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Verführung und Manipulation: George Clooney eröffnet als Regisseur und Hauptdarsteller die Filmfestspiele von Venedig

Venedig-Blog, Folge 2

„You can start a war, you can bankrupt the country, you can do all possible things, but the only thing, you can’t, is fuck your interns.“ – dieser Satz ist es wohl, der die ganze Absurdität des amerikanischen Politikbetriebs auf den Punkt bringt. Er fällt ziemlich gegen Ende von The Ides of March, einem brisanten Politthriller, der zugleich als Satire auf seinen Gegenstand funktioniert. Mit ihm wurden gestern Abend die Filmfestspiele von Venedig eröffnet. George Clooney selbst führt hier nicht nur Regie, er spielt eine der Hauptrollen: Mike Morris, einen Gouverneur der Demokratischen Party, der sich um die US-Präsidentschaft bemüht. In Ohio stehen Mitte März die entscheidenden Vorwahlen an. Die eigentlichen Hauptfiguren des Films sind aber Morris‘ Berater im Hintergrund: Ein Hochleistungsteam, das den Wahlkampf so effizient und skrupellos führt, wie eine Truppe einen Feldzug, eine verschworene, aber immer durch Interessen bestimmte Gemeinschaft.

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Einmal, da bekommt Ryan Gosling, der in diesem Film Stephen heißt, und die rechte Hand des Wahlkampfmanagers spielt, einen Anruf. Er kommt von seinem schärfsten Konkurrenten, dem Wahlkampfmanager der Gegenseite. Eigentlich dürfte Stephen gar nicht mit ihm sprechen. Erst recht dürfte er nicht auf das Angebot eingehen, sich unter vier Augen zu treffen. In dem Moment, in dem er es doch tut, verharrt die Kamera etwas zu lange auf seinem Gesicht, folgt seinen Blicken durch die Glasscheibe hindurch über den restlichen Raum, auf die arbeitenden Kollegen. Musik aus dem Off setzt ein, zum ersten Mal in dem Film, der da schon eine Viertelstunde alt ist. Und jeder im Zuschauersaal spürt, dass dies ein ganz entscheidender Moment, ja: der entscheidende Moment ist in diesem Film.
Es gibt noch zwei, drei andere Momente in The Ides of March, die ähnlich intensiv, ähnlich aus der Zeit gefallen sind. Und wie er diese Intensität herstellt, den Mut zum Pathos hat, ohne dass der Film nun deshalb pathetisch oder gar kitschig würde, das ist die große Kunst des Regisseurs George Clooney.

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Ziemlich am Anfang spielt und singt ein Barpianist das Lied: „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when.“ Zwei Männer sitzen in der Bar, ihnen gehört später auch die vorletzte Szene des Films. Dann ist alles anders geworden. Es sind der junge PR-Berater Stephen Myers (Ryan Gosling), der wichtigste Mitarbeiter des erfahrenen Wahlkampfmanagers Paul Zara (Philip Seymour Hoffman). Stephen hat sich im Stahlbad des Politik-Geschäfts einen Hauch Idealismus bewahrt. Doch er macht Fehler. Nicht nur, dass er mit der Praktikantin Molly ins Bett geht. Viel schwerer wiegt, dass er in das heimliche Treffen mit dem Wahlkampfmanager der Konkurrenz einwilligt. Nun hat er Pauls Vertrauen verloren und ist erpressbar geworden. Und damit nicht genug: Irgendwann erfährt Stephen, dass Molly auch mit dem Kandidaten Morris etwas hatte – und ein Kind erwartet…

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Immer dichter und komplizierter wird das Netz aus wechselseitigen Intrigen, dass Clooney spinnt. Er zeigt den demokratischen Politikbetrieb durch und durch desillusionierend als Welt, in der verlogene Rhetorik und moralische Korruption den Ton angeben, in der jeder jederzeit stürzen kann, jede Handlung und Äußerung hochgefährlich ist, und in der man manchmal zynisch sein muss, wenn man seine Ideale verwirklichen will. Er schildert Verführung, Manipulation und Verschwörung, die keine der Figuren unberührt lassen – wie in einem Shakespeare-Drama. „Die Iden des März“, das ist natürlich eine Anspielung auf die Geschichte von Julius Caesar, die auch William Shakespeare bearbeitete – des charismatischen Herrschers, der als Retter der Republik begann und als Begründer der Diktatur endete. Mit dem Unterschied, dass man bis zum Schluss nicht sicher ist, wer hier Caesar, wer Brutus und wer Marc Anton ist. Vor allem aber ist dies einer der ersten Filme, die unsere Gesellschaft in ihrem Wesen als PR-Gesellschaft beschreiben, als Welt, in der die PR-Berater, und das „Verkaufen“ von Inhalten und Werten wichtiger geworden sind, als diese Inhalte selbst.

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Im Unterschied zu einem Film wie Primory Colors, der vom Clinton-Wahlkampf erzählte, ist hier der Kandidat keine Witzfigur und keine Marionette seiner Ehefrau. Aber er ist auch nicht frei. Er trifft seine Entscheidungen nach den Vorgaben der PR-Consultants.
Nebenbei werden viele zumindest bedenkenswerte Aussagen getroffen: „Wenn man sagt: ‚Umverteilung des Wohlstands‘, dann schreien die Reichen ‚Sozialismus‘. Darum sage ich: Ich bin gegen die Umverteilung des Wohlstands – zu den Reichen!“ Oder über die Republikaner: „They are meaner, rougher, and more disciplined than we are.“

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„Dies ist kein politischer, sondern ein moralischer Film. Es geht um die Frage, ob man bereit ist, seine Seele zu verkaufen, damit das richtige Ergebnis herauskommt.“ Mit offenem Hemd, geschmackvollem mittelgrauen Anzug, genau passend zum aschgrauen Haar, saß George Clooney dann gestern nach der Pressevorführung im alten marmornen Casinobau von Venedig, wo alljährlich die Pressekonferenzen des Filmfestivals stattfinden. Wie gewohnt eloquent und charmant stellte sich der Weltstar den Fragen der Journalisten, antwortete auf Naheliegendes, wie die Botschaft seines neuen Films: „Es ist gerade schwierig, Politik zu machen. Aber das wird sich ändern.“ Oder auf Weithergeholtes: Ob er je in die Politik gehen wolle, gar fürs Präsidentenamt kandidieren? „Sehen Sie, Präsident Obama ist sympathisch, sehr klug, leidenschaftlich. Trotzdem ist es ihm fast unmöglich seine Arbeit zu tun. Warum sollte irgendjemand das freiwillig machen? Ich bin mit meinem Beruf sehr zufrieden.“
Bei den Filmfestspielen von Venedig, die gestern Abend mit The Ides of March eröffnet wurden, ist Clooney ein Dauergast, schon mit acht Filmen war er hier. Clooney, bekanntlich Wahlitaliener, Besitzer einer schicken Villa am Comer See und Werbefigur einer Espressofirma, liebt einfach den Lido mit seinem einmaligem Flair aus Fin-de-Siècle-Dekadenz, schwülem Spätsommerstrandleben und quirlig-grellem Yuppietum der Neureichen, die in der mittelalterlichen Finanzmetropole heute die Macht haben. Und dafür lieben ihn die Italiener. Diesmal jedoch ist er in einer besonderen Rolle unterwegs: Als ein Hauptdarsteller, als Regisseur und dann auch noch Stargast zur Eröffnung.

Hier lesen Sie alle Berichte von Rüdiger Suchsland aus Venedig.

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