verwarf das Drehbuch nicht, aber er hatte eine eigene Vorstellung von der Tonalität, und Sydney hat sich dem nicht widersetzt.‘“

Jobs in Europa

Zweimal arbeitete Rayfiel auch mit Bertrand Tavernier zusammen. ‘ROUND MIDNIGHT ist eine Liebeserklärung an Jazz-Musiker wie Bud Powell und Lester Young (denen der Film gewidmet ist), in dem Meister wie zum Beispiel Herbie Hancock und Wayne Shorter auftreten. Leider ist der Film selbst so ehrfürchtig gegenüber den Vorbildern, dass der Film in seinen guten Absichten verharrt. ‘ROUND MIDNIGHT ist noch nicht mal ein Film über Jazz, sondern lediglich eine gefällige kleine Story über alternde Jazz-Musiker, mit ein paar schönen Dialogzeilen von Rayfiel. Dabei birgt das Skript genug Konfliktpotential. Der Protagonist ist ein alternder Alkoholiker, der von sich sagt: „I’m tired of everything – except music.“ Sein Freund, ein cholerischer Franzose, lässt seine Tochter allein zuhaus, um sich seine Band anzuhören. Die Zutaten liegen alle bereit: ein Alkoholiker, der nicht mehr viel vom Leben erwartet; ein Psychotiker, der nur Halt in der Musik findet; zwei zerrissene Familien; der Verlust der Heimat, etc. Im Grunde ist ‘ROUND MIDNIGHT ein Film über zwei selbstzerstörerische Außenseiter, deren Welt außerhalb des Jazz am Bröckeln ist. Aber die Inszenierung steht dem Ganzen gleichgültig gegenüber, und verweilt bei den entspannten Nachtclubszenen. Ein Wohlfühlfilm.

Laut einigen Nachrufen war Rayfiel auch als Skript-Doktor an Ingmar Bergmans THE SERPENT’S EGG beteiligt, seinem einzigen Hollywoodfilm. Ob da was dran ist, ist schwer nachzuweisen. Doch waren für die Hauptrollen einige Stars wie Dustin Hoffman oder auch Robert Redford im Gespräch. Redford war, wie Pollack, einer der stärksten Advokaten Rayfiels, und es ist nicht unmöglich, dass er den Kontakt vermittelt hat. Doch wozu braucht ein Ingmar Bergman einen Skript-Doktor? Vielleicht um der englischen Übersetzung seines Skripts etwas Schliff zu verleihen?

Viele von Rayfiels Spuren verlieren sich in unzähligen, unbeschriebenen Produktionsgeschichten. Er war kein egomanischer Autor – jedenfalls nicht in der Hinsicht, dass er das Rampenlicht, die Bestätigung des Publikums gesucht hätte. Er hatte einen hervorragenden Ruf innerhalb der Industrie, und arbeitete mit vielen wichtigen Regisseuren zusammen. Vielleicht war er zufrieden, da, wo er war. Vielleicht hat er aber auch den großen Durchbruch gesucht, der ihm letztlich nicht vergönnt war. Drehbuchautoren haben meist unzählige unverfilmte Skripts in der Schublade. Oder aber er flüchtete vor der Bürde, die ihm sein großes Talent aufzuerlegen schien. Ich erinnere mich an den Dialog in THE WATCHMAN zwischen Jack Warden und seinem Psychiater, der ihn mit folgenden Worten konfrontierte:

Therapist: „It isn’t unusual for a man to run, even toward great danger, toward death, to escape wisdom. To not know. Never to know. You’re doing that? Will you ever come back?“

 

Quellen:

Callan, Michael Feeney: Robert Redford. Die Biographie. München: Droemer, 2011.

King, Stephen: Das Leben und das Schreiben. München: Heyne, 2002.

Online-Quellen:

http://www.hollywood-elsewhere.com/2011/06/rayfiel/

http://www.nytimes.com/2011/06/23/movies/david-rayfiel-screenwriter-with-sydney-pollack-dies-at-87.html?_r=0

http://www.theguardian.com/film/2011/jul/01/david-rayfiel-obituary

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