Seite auswählen
© Rapid Eye Movies

© Rapid Eye Movies

In einer Stunde in den Bus, dann S-Bahn, wieder Bus, Caligari. Akkreditierungen abholen, dann ins Murnau, um noch Käutners GROßE FREIHEIT NR. 7 schnell zu schauen, der sich mit der Eröffnung von goEast überschneidet,und dann auf die Eröffnungsfeier. Ich freue mich riesig, eine Menge Filmmenschen zu treffen, wiederzutreffen, ja sogar zwei rumänische Regisseure hoffentlich kennenzulernen. Festivalfieber – zum ersten Mal dieses Jahr.

Doch gibt es einiges, dass ich davor noch unbedingt loswerden muss, damit es auch clean slate mit goEast losgeht, einiges aus diesem turbulenten Kinoapril, der schon vor einigen Tagen angefangen hat, uns (Michael und Elisabeth waren bisher immer dabei) zuerst zunehmend enttäuscht und entmutigt hat, um uns dann wieder richtig aufzubauen.

Am Samstag kam Christoph von Eskalierende Träume nach Mainz, wir haben ihn zum ersten mal kennengelernt. „Verstrahlt“, „Unfaaassbar“, „Diesen Film musst Du uuunbedingt sehen“ – die Worte, die er so oft wiederholt, sind auch die Worte, mit welchen wir ihn am ehesten assoziieren. Es fügt sich auch großartig mit dieser exzessiven Liste von Filmen, die wir im April im Kino sehen wollen. Christoph, mit seiner Liebe für den Bruch,für die Imperfektion, für den Eklektizismus – bei jeder Gelegenheit versuche ich ihn zu überzeugen, endlich wieder zu schreiben – hat hier eine Stimmung verbreitet, einen Sog, der sich so schwer umschreiben lässt. Mit schönen Grüßen nach Berlin muss ich gleich aufschreiben, dass ihn eine Grippe zu überfallen droht, gerade jetzt, vor dem Festivalstart, vor der Schwarzen Welle und der Jancsó Retrospektive.

Sonntagnacht, weil Schlafen überbewertet ist, habe ich mit Elisabeth BRANDED TO KILL von Seijun Suzuki auf MUBI geschaut. Gleich im Anschluss in meinem Versuch von einer Chronik aller gesehen Filme, ebenfalls bei MUBI, aufgeschrieben:

„A neurotic nightmare of overwhelming proportions having Jô Shihsidos close-ups desperately holding together the melancholy of an absurd dance of assassins, guns, sex and paranoia. “

Der Film ist wie eine Übersetzung des Exzesses, den wir in diesen Tagen betreiben: Nur Brüche, Superlative, Absurdität. „Wer ist Nummer 1?“ – es ist doch so bedeutungslos irgendwann, nach endlosen akrobatischen Schießereien, teilweise durch unsichtbare Autoscheiben, die sich weigern zu platzen. Ein Melodram schlägt ein, wie es Wong Kar Wai noch zum Paroxismus, zum zentralen Merkmal seiner Autorensignatur entwickelt hat. Dann noch die Überwindung aller körperlichen Grenzen der Hauptfigur, die sich mit einem Strang in der Wohnung aufhängt, um nicht einzuschlafen und von seinem Gegner, der ominösen „Nummer 1“ getötet zu werden. „Wer ist Nummer 1?“.

Gerade wird bei uns an einem kollektiven Text zu SPRING BREAKERS geschrieben, einem Film, der Brüche in seiner visuellen Ästhetik zu einen versucht, aber ich kann mich nicht darauf konzentrieren und denke nur an BRANDED TO KILL und dessen penetrante Hysterie.

© Studiocanal

© Studiocanal

Am Montag sah ich zum ersten Mal Anna Magnani im Kino. Ich dachte davor, den Neorealismus nicht mehr ertragen zu können, mit seinen ausgestellten humanistischen und sozialkritischen Botschaften – GERMANIA ANNO ZERO überfüllte dieses bittere Glas – doch BELLISSIMA – denn sie hatten am Montag Visconti im Caligari vorgeführt – zeigte mir, wie diese überlebensgroßen Bilder im Kino mit solchem Verdruss tabula rasa machen können. In Anna Magnani habe ich mich sofort verliebt: In ihre Augen, den Haaren, der langen Nase und diesem Körper, der für ihre Mutterrolle in den Film nicht passender hätte sein können. Hinzu kam noch das angenehme Knistern der Tonspur dieser alten Filmkopie, deutsch untertitelt von einem Filmemacher, an dessen Name ich mich nicht erinnere, den aber Christoph natürlich kannte.

Ich liebe die Massenszenen von Visconti. Sehr ausgestellt sind sie in LA TERRA TREMA zu sehen. Eine lange Kamerafahrt am Strand entlang beobachtet da den Fischermarkt in einem sizilianischen Dorf. Die Menschen streiten, verhandeln, meistens zu zweit, und wenn man auf ihnen verharrt, wird es schnell deutlich, dass sie immer wieder ihre Gesten wiederholen, solange die Szene gefilmt wird. Dieselben Handbewegungen, dieselben Schreie, in einer komischen Monotonie, die sich doch in der Masse auflöst. Weil da, wo zwei streiten, gibt es andere zwei, die dasselbe machen, und noch andere zwei und andere und so weiter: miteinander, zwischeneinander, übereinander. Sie funktionieren also besonders als Tableau und für einige Sekunden erscheint alles natürlich, doch bald wird es deutlich, dass sich alles wiederholt, denn jeder hat vermutlich seine einfache Regieanweisung bekommen, und die verfolgt er, bis zum „Cut!“.

So ist es auch in BELLISSIMA, vor allem am Anfang, vor der Cinecitta, wo die Menge der Mütter mit Töchtern darauf wartet, in das Studio reingelassen zu werden. Im Hintergrund Baustellen, darauf Bauarbeiter, und jeder hämmert und hämmert und hämmert und macht nie was anderes. Und die Szene funktioniert. Wohlwollend betrachten kann man das, und meinen, Visconti versucht in seinen frühen Filmen nicht den geübten Zuschauer anzusprechen, sondern jedermann.

© Trigon Film

© Trigon Film

Am Dienstag wurde NACKTE JUGEND von Nagisa Ôshima gezeigt, auch im Caligari. Die Kopie war wieder sehr alt, und auf dem ersten Akt zog sich ein weißer Kratzer für einige Minuten vertikal durch das Bild, wie ein Split-Screen, der von den exzellenten Farben des Films nicht erfolgreich ablenkt. NACKTE JUGEND hatte ich schon mal gesehen, auf VHS, oder vielleicht als DVD-Rip und der Leinwand-Schock war entsprechend: was mir beim ersten Mal lethargisch und blaß erschien war diesmal grell, hart, brüchig. Erst im Kino wurden mir die exzessiven Momente dieses Filmes bewusst: Der grenzwertige Sex, zwischen Liebesakt und Vergewaltigung, nachts, auf dem Asphalt, die Komplexität der Gefühle dieses jungen Protagonisten, der „Schmier“ (danke, Christoph), der bei so vielen Interaktionen zwischen den Filmfiguren durchschimmerte. Was mir zuerst in der Sprache, in den Dialogen, als so unerträglich hart auffiel, war nun in den Bildern genauso. Irgendwann überraschte ich mich sogar dabei, mir zu wünschen, NACKTE JUGEND wäre ein Stummfilm, damit zumindest die Dialoge diese Bildern nicht potenzieren.

Schreiben als Therapie also :). Wir sehen uns bei goEast!