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Im Nebel liegt die Wahrheit.

Das Schlussbild von IM NEBEL zeigt den Hauptcharakter, der sich zwischen zwei Tote legt, während dichtester Nebel aufzieht. Er war verdächtigt worden, entweder ein Saboteur oder ein Verräter zu sein. Nun bettet er sich zwischen die zwei Männer, die ihn richten wollten, und von denen einer, wie sich während des Films zeigt, ein Saboteur war, und der andere ein Verräter. Im Nebel zeigt sich die Wahrheit des Films, nämlich das alle, egal wie sie sich verhalten und entscheiden, in Zeiten des Krieges zerschmettert werden. Und sogleich wird diese überdeutliche Aussage vollkommen verschleiert und dann vom Schwarz des Abspanns überdeckt.

Bauarbeiter. Alte. Schlafende. Dorfbewohner. Behinderte. Vergangene. Wartende. Arbeitende. Sergei Loznitsa beobachtet in seinen Dokumentarfilmen, die er seit 1997 realisiert, Menschen. Aber nicht sie allein. Sie alle sind untrennbar mit dem Ort, an dem sie sich befinden, und den Dingen, die sie tun, verbunden. In Plansequenzen, oft statisch, fängt der Regisseur sie auf Film ein, verfolgt sie beim Alltag oder lässt sie etwas erzählen. Er widmet sich nicht seinem persönlichen Umfeld, sondern wählt offenbar Umgebungen, die ihm fremd erscheinen, wie dem Landleben oder einer abgelegenen Siedlung mit geistig behinderten Bewohnern. Loznitsa beobachtet diese Lebenszusammenhänge, allerdings nicht auf der Suche nach absoluter Aufdeckung und Kategorisierung. Wie er beim goEast dieses Jahr feststellte: „Per Definition sind alle Definitionen falsch.“ Aufgrund der Mehrdeutigkeit und Vielschichtigkeit des Lebens scheuen sich die Filme vor Benennungen, vor Worten. Vielmehr versucht Loznitsa durch die Betrachtungen und ihre Aneinanderreihung einen Eindruck zu vermitteln. Doch das Bedeutendste dabei sind vielleicht die Schnitte von einer Plansequenz zu nächsten, weil sie am deutlichsten zeigen, dass Ganzheit und Abgeschlossenheit nicht zu finden sind.

So scheint auch der Kern von Loznitsas zweitem Spielfilm IM NEBEL in dem zu liegen, was sich zwischen den Plansequenzen befindet, im Schnitt und im Schwarzbild, jenseits des eigentlichen Films. Die Gestaltung des Films hängt auch eng damit zusammen, dass IM NEBEL eine Literaturverfilmung ist. Jede Episode der Vorlage wurde in einer Plansequenz eingefangen, um deren Struktur zu übertragen. Dennoch finden sich an wenigen Stellen Schnitte innerhalb dieser Einheiten. Immer dann, wenn eine weitreichende Entscheidung getroffen wird oder eine deutliche Verschiebung der Bedeutung stattfindet.

Streng und einem Konzept untergeordnet waren die Filme Loznitsas schon immer, doch bei IM NEBEL ist dies deutlicher als jemals zuvor. Er verlässt auch niemals seine Figuren. Den Blick in die Wolken, der sich in seinen frühen Dokumentarfilmen oftmals finden lässt, hat hier keinen Platz. Nur die Wege, die Gespräche, die Blicke, die Körper und die Gesichter der drei Männer sind von Bedeutung. Das kann manchmal überdeutlich wirken. Doch die Strenge und Deutlichkeit sind nur Ausdruck von der Unfassbarkeit des Lebens, der Zusammenhänge, der Geschehnisse. Loznitsas Sicht auf die Welt erscheint gelegentlich arrogant, oder zumindest sehr pessimistisch und auch mal didaktisch wie bei Haneke.

Doch dahinter schaut die echte bestürzte Verwunderung angesichts der anderen Menschen, des Lebens hervor.

Der Nebel ist die Wahrheit.

 

Bild-Copyright: Neue Visionen

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