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In der Wolfsgesellschaft – Cannes-Blog, 8te Folge

von | 21 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

Strohfrauen und High-Heels

„Just dont keep me in the dark.“

– „Afraid of the dark?“

Dialog zwischen Emily Blunt und Benicio del Toro, aus: „Sicario“

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Vorstellungen fangen zu spät an. Filme, sogar Wettbewerbsbeiträge beginnen im falschen Format, haben zwischendurch grobe Projektionsfehler. Während Vorstellungen bereits laufen, lässt man noch Zuschauer in den Saal, was die, die bereits sitzen und den Film sehen möchten, natürlich extrem stört – all so etwas konnte man in Cannes noch nie beobachten, in diesem Jahr kommt es alles zusammen.

Auch häufen sich in diesem Jahr die Absperrungen. Nach den Abendvorstellungen werden die Rolltreppen des Festivalpalais ohne erkennbaren Grund zugestellt. Der Platz vor dem Palais ist weitaus begrenzter, als bisher, mit dem Ergebnis, dass das Gedrängel zunimmt.

Das Festival scheint seltsam desorganisiert. In diesem Jahr gibt es soviel Chaos, wie noch nie zuvor in den dreizehn Jahren, die ich hierher komme. Und das fügt sich zu einem Wettbewerb, der zwar nicht schlecht ist, aber auch etwas merkwürdig Unfertiges, Ungefügtes hat, der nicht so gut „komponiert“ scheint, wie in früheren Jahren, und der auch nicht gut programmiert ist – die Aufeinanderfolge der Filme stimmt diesmal viel weniger, als in früheren Jahren.

Ob das vielleicht mit dem Weggang von Gilles Jacob zu tun hat?

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Als das „Year of la femme“, das „Festival der Frauen“ wird das diesjährige Cannes hier von vielen angesehen. Das liegt an vielen Hauptrollen für Darstellerinnen und an der – relativ – hohen Zahl von Regisseurinnen in allen Festivalsektionen.

Dazu passt – oder vielleicht doch gerade nicht – dass es in diesem Jahr einen veritablem Schuhstreit gegeben hat. Dazu muss man wissen, dass Cannes seinem Ruf, in formalen Fragen im Gegensatz zum Filmgeschmack altmodisch und konservativ zu sein, und den Glanz des bürgerlichen Zeitalters nach dessen Ende stur weiter zu pflegen, dadurch gerecht wird, dass es hier bei jeder der abendlichen Galavorstellungen der offiziellen Sektion („Wettbewerb“, „Außer Konkurrenz“, und „Seance speciale“) eine Kleiderordnung gibt, die französisch, also rigide, durchgesetzt wird. Während diese bei den Männern relativ klar ist – Smoking, Frack oder Anzug, Krawatte oder Fliege, festes Schuhwerk – ist sie bei Frauen relativ interpretationsfähig. Keineswegs ist immer ein langes Abendkleid gefordert, der kurze Minirock tuts auch, viele Frauen kommen in Lederjacken und zeigen sehr viel nackte Haut, aber auch Folkloristisches, wie historische Trachten sind erlaubt, solange diese nur exotisch genug sind. Dirndl ginge wohl kaum, Sari aber schon, genau wie der Bambusrock bei einer Südseeschönheit. Nur eines schien bisher klar: Absatz muss sein, je höher, desto besser.

Oder auch nicht. Denn man hatte in der Vergangenheit sogar schon offizielle Mitarbeiter und Jurymitglieder in Flip-Flops über den roten Teppich laufen sehen. Und auf Nachfrage des Magazins „Hollywood Reporter“ stellte sich jetzt heraus, dass „beyond formal dress, there was no specific mention about wearing heels.“

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Dies alles ist zunächst einmal deswegen der Erwähnung wert, weil offenbar ausgerechnet bei der Premiere von Todd Haynes CAROL, nun wirklich einem Frauenfilm, vielen Frauen von den Saaldienern der Eintritt mit der Begründung verwehrt wurde, ihr Schuhwerk sei unangemessen. Sandalen, aber auch zu flache Ansätze seien nicht gestattet.

Aus diesem Grund kam es vor der Premiere von SICARIO am Dienstag zu Protesten der Filmemacher, und der Hauptdarstellerin Emily Blunt, die bei der Pressekonferenz meinte, sie sei über derartige Vorschriften „sehr enttäuscht“. Jeder solle am Abend flache Schuhe tragen.

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Man darf sich allerdings auch fragen, ob High Heels wirklich ein weiteres Mittel der Unterdrückung der offenbar doch recht schwachen weiblichen Geschlechts durch die alles dominierenden, so starken wie bösen unterdrückungslüsternen Männer sind.

Wird es bald so sein, dass man High Heels so verbieten muss, wie das Tragen eines Kopftuchs durch Beamtinnen?

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Kommen wir zu Wichtigerem, den Filmen: SICARIO stammt vom Franco-Kanadier Denis Villeneuve. Sein Film ist auf den ersten Blick vor allem ein konventioneller Thriller über amerikanische Polizisten, die es mit der mexikanischen Drogenmafia zu tun haben. Der Vorspann erklärt, dass SICARIO ursprünglich jene Krieger der Zeloten meinte, die die römische Besatzungsmacht bekämpften. Und dass das Wort sich heute auf die Auftragskiller der mexikanischen Drogenmafia bezieht.

Aber wer eigentlich hier in diesem Film genau der im Titel gemeinte SICARIO ist, das bleibt vorläufig offen.

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Dies ist ein hauptsächlich in Amerika spielender Polizeithriller, der stark davon geprägt ist, dass hier ein Kanadier auf Amerika und die amerikanischen Verhältnisse blickt. Alles spielt in jenem Terrain zwischen Südkalifornien, Texas, El Paso, Tijuana und Ciudad Juarez, jener blutigen Zwischenzone am mexikanisch-amerikanischen Grenzstreifen, der von Menschenhandel und Drogengeschäften geprägt ist, und im Hollywood-Kino bereits ein eigenes Genre begründet hat: Das der „Border“-Filme. Villeneuve zitiert diese kenntnisreich, angefangen mit TOUCH OF EVIL von Orson Welles, dessen hundertster Geburtstag bei diesem Festival auch gefeiert wird, über THE WILD BUNCH, bis hin zu LONE STAR, TRAFFIC oder PERDITA DURANGO. Villeneuve fehlen die Schuldgefühle gegenüber Mexiko, die im amerikanischen Kino oft spürbar sind.

Es ist ein oft düsterer Film, der von oben herab auf die Wüste blickt, als handle es sich um eine Mondlandschaft, der Horror-Musik darunter legt. Ein Film, der sich auch Zeit nimmt, um seine Story zu erzählen, der insgesamt cool gemacht ist und sich aufs Visuelle konzentriert.

Schnell wird sichtbar, dass Villeneuve anders inszeniert, als in Hollywood üblich: Statt mit Schnittorgien Unübersichtlichkeit zu schaffen, zieht seine ruhige, beobachtende Kamera (Roger Deakins) die Zuschauer ins Geschehen hinein, und schafft ein Gefühl für die Lage seiner Figuren. Als eine Sitzung hoher Beamter gezeigt wird, gibt es keine Close-Ups, keine Schnitte.

Die beste Szene ist dann eine Fahrt mit fünf Polizeiautos nach Mexiko, wo ein gefangener Gangster den Amerikanern übergeben und außer Landes geschafft wird. Mal aus dem Flugzeug gefilmt, dann aus den Autos heraus, vorbei an gehängten Leichen, eskortiert von mexikanischer Polizei. Zurück am Grenzübergang werden sie abgefangen – das ist glänzend vorbereitet, ein Spiel der Blicke und Beobachtungen mit ständig wachsender Spannung.

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Es beginnt mit einem Polizeieinsatz: Ein FBI-Kommando stürmt ein Haus, einen Unterschlupf des Kartells. Das ganze Gebäude ist voller Leichen. In den Wänden finden sie über 35 Tote. Zugleich tappen sie in eine eingebaute Falle, und mehrere Beamte sterben oder werden schwer verletzt. Dies ist der Auftakt. Die von Emily Blunt gespielte Hauptfigur ist eine junge Polizistin. Sie wird von einer Spezialeinheit angeheuert, die, das ist schnell klar, den schmutzigen Krieg der Kartelle zurück nach Mexiko trägt, mit halblegalen, oft einfach kriminellen Methoden und einfach Mord. „We are making enough noise, that Ruiz is called back to Mexico by his boss. Then we know, where is boss is.“ So erklärt das einmal ein Beamter. „In the meantime, first sponge everything up. Learn, that’s why you are here!“

ZERO DARK THIRTY bildet ein fernes Referenz-Echo für diesen Film. Aber die Heldin hat schnell Zweifel, beharrt auf den Regeln. Doch leider ist die Hauptfigur hier zu oft einfach nur eine Empörte. Schade.

Besser wäre es gewesen, den Konflikt stärker als moralischen herauszuarbeiten: Kann man Feuer nur mit Feuer bekämpfen?

Als sie einmal einwendet: „I am not a soldier. This is not what I do.“ bekommt sie einfach zur Antwort: „This is the future.“ Könnte ja etwas dran sein.

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Dies ist auch deshalb ein hervorragender Film, weil er zeigt, wie viele amerikanische Behörden drauf sind… Und dass ihr Verhalten von ganz oben unterstützt wird, von Politikern, „von denen, die ins Amt gewählt werden, nicht ernannt“. Diese Kritik an der Demokratie und ihren Lebenslügen, noch mehr ihrer Doppelmoral, ist nicht neu, aber notwendig.

Als Benicio Del Toro, der einen mexikanischen Polizisten spielt, der mit den USA zusammenarbeitet, in einen Keller kommt, wo er einen Verdächtigen foltern wird, pfeift er kaum merklich „Hail to the chief“ – jenes Lied, das immer gespielt wird, wenn der US-Präsident einen Ort betritt. Muss es noch deutlicher sein? „Now you’ll learn what’s hell in Yankee-Land.“

Und so geht es auch um eine Demokratie, die ihre selbstgesetzten Grenzen immer erweitert, und die Wähler betrügt. Denn der einzige Grund, warum Kate überhaupt für diese Spezialeinheit verpflichtet wurde, ist der, dass es sich um die CIA handelt. Die CIA darf im Inland nicht operieren, ohne dass das FBI beteiligt ist. Sie ist eine Strohfrau.

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Das Ende ist weder ein gutes, noch ein schlechtes. Kate wird zur Falschaussage gezwungen, mit als Selbstmord getarntem Mord bedroht, wenn sie nicht die Verbrechen ihrer Kollegen deckt. Aber es hat die Richtigen getroffen.

Und Benicio del Toro, der die komplette Familie des Drogenbosses mit diesem erschossen hat, empfiehlt Kate: „You should leave to a small city where law is still …. You will not survive here. We are in the lands of the wolves.“

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Es ist schon öfters bemerkt worden, dass man den Wölfen vermutlich Unrecht antut, wenn man sie mit Gewalt und Unsolidarität, mit blutiger Beutegier assoziiert. Aber das wird den Wölfen nichts nutzen.

OFFICE CANNES

Dass Genrekino politisch engagiert sein kann, beweist auch der koreanische Film OFFICE von Hong Won-Chan, der außer Konkurrenz läuft. In den ersten Minuten bringt ein Familienvater Frau und Kinder um. Doch nicht die Mörderjagd steht danach im Mittelpunkt, sondern die Dynamik am Arbeitsplatz, wo die Arbeitskollegen des Täters sich über Gewissensbissen und Schuldzuweisungen selbst zerfleischen. Sehr gekonnt zeigt OFFICE das Büro ebenfalls als Wolfsgesellschaft: „The office is filled with wolves, trying to rip each other into pieces.“ OFFICE ein universaler Psycho-Horror-Thriller über den verborgenen Irrsinn im Herz des Kapitalismus, und könnte genauso gut in amerikanischen Büroetagen spielen.

Fotos © Richard Foreman, Cannes Film Festival