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Im Bildschatten

von | Nov 19, 2015 | 0 Kommentare

Ob es ein Stück Wand oder Decke ist, das es im Trailer des 58. DOK Leipzig Festivals ganz genau unter die Lupe zu nehmen gab? „I was planning to make a ‚fly on the wall‘ documentary. But flies keep landing on the ceiling. Sorry.“ Wenn wir John Smith Vertrauen schenken wollen– und wer möchte einer solchen Stimme und der Kinoleinwand kein Vertrauen schenken – handelt es sich in der Tat um die Textur einer Decke. Nun, er ist immerhin der Autor des kleinen charmanten Clips. Und der Autor würde uns doch nicht anschwindeln? In jedem Fall, darauf können wir uns ganz bestimmt einigen, finden wir in seinen Bildern die Landschaft einer wo auch immer angesiedelten Tapete vor, die sich erst in der großen Projektion als solche offenbart. Für die titelgebende Fliege und ihre Mit-Insekten tun sich dort, auf einer scheinbar flachen weißen Ebene, in der Tat beachtliche Hügel und Täler auf, und sie selbst werfen gewaltige Schatten. Zumindest für den kurzen Moment, den sie dort verbringen.

Im Dokumentarfilm, so viel ist sicher, wird die Welt mehr noch als im fiktionalen Kino zu einer Frage von greifbaren und ungreifbaren Perspektiven. Deshalb lud die neue Festival-Direktorin Leena Pasanen schon bei der Eröffnung alle noch einmal explizit ein: LEGIDA-Demonstranten vom Vormittag ebenso wie Flüchtlinge konnten kostenlos Filme sehen und dabei viele Perspektiven auf vertraute und fremde Menschen und Gesellschaften kennenlernen. Wie wir so ein Statement sehen, ob wir selbst in den Städten und deren Kinosälen hinsehen oder wegsehen, das entlarvt sich immer dann als eigentliche Fragestellung, wenn wir beim Sehen ertappt und für unsere Blicke zur Verantwortung gezogen werden. Wenn wir gerne ertappt werden und Verantwortung übernehmen wollen, dann kann uns eine Motte an der Zimmerdecke (oder Wand) an sich ebenso dazu anregen, den eigenen Blick zu verstehen, wie der ausgefeilte Minimalismus von John Smith. Manchmal braucht es genau genommen gar keinen Film, um in Bildern zu denken. Es kommt bloß darauf an, in welchem Licht wir die Welt betrachten. Alle zusammen, die Motte und John Smith und die Kinoleinwand, sind aber zweifellos larger than life und als Kunstkollektiv pädagogisch besonders wertvoll.

texturen

ebenso wie bilder selbst, ihre stets bewegten, sich entziehenden oberflächen, besitzen auch die verborgenen elemente in ihrem bildschatten textur, tiefe, substanz und flächigkeit. außerhalb des bildes: stimmen, texte, visionen, gegenbilder, assoziationen. was außerhalb des bildes liegt und nicht sichtbar ist, das wird ans bild gebunden, montiert zu einem ganzen, zu vielen ganzen: blicke, szenen, einstellungen, weltbilder, die immer fragmentarisch und doch universal sind. die kraft des dokumentarischen, wie auch der kultur, liegt in der vielfalt, die uns das einzelne schätzen und ergründen lässt. die über 300 in leipzig vertretenen positionen dokumentarischer autorinnen und autoren funktionieren in ihrer individualität ebenso wie als summe, ergänzen sich und verwischen sich, überlagen sich, hinterfragen sich: in dokumentarfilmen, essays, reportagen, animierten freiformen, die ab und an in frankenstein-artigen mischwesen kulminieren (Sokurovs FRANCOFONIA hat mit dieser idee übrigens mehr zu tun als mit frankreich). da wird man sehr aufmerksam für nuancen.

was im rahmen des festivals gezeigt wird und in welcher konstellation, das ist hier die einzig klare konstruktion. programmiert wurde dieses jahr auf anregenden kontrast hin. oder auf synthese? nach 58 jahren einer gemeinsamen existenz dringen zwei filmformen nun gemeinsam in jeden block ein. alle programme zeigen animation und dokumentation. jetzt ist angeblich alles eins. subjektiven sind ja auch bildsubjektiven, erinnerung ist ja schon lange visuell. ein angenehm kompliziertes programm, bei dem man ums nachdenken nicht herumkommt und aus versehen auch noch spaß dabei hat. das programm kommt auch gut an, wenige zweifeln am mischkonzept. ich gehörte zu den zweiflern und dann wieder nicht mehr. für formale puristen ist das natürlich nichts, wenn in THE MAGIC MOUNTAIN gleich eine ganze horde von animationsleuten auf eine geschichte losgelassen wird, die gleichzeitig gegenwart und erinnerung thematisiert. ein verqueres heldenbildnis und dann auch noch krieg: die russen in afghanistan. wie soll man sowas überhaupt darstellen? die gegenwart ist ja generell auch viel zu komplex. alles gleichzeitig, alles unmittelbar und doch vermittelt. framings überall, einigen ist das ein abgenutztes und zu schwammiges unwort. also besser gleich mitmachen und die bilder beeinflussen, die frames beeinflussen, perspektiven klären, aufklären und erklären?

in der sektion „DOK Neuland“ regierte interaktion als impetus. das soll darauf verweisen, dass das dokumentarische nicht an seine kinoform gebunden ist, auch wenn es dort eine besondere intensität gewinnt. jeder konnte mitmachen bei der ergründung der welt aus zwei abstrakten weißen kugelzelten auf dem leipziger marktplatz heraus: virtual reality, smartphones, tablets, gaming, alles da. einfache monitore wirken daneben fast schon wieder retro. Leena Pasanen betont die neue sektion bei der festivaleröffnung. dem „Spiegel“ erklärt sie, dass das publikum längst keine klassischen wege mehr beschreitet, um filme zu sehen. das fernsehen kennt sie und hat sich bewusst davon verabschiedet. man soll mit der zeit gehen, scheint ihr wunsch. förderpolitik der sender zu kritisieren, das ist dagegen „rückständig“. mit der zeit gehen? ist in so einem rahmen die zusätzliche einführung interaktiver videokunst nun eine derart hilfreiche form, oder wäre es nicht stattdessen die klarere haltung, geld für den konsequenten einsatz von originalkopien der eigenen programme in die hand zu nehmen? undergroundanimation aus ungarn von dvds nachzuspielen – was formuliert das für eine überzeugung? wenn man ein solches programm wie in den anderen sektionen kuratorisch und organisatorisch beim wort nimmt, müsste man das ausbleiben von originalformaten, nicht nur hier, als strukturelle wertung verstehen. tun wir einmal so: ist dann also die einfache gegenwart von interaktion in stellvertretenden räumen eines pavillons die bevorzugte form, die perspektive? handlungsmodelle statt überzeugungen? ist das als modell überzeugend? dann wären wir gleich bei der videokunst als leuchtturmprojekt des festivals und doch wieder bei einer strategie der privilegierung. digital lässt sich einfach installieren. förderpolitik im kleinen also: umständliche formate sind uninteressant?

Zeugen und Großbildjäger

Interagieren, natürlich schon ein Stichwort im weiteren Sinne und auch produktiv. Für Förderpolitik wohl ebenso wie für das Dokumentarische. Direkte Auseinandersetzung, Diskurs, Intuition: unvermeidbar. Auch sich rauszuhalten, die Fliege an der Wand zu sein, ist hier eine Positionierung. Sich raushalten: eine Utopie in allen Feldern. In Leipzig läuft entsprechend der Natur des Dokumentarischen kaum eine Arbeit, die nicht vom Eindringen einer Autorenperspektive in die Welt und dem Eindringen der Welt in eine Autorenperspektive erzählt. Jeder dokumentarische Blick wirft die Betrachter auf sich selbst zurück, stellt die Frage nach Sehen und Gesehen-werden. Kein dokumentarisches Filmemachen ohne Zeugenschaft. Und keine Zeugenschaft ohne Verantwortung.

LAMPEDUSA IM WINTER gehört zum impliziten Festivalschwerpunkt „aktuelle Flüchtlingsfilme“. Er schließt mit einem Blick eines Geflohenen aus einer anonymen Menge in die Kamera. Alle Kameras schauen die Heimatlosen unserer Welt aktuell mit großen Augen an. Hier werden sie, für einen Moment zumindest, Beobachter. Die Sehenden werden gesehen. Und vielleicht, so die Hoffnung des Regisseurs Jakob Brossmann, erkennen in diesem Blickwechsel alle etwas und sich gegenseitig. THE OTHER SIDE von Roberto Minervini lässt im Leipziger Wettbewerb verschwimmen, was inszeniert und was geskriptet ist. Wann wird diese Frage wichtig? Eingegriffen wurde hier ganz offensichtlich, aber in den entscheidenden Momenten? Die zweite Hälfte des Films funktioniert ausgesprochen gut. Aufgepumpte amerikanische Jungs spielen mit Knarren rum und drehen sich um ihren Fanatismus ein Weltbild zurecht. Ganz viele große Worte, fast religiös mutet das alles an. Dann wird gesoffen und ein Mädchen performt einen Blowjob, während sie eine Obama-Maske trägt. Verdrehtes Sehen, das von der Kamera früher im Film beinahe manipulativ geschönt und arrangiert wird. Nicht selten verdreht es einem den Magen. An dem Punkt hat man schon einiges durchgestanden. Minervinis Protagonist setzt einer schwangeren Stripperin einen Schuss Heroin, und wir sollen uns das anschauen. Seine Kamera hat es sich angeschaut, scheint es. Under the Sun von Vitaly Mansky blickt interessanter. Mansky trickst die Nordkoreaner aus, das finden alle gut. Er sammelt Bilder eines ideologischen Inszenierungsapparats, der eine Gesellschaft erstickt: Erwachsene, Kinder, Alte, Alle. Das Bild wird dort zur Manipulation, wie es auch im Westen manipuliert, und der Film seziert seine Drahtzieher mit großer Freude. Mansky wettert am Ende seines Programms gegen die Petition für Oleg Sentsov, den ukrainischen Filmemacher, der gerade für den freien Ausdruck 20 Jahre ins Straflager gesteckt wurde. Jetzt zu handeln, das ist wie ein Hilferuf, wenn das Feuer schon brennt, sagt er. Ein Tropfen Wasser in eine Feuersbrunst. Alles hilft doch sowieso nichts. Leute werden wütend. Er meint dann, wir hier in Deutschland hätten ja genug Wasser. Aber statt es zu nutzen, würden wir am liebsten darin baden.

In einer Woche Leipzig tragen sich allerlei Gedankenspielereien sehr anregend aus. Nicht bloß deshalb, weil die sauber moderierten Gespräche dank des smarten Leipziger Publikums tendenziell gut laufen, sondern auch weil das Festival im Windschatten des IDF in Amsterdam anscheinend vielen als Ort zum Luftholen und Aufwärmen dient. Eine Kollegin aus Italien meint, es gibt in Amsterdam so grotesk viel zu schauen und geschäftlich zu verhandeln, dass alle nur noch sensationsgeil sind am Ende. Das heißeste Bild, die ultimative Authentizität. Worin kulminiert das Dokumentarische eigentlich und wann bricht es zusammen? Das vielleicht interessanteste Festivalgespräch findet natürlich wieder off the record statt. Ein Regisseur spricht von seiner Begegnung mit 9/11. Er war zufällig dort, die Türme zerfallen, und auf der Straße ist alles voller knöchelhoher Asche. Eine Mischung aus Verbrannten und Verbranntem, absoluter Gegenwart und unwiederbringlichem Vergehen, demontiert und zerfasert von Druckwellen und Wind. Es wurde viel geschrieben über Bilder zum Anschlag, und jeder kennt sie. Visualisierte Geschichte, ein Denkmal des Ikonoklasmus.

Als er die Asche in die Hand nimmt, spürt er etwas, das ihn verstört und fragend zurücklässt. Beim Festival läuft sein Film über Künstler, die ihre Sinne verlieren. Wir sprechen über Subjektivität in Krisen, ich erzähle von den über 250 Dokumentationen zum japanischen Tsunami von 2011. Die Filme könnten ein ganzes Festival von der Größe Leipzigs füllen und zeichnen beinahe durchweg ein Scheitern des Dokumentarfilms am nicht Abbildbaren nach. Wie auch die Sprache unentwegt an Weltbildern scheitert und ihr eigenes Scheitern aus deren Bildschatten heraus protokolliert. Vielleicht ist jedes Eingeständnis eines Scheiterns, jede Krise auch weiterhin unser größtes Potenzial zur Bewahrung des Wichtigen. Weil das Scheitern uns von unseren eigenen sowie von fremden Erwartungshaltungen befreit. Oder, wie man sagt – und das muss gar nicht neu sein, um zu wirken: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Ein rundes Bild, das bekommen wir nie, vor allem nicht auf eckigen Leinwänden.

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