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Kleine Momente des Schönen – wie Sansas Szene im Schnee aus MOCKINGBIRD – schenken dem Zuschauer kurze Lichtblicke an dem ansonsten hoffnungslos verhangenen Horizont von Westeros.

Kleine Momente des Schönen – wie Sansas Szene im Schnee aus MOCKINGBIRD – schenken dem Zuschauer kurze Lichtblicke an dem ansonsten hoffnungslos verhangenen Horizont von Westeros.

MOCKINGBIRD, die siebte Folge der vierten Staffel GAME OF THRONES, veranschaulichte deutlich, wie zerbrechlich die Welt von Westeros zurzeit doch ist. Magie, Macht, Gewalt und Liebe – alles sind unberechenbare Größen, sie lassen das Geschehen mal in diese, mal in die andere Richtung ausgehen. Das Gleichgewicht der Sieben Königreiche ist gestört, alles liegt in der Schwebe, Figuren taumeln auf einem schmalen Grat zwischen Triumph und Untergang. Gebannt darf der Zuschauer darauf warten, was als nächstes passieren wird. Dabei wurde in MOCKINGBIRD gezielt mit den Erwartungen gespielt – Ernüchternde Enttäuschung und aufkeimende Hoffnung gingen Hand in Hand.

Eigentlich sollte man sich in der Welt von Westeros keine Hoffnung mehr machen. Neds Hinrichtung, die Red Wedding und andere Ereignisse haben einen eines Besseren belehrt; jeglicher Glaube an eine ausgleichende Gerechtigkeit ist zerstört. Selbst ein vermeintlicher Sieg für die „gute Seite“ wie mit Joffreys Tod zieht sofort negative Konsequenzen nach: Tyrions Situation in King’s Landing scheint immer hoffnungsloser. Nach und nach lassen ihn auch seine verbliebenen Freunde im Stich, keiner will als Champion seinen Kopf für ihn herhalten. Kein Wunder, ist der Gegner doch kein geringer als Gregor „der reitende Berg“ Clegane, dem das Töten keine Pflicht, sondern reines Vergnügen ist. Unabhängig voneinander betrachten Jaime und Bronn die Sache realistisch und sagen Tyrion ab: Jaime ist aufgrund seiner verlorenen Hand nicht einmal mehr halb der Krieger, der er einmal war. Bronn dagegen hat schlicht keine Lust mehr zu kämpfen. Tyrion kann dem zu Wohlstand gekommenen Gauner nichts mehr anbieten. Bei all der guten Zeit, die sie zusammen verbrachten, ging ihre Freundschaft doch nie wirklich über eine Zweckgemeinschaft hinaus: „I like you, pampered little shit that you are, I just like myself more.

Tyrions Situation wird immer aussichtsloser: Weder sein Bruder Jaime noch seine letzte Hoffnung Bronn wollen für ihn als Champion gegen Gregor Clegane antreten.

Tyrions Situation wird immer aussichtsloser: Weder sein Bruder Jaime noch seine letzte Hoffnung Bronn wollen für ihn als Champion gegen Gregor Clegane antreten.

Auch an der Mauer bahnt sich eine große Katastrophe an. Dabei geht die Bedrohung nicht nur von der Armee tausender Wildlinge aus, die sich auf dem Marsch nach Süden befindet, sondern vor allem von der Führungsclique der Nachtwache selbst. Alliser Thorne setzt alles daran, den durch Joffreys Tod freigewordenen Platz als hassenswerteste Figur der Serie einzunehmen. Der neue Lord Commander blockiert aus purer Boshaftigkeit jegliche hilfreiche Idee von Jon Snow. In seiner blinden Starrköpfigkeit lässt Thorne lieber die gesamte Nachtwache untergehen als Jon Snow Recht zu geben.
Dummheit ist bekanntlich ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit.

Schon lange muss der Zuschauer mit ansehen, wie seine geliebten Figuren in GAME OF THRONES nicht mehr um eine bessere Zukunft kämpfen, sondern um ihr nacktes Überleben. Die Charaktere wie auch der Zuschauer müssen damit klarkommen, dass mit jedem Schritt die Welt von Westeros ein wenig düsterer wird. Unfreiwillig klingen einem die Worte von Ramsay Snow aus THE CLIMB im Hinterkopf nach: „If you think this has a happy ending, you haven’t been paying attention.“ Wird es für irgendeine Figur überhaupt einen guten Ausgang geben?

Sansas Schnee-Winterfell ist die Utopie einer goldenen Zeit vor all dem Schrecken, ein wahrhaftiger Niemals-Ort, zu dem es keine Rückkehr gibt.

Sansas Schnee-Winterfell ist die Utopie einer goldenen Zeit vor all dem Schrecken, ein wahrhaftiger Niemals-Ort, zu dem es keine Rückkehr gibt.

Und dennoch möchte man die Hoffnung nicht aufgeben, dass eines Tages die Dinge sich wieder zum Besseren wenden. In MOCKINGBIRD verdichtet sich diese Sehnsucht nach der verlorenen Unschuld in dem Schnee-Schloss, das Sansa auf der Eyrie erbaut. Es ist eine genaue Replika ihrer zerstörten Heimat Winterfell, wie der kundige Zuschauer sofort erkennt – wird einem im Vorspann der Serie doch immer wieder die Ruinen von Winterfell als Erinnerung an die zerstörte Idylle vor Augen geführt. Sansas Schloss ist eine verblassende Erinnerung an ihre unbelastete Zeit vor King’s Landing, vor Verrat, Leid, Demütigung und Tod. Ein Luftschloss, in dem sich der Wunsch nach ihrer vergangenen Kindheit als ebenso vergebliche wie auch schöne Illusion erweist. Denn wie schon in King’s Landing werden auch hier ihre Träume von einem verwöhnten kleinen Prinzen unbarmherzig niedergetrampelt. Robin Arryn, der angehende Lord der Vale, erscheint und zerstört das schöne Kunstwerk seiner Cousine und zukünftigen Braut. It’s Joffrey all over again.

Oder doch nicht? Sansa hat genug und gibt ihrem widerwärtigen Cousin eine Ohrfeige. Hat das unschuldige Lämmchen endlich gelernt, sich gegen die Wölfe zur Wehr zu setzen? Entsetzt rennt der kleine Prinz zu seiner Mutter. Sansas Ohrfeige war wie schon Tyrions Züchtigungen von Joffrey ein Befreiungsschlag, für die Figur ebenso wie für den Zuschauer. Doch hatten diese wohltuenden Momente des Widerstandes bei ihrem Ehemann leider ernsthafte Folgen, wie die Verhandlung in THE LAWS OF GODS AND MEN gezeigt haben. In Westeros bleibt keine gute Tat unbestraft.

So why go on?

Zwei Arten der Bewältigung: Während ihre Schwester weiterhin Luftschlösser baut, führt Arya in MOCKINGBIRD existentialistische Gespräche mit einem Sterbenden.

Zwei Arten der Bewältigung: Während ihre Schwester weiterhin Luftschlösser baut, führt Arya in MOCKINGBIRD existentialistische Gespräche mit einem Sterbenden.

Wieso dann das Ganze? Diese Frage steht im Zentrum der Folge, als Arya und der Hound auf einen sterbenden Mann treffen. Wenn die Welt vor die Hunde geht, das Unrecht siegt und alles Gute verdirbt – Wieso dann doch weitermachen, fragt Arya Stark. Für den Zuschauer umformuliert heißt das: Wieso noch weiterschauen, wenn die Welt von GAME OF THRONES dunkler und dunkler wird und das Licht am Ende in immer weitere Ferne rückt? Gewohnheit, antwortet der sterbende Mann. Was sonst bleibt einem übrig? In dieser ernüchternden Antwort kann man durchaus so etwas wie Trost finden, von einem existentialistischen Standpunkt aus jedenfalls. Schließlich ergreift der Hound seine Waffe und befreit den Sterbenden mit einem gezielten Hieb ins Herz von seinem Elend. Tod, die negative Konstante in Westeros, umgedeutet zu einem Akt der Gnade. Ein Lichtblick, der doch nur einen Augenschlag andauert, bis Arya mit einem todbringenden Stoß ins Herz einen weiteren Schurken – Rorge – von ihrer Liste streicht.

Ob man nun weiterhin wie Sansa von einer Rückkehr des Glückes träumt oder wie Arya sein Glück darin findet, das eigene Unglück zu akzeptieren – in jedem Fall wird nicht aufgegeben. Vielleicht ist alles nicht so schlimm, wie es scheint. Alles, was es braucht, ist ein klein wenig Vertrauen. Wie bei Brienne und Podrick: Ohne eine wirkliche Spur haben sie sich auf die Suche nach Sansa begeben und in dem wahrscheinlich bestbesuchten Wirtshaus in den Riverlands eine neue Fährte gefunden. Und das ausgerechnet durch Briennes leichtsinnige Naivität. Überaus vertrauensvoll erzählt sie einem Schankjungen von ihrer Mission, die Starktochter zu finden. Welch Glück für sie, dass es sich bei diesem Schankjungen um keinen Lannister-Schergen, sondern um Hot Pie handelte, der sie prompt auf Aryas Spur brachte. Nun befinden sich Brienne und Pod ebenfalls auf dem Weg zur Eyrie. Ob das ungewöhnliche Paar das noch ungewöhnlichere Paar aus Arya und dem Hound einholen wird?

Auch bei Tyrion wenden sich die Dinge zum Ende von MOCKINGBIRD überraschend zum Guten: Der dritte und letzte Besuch in seiner Zelle durch Oberyn Martell bot nicht nur einen unerwarteten Verbündeten, sondern auch die beste Tyrion-Szene der Folge. Für die Rote Viper stellt Tyrion nicht das Monster dar, wie ihn seine Familie seit seiner Geburt hinstellt. Oberyn willigt ein, Tyrions Champion zu sein – nicht aus Nächstenliebe, sondern als ersten Schritt, seine Rache am Haus Lannister für den Tod seiner Schwester Elia endlich ausführen zu können. Sein erstes Opfer: Gregor Clegane, Cerseis Champion und der Mörder von Elia.

House Baelish

Ihre blinde Liebe für Littlefinger wird Lady Lysa Arryn zum Verhängnis: „I have only loved one woman...only one my entire life: your sister.“

Ihre blinde Liebe für Littlefinger wird Lady Lysa Arryn zum Verhängnis: „I have only loved one woman…only one my entire life: your sister.

Die größte Ereigniswende vollzog sich jedoch auf der Eyrie. Selbstverständlich ist Littlefinger einmal mehr der Mann der Stunde – verweist doch der Titel der Folge, MOCKINGBIRD, auf das Wappen des selbst gegründeten Hauses des Emporkömmlings. Die Spottdrossel gilt als furchtlos und aggressiv, symbolisiert auf der einen Seite also Littlefingers kühne Ambition, die Welt ins Chaos zu stürzen, um über sie herrschen zu können. Seinen Namen hat der nordamerikanische Vogel jedoch von dem Verhalten mancher Arten, den Gesang anderer Vögel und die Geräusche von Insekten und Amphibien nachzuahmen. Auch Littlefinger imitiert mit seinem selbst geschaffenen Haus die Welt des Adels, in die er einfallen möchte, macht sich dadurch aber über sie lustig und kehrt sie schließlich gegen sich selbst. Der Krieg der großen Häuser, der Konflikt zwischen den Starks und Lannisters – alles nur eine Farce. Auf der großen Weltbühne lässt Littlefinger die Gesellschaft sich in ihrer Engstirnigkeit selbst entblößen.

Es ist das Werk eines wahren Tricksters. Alle sind sie von ihm an der Nase herumgeführt worden, allen voran Lysa Arryn. Sie war Littlefingers wichtigstes Werkzeug. Als sie ihren Zweck erfüllte, ließ Littlefinger sie fallen – wortwörtlich. Mit einem beherzten Stoß ließ er sie durch die Moon Door stürzen, kurz nachdem sie sein neuestes Werk(- und Spiel-)zeug Sansa bedrohte. Nicht nur eine Tat aus dem Affekt heraus, sondern auch ein kalkulierter Schritt. Die Ehe mit Lysa war vollzogen, Littlefinger steht nun davor, die Vale unter seine Herrschaft zu bringen. Eine Ausrede für das plötzliche Ableben seiner Frau wird ihm schon einfallen. So führt sein Weg immer weiter nach oben, während er für andere unvermittelt bergab geht. Mit der Erwartung großer Dinge wird der Zuschauer aus MOCKINGBIRD entlassen – das Finale der vierten Staffel kann kommen!

Andere Gedanken:
* Die Szenen mit Daario und Ser Jorah in MOCKINGBIRD haben es gezeigt: Für Dany ist es noch ein langer Weg bis zur guten Herrscherin. Nach außen hin ist sie die taffe Mother of Dragons und Breaker of Chains mit bad ass-Attitüde, doch steckt dahinter nichts weiter als ein unsicherer Teenager, der sich zu leicht von seinen Gefühlen und Hormonen steuern sowie der Meinung anderer beeinflussen lässt. Das wär ja alles nicht so schlimm, wenn sie dabei nicht so unverschämt arrogant wäre. In dieser Staffel sammelt die khaleesi wahrlich keine Pluspunkte bei mir…
* Die Szene zwischen Melisandre und Selyse Baratheon war ebenso interessant wie auch verwirrend. Eine nette Idee, Melisandre ihre Magie zum Teil als faulen Zauber entlarven zu lassen und ihr sogar einen Witz in den Mund zu legen – auch wenn er nicht gerade der Oberbrüller war. Doch kam die Szene nicht um die obligatorische sexuelle Spannung aus, welche die Frau in der Serie permanent zu umgeben scheint. Was hat die rote Hexe nur mit unserer lieben Shireen vor?
* Tyrions stille Reaktion auf Prinz Oberyns Geschichte von dessen Besuch in Casterly Rock lässt einen noch einmal den tiefen Schmerz nachspüren, der sich hinter seinem Wut-Monolog aus der vorherigen Folge verbarg. Sollte Peter Dinklage nicht THE LAWS OF GODS AND MEN als Emmy-Submission einreichen, dann doch bitte MOCKINGBIRD! Es ist erstaunlich, wie der Mann es schafft, sich von Folge zu Folge noch an Intensität zu überbieten.
* Arya versuchte dem Hound nahezulegen, seine durch Biter verursachte Bisswunde am Hals mit Feuer auszubrennen. Vergeblich. Lieber nimmt er eine Infektion in Kauf, als das lodernde Element noch einmal in die Nähe seines Gesichts kommen zu lassen. Ein großer Krieger, der an einer entzündeten Wunde zugrundegeht – Mach uns nicht den Khal Drogo, Sandor!
* Apropos: Erst Charles Dance (Tywin), jetzt Rory McCann (Hound). Man kann Maisie Williams mit den unwahrscheinlichsten Cast-Mitgliedern zusammenbringen, die Chemie stimmt einfach immer. Großartig!
* Wie kommt der kleine Robin jetzt an seine Milch?
* Ja genau, der grobe Bärtige mit Stiernacken und Baumstamm-Oberarmen war Gregor Clegane. Zum dritten Mal ist die Rolle nun neu besetzt worden: In der ersten Staffel wurde er von Conan Stevens gespielt, der die Serie jedoch verließ, um den nicht minder sympathischen Ork-Anführer Bolg in der THE HOBBIT-Trilogie zu spielen. In der zweiten Staffel wurde die Rolle von Stuntman Ian White kurzzeitig übernommen, bevor sie jetzt mit dem isländischen Bodybuilder Hafþór Júlíus Björnsson noch einmal ein neues Gesicht bekam.
* Der Kuss zwischen Littlefinger und Sansa war seltsam. Welche Rolle wird die Tochter von Littlefingers großen Liebe Catelyn, die doch so viel schöner aussehe als ihre Mutter, in den Plänen des Tricksters einnehmen?
* Interessant, wie innerhalb der Erzählwelt von GAME OF THRONES Ned Stark oft als moralische Größe zur Bemessung der Integrität eines Charakters herangezogen wird (in dieser Folge von Ser Jorah Mormont). Wieviel Ned bist du?
* Nicht wundern: Aufgrund des Memorial Days wird GAME OF THRONES diese Woche eine Runde aussetzen.

Bildcopyright: HBO