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In Im Weltraum gibt es keine Gefühle dreht sich alles um den 18-jährigen Simon (Bill Skarsgård). Dieser lebt in einer ganz eigenen Welt, in der Gefühle unverständlich und menschliche Berührungen unmöglich sind, denn Simon leidet am Asperger-Syndrom. Was der überdurchschnittlich kluge Simon daher gar nicht mag, sind körperliche Nähe, Emotionen, romantische Komödien mit Hugh Grant, Chaos und Veränderungen. Was er dagegen ganz besonders mag sind der Weltraum, alles Wissenschaftliche, Kreise und seinen Bruder Sam (Martin Wallström).

Im Weltraum gibt es keine Gefühle ist das Regiedebüt des gerade einmal 26 Jahre alten Regisseurs Andreas Öhman, der mit seinem Film über den Asperger-kranken Simon nicht nur eine komödiantische, sondern auch originelle filmische Auseinandersetzung mit dem Asperger-Syndrom präsentiert. Mit diesem Werk kreiert er ein vor allem buntes und heiteres Szenario, in welches er den dramatischen Ernst der Krankheit einbettet, ohne sie dabei zu trivialisieren.

Die humoristische Seite mit der Öhman die komplexe Thematik des Asperger-Syndroms konfrontiert, zeigt sich bereits in den ersten Bildern. Um die verabscheuten Berührungen anderer Menschen von sich fern zu halten und sich empörte Reaktionen aufgrund seines sonderbaren Verhaltens zu ersparen, kennzeichnet Simon sich einfach selbst durch einen Button mit der Aufschrift ‚Nicht anfassen! Ich habe Asperger!‘. Das Intro wirft den Zuschauer dann mitten in Simons Welt hinein. Eine Welt voller technischer Zeichnungen, mathematischer Gleichungen und Weltraumbilder, denn Simons größte Leidenschaft gilt nicht nur allem logisch Nachvollziehbaren, sondern vor allem dem Weltraum. Denn im Weltraum gibt es keine Gefühle, die Probleme, Missverständnisse und Chaos auslösen können. Das große Problem mit den Gefühlen ist nämlich, dass es keine Gleichungen und Formeln zu ihrer Berechnung gibt. Gefühle sind all das was Simon verabscheut: unberechenbar und oft nicht nachvollziehbar oder gar vorhersehbar. Und dennoch ist die Welt voll von ihnen. Aus diesem Grund flüchtet er sich immer wenn etwas in seiner Welt nicht nach Plan verläuft, in eine zur Weltraumkapsel umfunktionierten Blechtonne, aus der ihn nur sein Bruder Sam mit Hilfe einer Art NASA-Sprache wieder herauslocken kann. Abgeschottet von allem Irdischen und Unlogischen unserer Welt schwebt Simon in solchen Momenten dann in seinem Refugium als Astronaut durch den Weltraum.

Simons Leben ist minutiös durchgeplant. Alles muss einem bestimmten Muster folgen. Im wöchentlichen Rhythmus sieht jeder Tag gleich aus: die gleichen Mahlzeiten, die gleichen Klamotten, die gleichen Tätigkeiten. In Simons Welt hat alles seinen prädestinierten Platz, sogar die Menschen um ihn herum. Ein Tick, der sich nervig und verstörend anhören mag, jedoch wesentlich zur Komik des Films beiträgt. Ehe man es sich versieht, übernimmt man Simons ausgesprochen penible Art ein Stück weit und ertappt sich dabei sich mit Simon mitzuärgern, verläuft mal etwas leicht außerplanmäßig. Dass das System funktioniert, dafür ist Sam zuständig. Er ist es, der Simon jeden Tag Essen in Kreisformen kocht. Sind die Lebensmittel nicht von Natur aus kreisförmig, so werden sie zu Kreisen geschnitten, gestanzt, geknetet, was auch immer nötigt ist, um sie in die richtige Form zu bringen. Sam ist es auch, der Simon am Beispiel von Smileys hilft, die Menschen und ihre Gefühle zu verstehen. Kreise spielen in Simons Leben, wie mittlerweile unmissverständlich jedem klar geworden sein dürfte, eine zentrale Rolle. Sie bestimmen seinen Alltag und sind eine Obsession, die sich durch den gesamten Film durchzieht.

Auch Simons Gedankenwelt integriert der Film durch die Verwendung von graphischen Elementen, mathematischen und technischen Zeichnungen und (natürlich) auch Kreisen, in das Kinoerlebnis mit ein. So zeigen immer wieder runde Gesichter, die wie Schablonen über die Filmszene gelegt werden, die Stimmungen von Simons Gegenüber an. Oder es erscheinen mathematische Zeichnungen im Bild, die Winkelberechnungen für den exakten Wurf eines Basketballs anzeigen. Oder aber es werden tickende (runde!) Uhren sichtbar, die seine Besorgnis um die strikte Einhaltung seines Zeitplans unterstreichen. Solche kleinen visuellen Effekte helfen dem Film immer wieder seine komödiantische Ader zu bewahren und den Ernst der Lage nicht zu weit in den Vordergrund zu drängen. Auf diese Weise wird, selbst während der Szenen, die deutlich auf die Probleme der Krankheit hindeuten, die fröhliche Grundstimmung des Films Aufrecht erhalten. Diese Effekte sind also ein nettes Detail, das gut mit dem bunten und heiteren Gesamtszenario harmoniert und obwohl es sich dabei um keine innovative Idee handelt, so passt diese schlicht zum kindlich-naiv gezeichneten Charakter des Protagonisten, aus dessen Phantasie die Bilder schließlich entspringen.

Die eigentliche Handlung des Films setzt ein als Sam beschließt das elterliche Nest zu verlassen. Simons Eltern (Lotta Tejle und Ingmar Virta), die mit ihrem Asperger-kranken Sohn völlig überfordert sind, übergeben die Verantwortung nur liebend gern an Sam. Und als dieser beschließt mit seiner Freundin Frida (Sofie Hamilton) zusammenzuziehen, muss Weltraumpilot Simon natürlich mit. Doch Frida hält Simons penible Art nicht lange aus und ergreift die Flucht. Von Frida verlassen, bricht für Sam eine Welt zusammen und damit auch die von Simon. Während Sam in eine tiefe Depression fällt, droht Simons geregelter Alltag ins absolute Chaos zu stürzen. Sam hält sich nicht mehr an den festgelegten Plan und konfrontiert Simon mit einer komplett ungeregelten Welt, mit welcher dieser so gar nicht zu recht kommt. Völlig verstört versucht Simon die Sache wieder zu richten und nicht nur die Welt seines Bruders, sondern vor allem auch seine eigene wieder in Ordnung zu bringen: Eine neue Freundin für Sam muss her, die Fridas Rolle in seinem Leben übernimmt und so alles wieder ins Gleichgewicht bringt. Mit wissenschaftlich hergeleiteten Richtlinien tüftelt der naive Simon, der von Gefühlen nichts versteht, am allerwenigsten von der Liebe, einen theoretisch unfehlbaren Plan aus und tritt die Suche nach der geeigneten Partnerin für seinen Bruder an, die nach seinen Kalkulationen in 13 Kriterien mit Sam übereinstimmen muss, um die Richtige zu sein. Dass dieser Plan zum Scheitern verurteilt ist, ist dabei ebenso vorhersehbar wie die erstaunten Reaktionen der Befragten. Mit seinen ganz speziellen Fragen, die von trivialen Dingen (wie ‚Magst du lieber Hunde oder Katzen?‘) bis hin zu sehr intimen Details (à la ‚Machst du Geräusche beim Sex?‘) reichen, konfrontiert er auf der Straße ein Mädchen nach dem anderen. Scham kommt in dem liebenswürdigen Simon dabei keine auf, denn so etwas wie Schamgefühl ist ihm genauso fremd wie Diskretion und Privatsphäre. Simons unkonventionelle und zum Teil unangebrachte Fragen tragen beim Zuschauer weitgehend zur Belustigung bei, auch wenn vielleicht ein klein wenig Fremdscham nicht aus bleibt. Dass der Film hier, sowie auch an anderen Stellen, das krankheitsbedingte Handeln Simons als komisches Element verwendet, ist allerdings nicht ganz unkritisch und vielleicht sogar ein kleines Manko des Films. Klischeehafte Verhaltensmuster, die, beispielsweise an dieser Stelle aufgrund der mangelnden Feinfühligkeit Simons als Symptom seiner Krankheit, ein im Grunde ernstes Problem darstellen, werden ins Komische gezogen. Tragen einige der komischen Elemente, die der Film verwendet, im positiven Sinne zu einer heiteren Grundatmosphäre bei, so grenzt es an dieser Stelle wiederum beinahe an Zurschaustellung und Ausnutzung der Steilvorlagen, die das Asperger-Syndrom unweigerlich bietet, und die vermutlich nur Unbetroffenen witzig erscheinen mögen.

Als Simon dann aber begreift, dass Menschen sich oft gerade aufgrund ihrer Gegensätze zueinander hingezogen fühlen, kommt Gefühlsmensch und Vollchaot Jennifer (Cecilia Forss) ins Spiel, die mit ihrer quirligen Art der Gegenpol zu Simon schlechthin ist. Die lebenfrohe Persönlichkeit verfügt zudem über einen Charme, der so groß ist, dass er nicht nur über die Leinwand hinaus, sondern sogar bis in den Weltraum und zu Simon reicht und einen ganz besonderen Gedanken in diesem auslöst: Was ist, wenn es im Weltraum doch Gefühle gibt? Und in einer innigen Schlussszene scheint die Erde, mitsamt ihrer doch so komplexen, menschlichen Gefühle, Simon doch noch zu erreichen.

Im Weltraum gibt es keine Gefühle lässt das Ende weitgehend offen und obwohl Simons Plan gescheitert ist und sich für Sam nicht viel verändert hat, gibt es einem dennoch das Gefühl eines Happy End. Denn es geht in diesem Film nicht um Sam, der gezwungen ist sein Leben nach seinem Asperger-kranken Bruder auszurichten und es geht auch nicht um die Eltern, die sichtlich mit der ganzen Situation überfordert sind. Es geht um Simon und um seine Sicht der Dinge, und Simons Welt verläuft zumindest im Augenblick der Schlussszene wieder in geregelten Bahnen.

Zweifelsohne ist Im Weltraum gibt es keine Gefühle nicht der tiefsinnigste Film, auch nicht unter den bereits zahlreich existierenden Filmverarbeitungen der selben Thematik. Nichts desto trotz ermöglicht er seinen Zuschauern, mal mehr, mal weniger gelungen, auf eine unterhaltsame Weise einen Blick in die Welt eines Asperger-Kranken. Dass der Film dabei stellenweise sogar fast ein wenig an jene Romantik-Komödien mit Hugh Grant erinnert, die Simon doch derart verhasst sind, kann aufgefasst werden, wie man möchte: als ironischer Kunstgriff oder als Futter für die Meute, um auch das breite Publikum anzusprechen. Trotz allem erweist sich dieser Film zu keinem Zeitpunkt als richtige Liebeskomödie, da romantische Gefühle unter den Protagonisten weitgehend ausbleiben, wobei auch dies wieder eine Interpretationsfrage der zugegebenermaßen intimen Schlussszene ist. Schlussendlich ist Im Weltraum gibt es keine Gefühle dennoch ein Film, der durch seine bunten Bilder, einer, trotz aller dramatischen Umstände, heiteren Atmosphäre und ausgefallenen Charakteren besticht und es weiß den Zuschauer zu unterhalten und ihm das ein oder andere Schmunzeln zu entlocken. Nicht umsonst schaffte es Öhman mit diesem Werk zum schwedischen Oscarkandidaten für den besten ausländischen Film 2011.

Im Weltraum gibt es keine Gefühle

Originaltitel: I rymden finns inga känslor
R: Andreas Öhman
B: Andreas Öhman, Jonathan Sjöberg
K: Niklas Johansson
D: Bill Skarsgård, Martin Wallström, Cecilia Forss
Schweden, 2010, 90 Min.
Arsenal Filmverleih
Deutscher Kinostart: 24. November 2011

Bildmaterial: Arsenal Filmverleih & Aries Images

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