Seite auswählen

 Es beginnt mit dem Töten, einer Handlung die weit entfernt ist von der alltäglichen Lebenswelt westlicher Zivilisation. Ein Junge, kaum zehn Jahre alt, hält ein Gewehr in der Hand und wird gezwungen eine Exekution durchzuführen. Mit präziser Treffsicherheit führt er die Aufgabe aus. Wenn der leblose Körper des Hingerichteten in sich zusammensackt, ist es nur zu erahnen, was in dem Kind vorgeht, das mit gesenktem Kopf den Richtplatz verlässt. Diese Szene aus Nelofer Paziras Debut-Film Act of Dishonour beschreibt die, für westliche Augen, befremdliche und bedrohliche Realität Afghanistans, die wir durch das Rauschen medialer Aufarbeitung nur erahnen können. Bis heute wird das karge Land immer wieder von inneren und äußeren Konflikten geprägt. Die Relikte der Auseinandersetzungen sind immer noch deutlich zu sehen und prägen die Lebenswelten der Menschen dort als mahnende Monumente am Rande der Straße – wie zerschmetterte Panzer in einem Gebirgsbach, die ausgeblichenen Knochen eines Soldaten gleich daneben. Wenn auch nicht mehr offen gekämpft wird, die Talibanregierung abgetreten ist, so muss sich das Afghanistan der Gegenwart nach wie vor mit seiner eigenen Identität auseinandersetzen. So sind es gerade die religiös–ideologischen Konfrontationen, die das Land in diesen Tagen immer noch vor Probleme stellen. Nach wie vor ist das tägliche Leben durch eine erzkonservative Haltung einer islamischen Gesellschaft geprägt. Während die einen, die für ihr Land gekämpft haben, an alten Werten festhalten, werden sie mit den Vorstellungen derer konfrontiert, die das Land in eine moderne und neue Gesellschaft überführen wollen. Die Auswirkungen dieses „clash of culture“ betreffen nicht nur die großen Städte wie Kabul oder Kandahar, sondern sind bis in die vereinsamten Dörfer der Bergregionen zu spüren.

Hier setzt Nelofer Paziras Film ein, ihre Protagonistin Mena (Marina Golbahari) ist eine junge Frau, die kurz vor ihrer Hochzeit steht. Sie lebt in einem der Dörfer im Norden, irgendwo in der Grenzregion nach Tadschikistan. Einem Ort, völlig entrückt vom weltlichen Geschehen. Als ein kanadisches Filmteam seinen Weg dorthin findet, wissen die Dorfbewohner zunächst nicht, was die Fremden vorhaben, geschweige denn wissen sie, was Film eigentlich ist. Während des Aufenthaltes des Teams im Dorf wird Mena von Megjan (Nelofer Pazira) angesprochen, doch bei einer Szene mitzuwirken; als Lohn verspricht sie ihr eine der Burkas, die für die Szene verwendet werden. Mena lässt sich darauf ein, denn die Aussicht auf eine der schönen Burkas verspricht ihr Ansehen. Für die Afghanin ist die Burka ein Symbol des Begehrtwerdens und Begehrens, keine der Frauen hier besitzt eine solche. Allerdings bedeutet das auch, ihre Behausung zu verlassen, was den Frauen alleine nicht erlaubt ist – schon gar nicht den Unverheirateten. Als sie sich doch dazu entschließt, ist der Konflikt mit der Dorfbevölkerung unausweichlich.

Act of Dishonour wurde in Afghanistan an Originalschauplätzen gedreht, die Darsteller waren zum zum Teil Laien, ebenso die afghanische Crew, die an dem Projekt beteiligt war. Sie musste in vielerlei Hinsicht erst einmal für ihre Aufgaben angelernt werden. Gemischt mit dem kanadischen Team, machen diese Produktionsumstände die Arbeit der Regisseurin Nelofer Pazira zu einem nicht unproblematischen Abenteuer. Insbesondere als afghanische Frau musste sie sich gegenüber den männlichen, afghanischen Teammitgliedern behaupten, darüber hinaus stellt sie sich auch noch der Aufgabe, eine der tragenden Rollen im Film zu übernehmen. Viele der Szenen des Films entsprechen eigenen oder Erlebnissen der Darsteller und geben so eine realistische Perspektive der Situation in diesem Land wieder.

ACT OF DISHONOUR
R.: Nelofer Pazira
D.: Marina Golbahari, Ali Fazil, Nelofer Pazira, Abdul Ghafar Qoutbyar und Masood
Kanada, 2010, 92 Min
Foundry Films, Nomad Films