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Dieses Jahr lief auf goEast Kinder des Grünen Drachen, die Geschichte eines Chinesen ohne Papiere, der sich mit einem einsamen Ungarn anfreunden wird, trotz Sprachbarrieren. Ein typische Culture-Clash-Komödie, die sehr unterhaltsam war. Denselben Film durfte man in Mannheim sehen, diesmal aus Argentinien. Und diesmal hat der Chinese Papiere, und der Ungar wird zu einem Argentinier, ebenfalls einsam, doch mit einer zusätzlichen Prise Slapstick. Un cuento chino (Chinese zum Mitnehmen auf Deutsch) hat aber, im Unterschied zu seinem ungarischen Pendant, schon einen deutschen Verleih und wird im Januar in den Kinos starten.

Während der ungarische Film eine Fremdkultur darstellte, um sich ihr über Kommunikation als Spiel anzunähern, ist die Notwendigkeit eines Verstehens der anderen Kultur aus Argentinien aus überhaupt nicht mehr nötig. Es geht nur darum, den Chinesen loszuwerden. Und da hat man natürlich ziemlich viel mit Behörden, mit Kommunikationsbarrieren und vor allem mit einer Konfrontation mit sich selbst zu tun, den Roberto (Ricardo Darín), der mürrische, einsame, unsoziale doch tief in seinem Inneren gute Mensch, der den Chinesen Jun findet und ungewollt aufnimmt, wird durch diesen asiatischen Mitbewohner dazu kommen sich selbst mit anderen Augen zu sehen und zu überwinden.

Der rote Faden diesmal ist nicht das Spiel, sondern die mediale Darstellung. Roberto sammelt außergewöhnliche Zeitungsartikel über unwahrscheinliche Ereignisse aus aller Welt. Es geht um die Unmöglichkeit, fremde Kulturen zu verstehen, um die Tatsache, dass ihr Image immer verfremdet wird, denn nur das Sensationelle und das Abstruse findet globale Resonanz. So ist aber auch Juns Geschichte, so ist die Geschichte mit welcher Robertos Sammlung überhaupt anfing, eine Geschichte über ihn. Darum sind sie wahrscheinlich auch zusammengeraten, denn Jun ist ein lebendiges Exponat in Robertos Sammlung und ihre gemeinsame Geschichte toppt alle anderen. Mögen kann man diesen Film nur als mediales Märchen und als eine Satire über Filme, die fremde Kulturen zu verstehen versuchen und dabei versagen. Ob er aber überhaupt diesen Anspruch hat ist fragwürdig. Bezeichnend in dieser Hinsicht ist die peinliche Entscheidung des Films, die Credits am Ende auf Chinesisch laufen zu lassen, nun wo das Problem Jun endlich beseitigt wurde.

Viel interessanter wird das Thema mediale Wahrnehmung in einem chinesischen Beitrag des Wettbewerbs gehandelt, aus dem inneren des Landes aus. Eine chinesische Geschichte, die den Titel, wäre er auf Chinesisch, diesmal auch verdient, ist Hei Bai Zhao Pian. Einen Film über einen in den USA ausgewanderten Chinesen, der als jugendliche eine Leidenschaft für Fotografie hatte.

An seiner Person beschreibt der Film, wie die Wahrnehmung der Wirklichkeit über das Auge der Kamera eine völlig fremde sein kann. Die schwarz-weiß Bilder seines Heimatviertels als einzige wahren Vermittler zwischen der Gegenwart und der Stadt seiner Kindheit, seine Unfähigkeit, sich, von den Bildern betrübt, für die richtige erste Liebe zwischen den zwei Kandidatinnen zu entscheiden bilden ein großartiges Gerüst für die Verallgemeinerung im politischen Kontext: Doppelt kodiert wird die Wirklichkeit der Proteste von 1989 auf dem Tian’anmen Platz und dem anschließenden Massaker. Die Wirklichkeit des Fernsehens wird hinterfragt, seine propagandistische Macht bloßgestellt, während der Junge Berichte zu denselben Ereignissen im amerikanischen Radio hört.

Der Film verbringt viel Zeit mit dem Porträtieren des Alltags des Jungen, mit der Beschreibung seiner Umgebung, der Menge an Nachbarn die auf engstem Raum lebt, sich die Küche teilt und sich nach Möglichkeit gegenseitig hilft, mit der Darstellung der Auswirkungen der kulturellen Revolution auf die Bevölkerung und erreicht uns so persönlich um sich dann anschließend selbst zu hinterfragen. Wollen wir diesen Bildern glauben, können sie Wahrheit sein, oder doch nur ein Film?
 
Lesen Sie hier alle Texte zum diesjährigen IFF Mannheim-Heidelberg.