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© FDC / Lagency / Taste (Paris) / Ingrid Bergman © David Seymour / Estate of David Seymour - Magnum Photos

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Eleganz, Stil, Seelenruhe und Größe – zum Auftakt der Filmfestspiele von Cannes scheint klar: Ein Italiener wird gewinnen

So jetzt kommen wir endlich auch mal zum Schreiben, nachdem die 68. Ausgabe des Festivals von Cannes bereits seit zwei Tagen läuft, und ich sogar schon seit Dienstag da bin. Jedes Jahr wieder nehme ich mir vor, früher anzufangen, denn es gibt ja auch am Tag vor dem Festival schon genug zu berichten. Aber jedes Jahr das Gleiche: Es klappt nicht! Eben genau aus diesem Grund: Weil so viel los ist!

Aber für die, die es nicht abwarten können und die sich schnell orientieren wollen, gibt es ja einstweilen noch die klassischen Medien: Radio und Zeitungen, für die ich natürlich auch schnell, schnell, knapp knapp, und schwer MAD MAX-lastig meine Schüsse aus der Hüfte abgeben musste. Nichts gegen zu sagen, aber halt was anderes: Weniger ausführlich, weniger persönlich als an diesem Ort.

Wir versuchen, jetzt schnell aufzuholen, und steigen gleich voll ein, aber trotzdem erzählen wir auch ein bisschen der Reihe nach und gehen darum nochmal zurück auf Los.

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Auch einen verlässlichen, in der Orientierung an Qualität klar überdurchschnittlich guten Querschnitt, darauf wollen wir die Leser gleich zu Anfang hinweisen, geben die zwei inzwischen bereits ebenso bewährten, wie unnachahmlichen Kritikerspiegel, bei denen ausgewählte Kollegen mit Punkten oder Kreuzchen Schnellwertungen abgeben. In beiden mache ich auch selber mit. Das ist natürlich eher ein Spiel, freilich ein ernstes, ersetzt auf keinen Fall die echte Filmkritik, und die Beurteilung der Filme mag sich im Rückblick auch nochmal ändern. Aber es gibt allen, die nicht hier sein können, doch eine erste Orientierung – zum Beispiel darüber, dass ich bereits bis jetzt, am Freitagabend, wo ich das schreibe, 12 Filme gesehen habe.

Bei critic.de sind es in erster Line deutschsprachige Kollegen, bei „todaslascriticas“ vom Argentinier Diego Lerer sind es mehr, die Teilnehmer sind internationaler verteilt, auch wenn die allermeisten aus Spanien und Lateinamerika kommen, also spanische Muttersprachler sind. Und einzelne sind hier auch gar keine Filmkritiker.

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Wie diese beiden Kritikerspiegel, so hat sich in den letzten Jahren noch ein zweites Ritual eingebürgert: Die Wette auf die Goldene Palme, 5 Euro in den Top, the winner takes it all. Getippt wird vor Beginn des Wettbewerbs, ohne dass irgendwer bereits einen Film gesehen hätte, nur nach Papierform – und ob da dann der einen Vorteil hat, der im Gegensatz zu mir alle Katalogtexte gelesen hat und alle Trailer angeguckt, das wage ich sehr zu bezweifeln. Ich mache so etwas – vor dem Filmbesuch Katalogtexte und Pressehefte lesen, oder Trailer angucken – schon deshalb nie, weil ich mir das Erlebnis des ersten Anguckens nicht verderben lassen will.

Zumal die Katalogtexte in Cannes dermaßen wenig aussagekräftig sind, dass man aus ihnen keinerlei Rückschlüsse auf den Film ziehen kann. Übrigens wird man aus ihnen auch nicht schlau, falls man den Film oder seine zweite Hälfte verpasst hat, und schreiben muss.

Wir hatten uns bereits am Dienstag im „Le Crillon“ getroffen, das in den letzten Jahren mein persönliches Stammlokal geworden ist – zu meiner großen Freude habe ich aus Dominik Grafs schönem Film WAS HEIßT HIER ENDE? (der Mitte Juni ins Kino kommt) erfahren, dass es das auch für Michael Althen war. Während ich mir Venedig ohne Michael immer noch nicht richtig vorstellen kann, ist er für mich mit Cannes weit weniger verbunden. Er war in meiner Erinnerung nur zweimal in der Zeit da, seit der ich auch komme. Ich glaub das alles gern mit dem „Crillon“, erinnere mich aber da trotzdem mehr an unsere gemeinsamen Besuche im „les petites artisans“, etwa vor 8 Jahren am Abend des DFB-Pokalfinales zwischen Stuttgart und Nürnberg. Nürnberg gewann damals in der Verlängerung, erfahren haben wir das nur durch regelmäßig sms-Meldungen von Michaels Kollegen Peter Körte.

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Unsere Wette hat diesmal keine klaren Favoriten. Vor einem Jahr lag da Nuri Bilge Ceylan, der dann bekanntlich gewann, auch wirklich vorn. Direkt gefolgt von Naomi Kawase, dann lange nichts. Diesmal sind die Tips viel breiter gestreut. Fast alle Kollegen haben auf einen anderen Regisseur getippt. Überraschenderweise aber keiner auf den Griechen Yorgos Lanthimos – obwohl der doch der neueste Darling des Autorenkinos ist und auch noch aus dem gerade angesagtesten Kunst-Land kommt.
Nur eines scheint nach den Wetten klar: Ein Italiener wird gewinnen! Denn tatsächlich entfallen auf Paolo Sorrentino drei Stimmen. Matteo Garrone und Nanni Moretti werden jeweils noch zweimal getippt. Ich selber tippe eher spontan auf Denis Villeneuve. Warum kann ich nicht sagen, eher das Bauchgefühl, dass ein Film mit Genreelementen gewinnen wird, wenn die Coen-Brüder in der Jury sitzen.

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Denn an die Jury muss man bei solchen Überlegungen natürlich denken. Was werden die wohl entscheiden? Jedenfalls nie das Offensichtliche wäre meine Faustregel. So wie im letzten Jahr Jane Campion eben nicht „für eine Frau“ entschied.

Die Zusammensetzung in diesem Jahr ist interessanter als 2014: Aber wieder keine deutliche Regisseursjury, das war schon öfters schwierig. Neben den Coens sitzt Guillermo del Toro in der Jury, auch ein Genreliebhaber. Und Xavier Dolan – der wird sicher nicht für seinen francokanadischen Konkurrenten Villeneuve sein, und ich habe ihn sowieso im Verdacht, ein undiszipliniertes Jurymitglied zu sein. Auch nur so ein Bauchgefühl. Sophie Marceau, Jake Gyllenhal, Sienna Miller, das sind schwierige Kandidaten. Bei aller nostalgischen Liebe oder zumindest Schwärmerei für die Marceau, die noch immer eine meiner großen Kinotraumfrauen ist. Hoffentlich gehorchen sie alle den Coens.

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Was beim Blick aufs Wettbewerbsprogramm schon mal auffällt, ist dass unter den 17 Filmen drei Italiener laufen. Ist das italienische Kino wirklich so gut? Kaum. Und bestimmt nicht besser als die Japaner. Von denen gibt es auch viele Filme, aber nur einen im Wettbewerb. Hirokazu Kore-eda gehört zu jenen „üblichen Verdächtigen“ von Cannes, wie auch alle drei italienischen Filmemacher: Garrone, Moretti, Sorrentino haben hier schon große Preise gewonnen, aber noch nie die Goldene Palme. Glücklicherweise, nach meiner persönlichen Ansicht. Aber sie gelten als Kandidaten.

Warum aber hat es Kiyoshi Kurosawa, den regelmäßigen Gast in der Sektion „Un Certain Regard“ noch nie in den Wettbewerb geschafft? Und warum läuft dort auch nicht Naomi Kawase, die doch erst im letzten Jahr einen der stärksten Filme präsentierte?

Viele große Namen finden sich diesmal allerdings in den drei Nebensektionen: Phillippe Garrel, Arnaud Desplechin, Miguel Gomes, Brillante Mendoza, Gaspard Noe, Barbet Schroeder und last not least Apichatpong Weerasethakul.

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Es ist mein 13. Mal in Cannes und an einem 13. geht es los – hoffentlich kein böses Omen. Einen Fluch haben wir jedenfalls in diesem Jahr schon mal gründlich gebrochen. Der Dienstag ging nämlich schon gleich mit einem Ereignis los, das – soviel ist sicher – viele Filme in seinen Schatten stellt. Denn Fußball ist oft genug das bessere Kino. Gemeinsam mit dem Argentinier Diego Lerer und der Katalanin Violeta Kovacsics hatte ich mich nämlich zum Fußballgucken verabredet, für das Championsleague-Halbfinalrückspiel des FC Barcelona beim FC Bayern. Muss ich an dieser Stelle noch erwähnen, dass ich für Barcelona war? Genauer gesagt: Erstens für Barcelona und zweitens gegen den FC Bayern. Noch verstärkt wurden diese Leidenschaften durch die Woche zuvor. Da hatte ich das Hinspiel in Berlin gesehen, im wunderbaren Fußballguckort „FC Magnet“, und wieder einmal erleben müssen, wie – gelinde gesagt – betriebsblind die FC Bayern Fans sind. Es ist ja schon schwer erträglich, wenn sich ein Verein nicht einmal über eine Meisterschaft freuen kann, wenn sie mit 15 Punkten Vorsprung errungen wird, wenn eine ernsthafte Trainerdiskussion beginnt, weil die Mannschaft im Pokal-Halbfinale im Elfmeterschießen gegen den Vizemeister ausscheidet. Der FC Bayern und seine meist nicht Münchner, sondern Vorortfans triefen schon immer in Arroganz und Selbstgerechtigkeit. Aber geradezu sektiererisch wird es, wenn man nicht begreifen kann, dass der FC Barcelona diesmal die bessere Mannschaft war, und dass der Spott über „Tiki Taka“ halt schlecht kommt, wenn man sich genau durch diese Eleganz und Seelenruhe am Ende drei Tore einfängt – weil die Bayern müde wurden. Im Hinspiel hatten die FCB-Fans das Magnet in einen verschwitzten Ochsengarten verwandelt, und sich tatsächlich so einlullen lassen, wie ihr Team. Ja, in der zweiten Halbzeit hätte man ein oder gar zwei Tore schießen können, und dann wäre alles anders geworden. Aber auch Barca hatte in der ersten Viertelstunde drei massive Chancen. So gesehen war dann auch ein 2-0 nur verdient. Das 3-0 in der 94. Minute fand ich auch zu hoch, obwohl es mich natürlich gefreut hat. Vor allem aber war es die verdiente Strafe für die Berliner Fans der Bayern, die zwar Messi anerkannten, aber bei Neymar immer pfiffen, und irgendwas von den Millionen schwafelten, die er nicht wert sei. Dass obwohl die eigene Mannschaft genau so viel Geld für vier Spanier ausgibt, die selbst zusammen weniger bringen, als Neymar allein.

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Wir schauten das Rückspiel in jenem Irish Pub in Cannes mit den großartigen großen Fernsehern. Wir gucken dort seit Jahren Fußball – freilich mit sehr gemischten Ergebnissen, erst recht aus Sicht der Anhänger des FC Barcelona. Immer wieder gewannen an diesem Ort die Falschen, nicht zuletzt die Bayern. „This place is cursed“, sagte Jose Luis schon letztes Jahr, als hier Athletico Madrid gegen Barca Meister wurde, und Real die Championsleague gewann. Trotzdem haben wir es noch einmal versucht.

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Als dann aber bereits in der 7.Minute der FC Bayern das 1-0 schoß, schüttelten die Spanier nur den Kopf, und Jose luis meinte: „The Pub of the dammned.“ Violeta ergänzte: „Wenn das 2-0 fällt, dann gehen wir hier weg.“ Aber jeder Fluch hat einmal ein Ende, und so erlebten wir wie Barca mit Stil und Größe das Spiel drehte und am Ende völlig ungefährdet weiterkam. Nur die FC Bayern-Fans glauben wirklich, dass Bayern die bessere Mannschaft war, und nur Pech hatte, und der Schiedsrichter… und… und… und… – genau: Die vielen Verletzten.

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Am Tag darauf dann kam die Bestätigung, dass der Fluch besiegt ist: Juventus schaffte in Madrid ein 1-1 und kegelte damit Real raus. Super-Auftakt! Mal schauen, ob die Filme da mithalten können.

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