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Kürzlich ist die Werbekampagne zu Miuccia Pradas Herrenkollektion Herbst/Winter 2012 gestartet. Schon bei der Präsentation der Kollektion in Mailand im Januar wurden die Modelle von bekannten Schauspielern vorgeführt, die von David Sims fotografierte Kampagne zeigt sie nun an Gary Oldman, Willem Dafoe, Jamie Bell und Garret Hedlund. Auf der Homepage des Modelabels ist in einem kurzen Statement zu den Bildern von cinematografischen Codes die Rede, die in die Welt der Herrenkleidung übertragen werden.

Wenn von cinematografischen Codes gesprochen wird, so kann man zur grundsätzlichen Beschreibung auf Vokabular der Filmwissenschaft zurückgreifen: Die Schauspieler sind in leichter Untersicht in naher, in halbnaher oder in amerikanischer Einstellungsgröße zu sehen. Bei ihren Posen bedienen sie sich an solchen, die sie im kollektiven Bildgedächtnis als Denker, als Patrioten oder auch als Edelmänner ausweisen. Körperhaltungen und Kamerapositionen imitieren keine konkreten Bilder, doch erinnern sie sofort an schon Bekanntes. Dasselbe gilt für die Kleidungsstücke an sich. In den Kritiken zur Modenschau und zur Kampagne fanden sich Assoziationen zu Militarismus im Allgemeinen, zu Nazi-Chic im Speziellen (auch aufgrund dem roten Bildhintergrund), zur Gangstermode der 1930er und 1940er, zur Viktorianischen Epoche und damit verbunden besonders zur Steampunk-Ästhetik, aber auch zu einem schon länger aktuellen Trend geprägt von Retrocharme und Nostalgie. Die mehrfach geschichteten, hochgeschlossenen, enganliegenden Outfits transportieren dabei durch den Hang zur Übertreibung und durch einzelne amüsante Musterungen wie das Pistolenmuster auf einem Hemd, das Dafoe trägt, auch eine Subversion der Aura aus Überlegenheit und Wohlstand.

Wie Marcus Stiglegger zum Beispiel den Nazi-Chic in der Mode betreffend (bei  Getidan ist ein Auszug aus Stigleggers Buch zu lesen) herausstellt, spielt dabei die ursprüngliche Ideologie keine Rolle beziehungsweise wird in ihr Gegenteil verkehrt. Wie für die amerikanische Präsidentin in IRON SKY zählt auch bei Prada der Gestus. Darüber hinaus sind Widersprüche innerhalb der Zitate und zwischen den verschiedenen Versatzstücken zentrales Element der Kollektion. Das findet sich auch beispielsweise hinsichtlich des Steampunks, der sich aus der eigentlich widersprüchlichen Verbindung von Wissenschaft und Magie, von Technikbegeisterung und Technologiekritik speist.

Eindeutigkeit und Festlegung sind auch hinsichtlich der Karrieren der Schauspieler, die die Mode zeigen, schwierig. Alle haben sie in gefeierten Produktionen mitgewirkt, aber auch in solchen minderer Qualität. Vor allem aber sind alle derart facettenreich (ihre Bandbreite wurde in ihrer Rollengeschichte meist auch gerade durch Kostümierung und Make Up unterstützt) und persönlich stark, dass sie nicht auf einen bestimmten Rollentypus oder gar eine einzige Rolle festgelegt werden können. Und dabei haben sie alle schon Ikonen verkörpert – Hedlund wird zum Beispiel demnächst bei uns als Dean Moriaty zu sehen sein und Dafoe war Jesus! Doch obwohl alle vier als extrem begnadete Schauspieler gelten, die ihre Rollen grundsätzlich überzeugend ausfüllen, überschreiben diese nicht die Männer dahinter. Und so verhält es sich mit allen Zitaten und Schichten der Kleidungsstücke. Die Kleider hüllen die Männer ein, aber verhüllen sie nicht. Was bei den Rollen und der Kleidung im Endeffekt zählt, ist der Mann dahinter.

In diesem Zusammenhang will ich erzählen wie ich überhaupt auf die Werbekampagne aufmerksam wurde. Und zwar hab ich die Bilder auf Buzzfeed gefunden. Auf einer Seite also, die Texte, meistens hauptsächlich aus Bilderstrecken bestehend, anbietet, die Leser gerne auf Social Media Plattformen teilen, um dann noch mehr Klicks für die Seite zu generieren. Diese Seiten überfluten das Internet mit Bildern und Bildergruppen und hoffen dabei immer, Ikonen zu erschaffen. Diese überleben meist nur kurz, was die Erschaffer auch nicht weiter interessiert, denn sie schöpfen schon längst die nächsten. Gerade von dieser Frage nach Macht, Fortdauer, Veränderung, Umdeutung, Verbreitung und Verfall von Ikonen handelt Muiccia Pradas Herrenkollektion im Herbst 2012.

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