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Die Stars sind die Filmemacher: Ein deutscher Kino-Marathon bei den Filmfestspielen von Venedig

Die Dinge nehmen erst einen Sinn an, wenn sie zu Ende sind – denn dann beginnt die Geschichte.

(Jean-Luc Godard)

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Sonnendurchstrahlt, schneebedeckt, blutbesudelt oder unschuldig scheinend – der Wald hat viele Gesichter und im deutschen Film noch einige mehr. Die ersten zwei Festival-Tage in Venedig standen im Zeichen dieses deutschen Kinos – gleich drei Filme von insgesamt fast neun Stunden Länge bildeten einen kleinen Marathon für sich und für die Berichterstatter, die berichten und die Förderer und Darsteller, die sich feiern lassen wollten. Besonders bemerkenswert war auch die – neben den Waldbildern – zweite Gemeinsamkeit der deutschen Filme: Als drei kommen ohne einen einzigen Star aus, und verzichten fast völlig auf bekannte Gesichter – sieht man einmal von Marita Breuer ab, die in Edgar Reitz‘ DIE ANDERE HEIMAT die Mutter des Helden spielt, und so den Kreis zu ihrem Auftritt in der Hauptrolle von Reitz‘ erster HEIMAT vor 33 Jahren schließt, von Steffi Kühnert, die im gleichen Film eine Nervensäge von Schwiegermutter verkörpert, und von Jördis Triebel, die als Mutter zweier „Wolfskinder“ in Rick Ostermans gleichnamigem Debüt nach 15 Filmminuten einen kläglichen Tod stirbt.
Ansonsten unbekannte, aber spannend anzusehende Gesichter. Die Stars sind in Venedig die Filmemacher.

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Kino sei zeigen, nicht nachher drüber reden, schrieb ich in der letzten Folge. Da beginnt auch schon ein Irrtum unseres Freundes Philip Gröning, jedenfalls ein halber Irrtum. Denn der freute sich am Wochenende, dass nach der Premiere seines Films soviel darüber geredet worden sei, „und zwar über die richtigen Dinge„, also nicht darüber wieviel der Film gekostet habe und wo gedreht wurde. Das ist natürlich schön, vor allem für einen Regisseur, und kann doch meiner Ansicht nach nicht der Hauptsinn der Sache sein. Die Stärke von Grönings Film, in dem selbst übrigens bemerkenswert wenig geredet wird, ist denn meiner Ansicht auch das was er zeigt, und wie, und nicht was man nachher drüber redet, wobei ich mich da ganz ausdrücklich einschließe. Denn erstmal stammelt man, sucht man einen Weg durch das, was man gesehen hat. DIE FRAU DES POLIZISTEN von Philip Gröning im Wettbewerb ist ein Film, der einen tagelang durchs Festival begleitet, mit dem man so schnell nicht fertig wird.

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Anfang Kapitel 1“ erklärt ein Insert. Da ahnt man noch nicht, was kommt. Auch als nach knapp zwei Minuten ein zweites Insert erscheint, und erklärt „Ende Kapitel 1„, ist dies im Kino ein Lacher. Man glaubt an einen Gag des Regisseurs, aber spätestens bei Nummer 5 schleicht sich die Erkenntnis ein, dass das so weitergeht, und die Kapitel nur in Ausnahmefällen länger als 5 Minuten sind. 175 Filmminuten, da kommt man auf eine Menge Kapitel, und wenn man die Blenden mit dem „Anfang“ und „Ende“ wegließe, wäre der Film bestimmt gut 20 Minuten kürzer. Muss das so sein? Eher nicht, aber es muss uns schon klar sein: Der Regisseur will sein Publikum erziehen und auch ein wenig nerven, freundlicher ausgedrückt in einen Zustand bringen.

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Das erste Kapitel zeigt einen Wald, den Blick durch Bäume hindurch, ein Tier, das sich bewegt und eine Schärfenverstellung. Das erinnert uns gleich zu Beginn an unsere Situation: Wir sind Beobachter und in diesem Fall sollten wir es genau nehmen damit. Vielleicht geht es auch für uns vor allem darum, dass man die Dinge sehr unterschiedlich betrachten kann.
Im Kino wie überhaupt in der Kunst kann man die diejenigen, die handeln, nie genau von denjenigen unterscheiden, die die Anderen beim Handeln beobachten. Man weiß auch, dass Beobachtung selbst Handlung ist. Das gilt auch dann, wenn man sich selbst wie hier gewissermaßen beim Beobachten beobachtet, und wiederum weiß, dass man umgekehrt vom Film dabei beobachtet wird. Gröning bringt uns in die interessante, nicht gut erprobte Position, uns selbst als Beobachter zu beobachten, zugleich wie ein Profiler Indizien zu sammeln, Puzzlestücke zu ordnen.

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Auch der Film selbst glänzt vor allem mit genauer Beobachtungsgabe. In knapp 60 Kapiteln, im Wechsel der vier Jahreszeiten und auf einer Länge von fast drei Stunden, die die Geduld des Publikums ebenso strapaziert, wie sie sie immer wieder belohnt, erzählt Gröning von einer Kleinfamilie am Niederrhein nahe der holländischen Grenze. Der Vater ist Polizist, die Mutter kümmert sich liebevoll um die kleine Tochter. Mit Ostereiersuchen im Wald beginnt alles. Doch allmählich bekommt die Idylle sanfte Risse, die zu Abgründen werden: Der Vater ist gewalttätig, die Mutter hilflos – im Rückblick wirkt der Film als Vorgeschichte einer Tragödie, und zeigt Familie als „Terrorzusammenhang“ (Alexander Kluge), als private Hölle. Die Familie wird zu Laborobjekten einer Versuchsanordnung. Konterkariert wird das durch Tiere und anderes Wilde, das immer wieder in das scheinbar geregelte Leben der Menschen einbricht.
Unerschrocken und elegant gelingt Gröning ein ebenso rätselhafter wie klarer Film über die Beobachtbarkeit der Welt, der den Zuschauer unerlöst entlässt.

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Der Film handelt ja nicht nur von der häuslichen Gewalt, sondern er handelt auch, als Gegenpol von der Übertragung von Liebe zwischen Mutter und Kind, was natürlich auch ein universelles Phänomen ist, wie wir alle wissen, denn sonst würden wir gar nicht existieren.
(Regisseur Philip Gröning über seinen Film)
Allerdings ist der Film zu lang, und die Idee der Kapitel keine wirklich gute.

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Durch Komik und heitere Gelassenheit abgefangen wird die Tragik der Familiengeschichte in Edgar Reitz‘ DIE ANDERE HEIMAT – CHRONIK EINER SEHNSUCHT. Zum vierten Mal wendet sich Reitz seinem Lebenswerk zu: Der Reales und Fiktion mischenden Geschichte des Dorfes Schabbach in den Wäldern des Hunsrück. Nachdem er in den ersten drei Teilen das Wechselverhältnis zwischen Alltagshistorie und großer Weltgeschichte im 20.Jahrhundert bis zur Jahrtausendwende fortgesponnen hatte, geht Reitz nun zurück ins 19.Jahrhundert in die Zeit des Vormärz zwischen 1840 und 1847. Die Feudalherren versuchen die in den Revolutionen erkämpften Rechte der Bürger wieder zurückzuschrauben, während die Bauern hungern, von Missernten, Seuchen, hoher Kindersterblichkeit heimgesucht werden, wie auch Handwerksmeister wie die Schmiede-Familie Simon darben. Viele wanderten aus, Deutsche waren damals Migranten. Der jüngere Sohn, Jakob, träumt vom Auswandern nach Amerika. Dazu wird es nicht kommen, doch bis das sicher ist, vergehen vier Filmstunden mit einer dichten, und ebenso leidenschaftlichen wie unsentimentalen Beschreibung eines Dorflebens vor 170 Jahren. Edgar Reitz hat eine einmalige Art Geschichten als epische Chronik zu erzählen, deren Ruhe und Schönheit – Schwarzweiße Bilder, die Gernot Roll filmte und die oft an niederländische Malerei erinnern – in Italien noch viel mehr gefeiert wird, als in Deutschland: Der proppenvolle, mit erstaunlich jungem Publikum gefüllte Saal reagierte nach der Premiere mit minutenlangen standing ovations – sie waren verdient. Und der 81-jährige Reitz wirkte in seiner Freude mindestens 15 Jahre jünger.

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In die Heiterkeit der Feier mischt sich ein trauriger Gedanke: War das Reitz letzter Film? Wenn er in dem Tempo weitermacht, dann ist er das nächste Mal, bei HEIMAT 5 über 90. Damit ist gar nichts gegen das Tempo gesagt, im Gegenteil: Denn dieser engagierte Schwerarbeiter macht ja mit jeder „Heimat“-Folge immer zwei, drei Filme.

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Was ist die Methode Reitz? Vielleicht ist es der Ort, der mich nach der Verwandtschaft zum Neorealismus fragen lässt. Auch bei Reitz haben die Figuren immer eine überaus präzise soziale Position. Das Geschehen zwischen Einzelnen und der Gruppe, die manchmal wie ein Chor wirkt, manchmal wie eine sozialer Körper für sich, ist immer verbunden. Beziehungen werden visuell hergestellt. Auch hier wieder hat der Regisseur in Jakob ein Alter Ego und er begibt sich auf Augenhöhe mit seiner Figur, seinen Protagonisten.
Wieder Schwarzweiß und zwischendurch wenig Farbe. Auf die hätte ich gut verzichten können, sie hebt zu betont hervor. Der Ansatz ist der einer Chronik. Mehr „und dann, und dann“, als der dramatische Bogen. In Schillers Gegensatzpaar des Naiven und des Sentimentalischen steht Reitz fürs Naive. Im Stilisierten, ist er anti-sentimental, kühl, und dabei voller einer Sehnsucht, Romantik. Das Symbolische und das Historische stehen bei ihm gleichberechtigt nebeneinander. Man denkt auch ein paarmal an NOVECENTO.

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Eine Poesie, die in den Bildern genauso liegt, wie in schönen Sätzen: „Es ist der Menschen Natur, Ernst zu machen.“ Und: „Freiheit ist nicht das Gegenteil von Gefangenschaft. Sondern etwas in uns.

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Wie genau ist das Historische? Gut recherchiert in jedem Fall. Eine skeptische Gegenthese: Warum hat die Dritte Heimat damals nicht so gut funktioniert? Vielleicht, weil wir die Welt gut kannten, um die es da ging, selber in ihr lebten. Weil wir von ihr im Film nichts Neues entdecken konnten, weil wir es besser wissen. Weil das Bild der Gegenwart schief war.
Wie aber, wenn nun Reitz‘ Bild der Vergangenheit genauso schief wäre wie das der Gegenwart?

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Der Zufall möglicherweise. Er ist ein wichtiger Hauptdarsteller in HEIMAT. Schon in früheren Teilen rückte der Regisseur die Zufälligkeit in Liebesdingen ins Zentrum. Wer zusammenfindet und glücklich zusammenlebt, ist nicht immer der der zusammengehört, oder gar „füreinander bestimmt“ war.
Ein anderer Hauptdarsteller ist die Neugier der Menschen. Die Weltentdeckung, der Aufbruch, der es schon bei den Argonauten in einem seiner ersten Filme im Zentrum stand. Das Begehren danach, eine andere Wahrheit zu suchen. Die Wissenschaft und hochfliegenden Träume werden in Schabbach immer konterkariert durch die Bodenständigkeit und Enge, auch durch den Ernst des Handelns. Richtig verspielt wirken Reitz Figuren selten.

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Demgegenüber wurde WOLFSKINDER  in der Orrizonti-Sektion verhaltener aufgenommen. Rick Ostermann hat seinen Malick gesehen und erzählt in seinem Debüt ein spannendes Thema, auf den Spuren von Roberto Rossellinis DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL: Es geht um einen Haufen verlorener, elternloser Kinder auf der Flucht in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie schlagen sich durch Blaubeer-Wälder und Insekten-Sümpfe durch, ohne Kontakt zur Erwachsenenwelt. Trotzdem nur selten märchenhaft. Im Überlebenskampf fallen sie wieder in einen tierhaft-primitiven Zustand zurück. Die Ungerührtheit der Kinder ist fantastisch. Tolle Kinderdarsteller ragten hervor in einem Film, der insgesamt mutig, aber unentschlossen wirkt, und sein Sujet bei allen ästhetischen Dezenz manchmal zu spekulativ und effekthascherisch und dabei zu brav behandelt.

Bildrechte: La Biennale di Venezia

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