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In Kracauers Stadt – die 120 Tage von Caligari, Folge 4

von | 31 Mai 2015 | Rüdiger Suchsland auf Filmtour, Uncategorized | 0 Kommentare

Deutschlandstart in Frankfurt, ein jüdisches Gymnasium, und Mehrheitsgesellschaft der Bio-Deutschen

„Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“

Rainer Werner Fassbinder

„Das Gefühl, dass es immer vom Gegenteil auch noch etwas braucht. Wenn ich das eine sage, kann ich das Gegenteil davon auch noch sagen und es stimmt auch. … Dass man nie fertig ist, dass es immer weiter geht, dass es auch etwas Befreiendes hat, Vorurteile loszuwerden, überhaupt seine Urteile wieder loszuwerden.“

Hanna Schygulla über Fassbinder

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Vor genau 70 Jahren wurde Fassbinder geboren, vor fast 33 Jahren ist er gestorben. Im Deutschlandfunk erinnerte an diesem Wochenende eine „Lange Nacht“ an den Regisseur, die aus dem ganzen Erinnerungszirkus dieser Tage herausragt. Sie stammt von Markus Metz und Georg Seeßlen, immer noch einem der allerinteressantesten Autoren unter all denen, die über Film schreiben. Mehr als ein Filmkritiker, aber gerade darum auch manchen Kollegen schon aus Prinzip suspekt. Spürbar liebt er Fassbinder, hält aber auch – darum vielleicht – klug Abstand zu aller Hagiographie.

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Mir selbst geht es mit Fassbinder so, dass ich das, was ich kenne (und ich kenne längst nicht alles) immer spannend finde, aber nicht in allen Fällen gelungen. Manchmal überangestrengt, manchmal auch anstrengend. Was mir an seinen Filmen gefällt, ist seine Energie und die Leidenschaft, die immer spürbar sind.

Gerade darum ist es mir auch suspekt, wie stark er heute gefeiert wird, und wie unumstritten alles zu sein scheint, was er gemacht hatte. Ein Heiligenschein umgibt sein Werk. Das hätte ihm selber nicht gefallen.

Andererseits möchte man lieber nicht wissen, wie Fassbinder gealtert wäre. Ob er heute auch so ein Renegat und Rechthaber sein würde, wie der öffentliche (nicht unbedingt der private) Wolf Biermann? Oder ein Starrkopf wie zuletzt Grass? Ganz auszuschließen ist’s nicht.

Die Auseinandersetzung mit Fassbinder muss erst noch beginnen. Das wird aber wohl nicht geschehen, solange Juliane Lorenz und ihre sogenannte „Fassbinder Foundation“ das Werk in Beschlag nehmen, versuchen, ihren Alleinvertretungsanspruch und die Deutungshoheit in Sachen Fassbinder in auf viele neutrale Beobachter herrisch und totalitär anmutender Weise durchzusetzen. Aus Fassbinder wurde ein Label gemacht. Fehlen fast nur noch die Plastik-Spielfiguren. Man kann sich ganz gut vorstellen, was Fassbinder über Lorenz und die Fassbinder-Foundation gedacht und gesagt hätte.

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Am Donnerstag zum Filmstart war ich in Frankfurt im Mal sehn-Kino. Frankfurt ist eine der Städte, in denen Fassbinder gearbeitet hat, im Theater am Turm.

Vor allem aber ist Frankfurt natürlich die Stadt von Siegfried Kracauer und des Institut für Sozialforschung, der Frankfurter Schule.

Wolfgang Schievelbusch hat vor vielen Jahren bei Suhrkamp ein immer noch unglaublich lesenswertes Buch über die „Lage der Frankfurter Intelligenz in den zwanziger Jahren“ veröffentlicht: Intellektuellendämmerung. Sehr apokalyptisch klingt das aber eigentlich nicht. Denn in dem Buch zeichnet der Autor ein dichtes Portrait einer Stadt, die im Vergleich zu Berlin keine Metropole war, sondern übersichtlich, aber gerade dadurch liberaler und toleranter.

In meinem Film sage ich über die einstige freie Reichsstadt:

Frankfurt war die heimliche Hauptstadt des linksliberalen Deutschlands. Frankfurt vereinte Geist und Geld, und wurde in den 20er Jahren ein Zentrum der linken intellektuellen Avantgarde. … In Frankfurt lehrten auch die demokratischen Marxisten vom „Institut für Sozialforschung“, in deren Kreisen sich Kracauer bewegte. Am Institut las man die revolutionären Kulturtheorien von Marx, Nietzsche und Freud, und verband dies alles zu einem eigenwilligen Blick auf die Welt, der nicht mehr Philosophie heißen wollte, sondern „Kritische Theorie“. Selbst das Kapital gab sich moderne Formen: Die neue Zentrale der IG Farben in Frankfurt war ein sensationelles Gebäude. Entworfen hatte es Hans Poelzig, der Architekt von Paul Wegeners expressionistischem GOLEM.

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Gut 30 Leute sind für den Film da. Das „Mal sehn“ ist eines der allerschönsten Kinos der Stadt, ein echtes, seit Jahrzehnten gewachsenes Independent-Kino, fest verankert in seinem Viertel, mit einem angeschlossenen Café, das auch während der Vorstellungen anständig besucht ist. An einer Wand stehen zwei Dutzend Bücher, unter anderem ein paar Simenon-Krimis, zur freien Verfügung. Außer Kaffee, Tee & Kuchen gibt es Bier und sehr viele Weinsorten, Salate, Tapas, Würstchen. Ich nehme Äppelwoi und Handkäs, als ehemaliger Frankfurter nutze ich gern jede Gelegenheit zu diesem seltenen Genuss.

Im Vorraum, wo man sitzt, hängen Stills von Filmklassikern, stehen Holztische und Stühle, alles ist solide, angenehm unprätentiös und besitzt einen Hauch der Frankfurter Alternativ-Kultur der 80er Jahre. Vor kurzem wurde man 30 Jahre alt. Vier Leute führen das Kino, das vereinsrechtlich organisiert ist. Man wünscht sich einen zweiten Kinosaal.

Das Filmprogramm ist sehr gemischt, und weit über dem Durchschnitt der Arthouse-Kinos. Vor meinem Film kommt DAS ZIMMERMÄDCHEN LYNN, danach in der Spätvorstellung Stina Werenfels‘ so toller wie riskanter DORA ODER DIE SEXUELLEN NEUROSEN UNSERER ELTERN. „Was Arthouse ist, weiß ich sowieso nicht“, sagt einer vom Kino, als wir über diesen merkwürdigen Begriff sprechen, der sich vor bald 20 Jahren eingebürgert hat, und so etwas wie Mainstream jenseits des Blockbusters meint.

Die Frankfurter Kinolandschaft ist ja gar nicht so schlecht. Das Festival Nippon Connection, das jetzt bald wieder stattfindet, ist international bekannt. Die anderen Festival haben nur städtische Bedeutung, aber das reicht ja auch.

Ein Festival mit Alleinstellungsmerkmal ist besser, als die immer gleichen Filmschauen mit den „Best of“ des Jahres, die sich jede größere Stadt leistet, und die am Ende noch den Programmkinos Zuschauer wegnehmen.

CaligariFilmtour2015-Frankfurt-002-MalSehn

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Nach dem Film gibt es die Diskussion mit dem Publikum. Gunter Deller, einer der Kinoleiter, moderiert. Er hat sogar meinen Cannes Blog hier auf Negativ gelesen, kennt meine Kritiken besser als ich und freut sich, dass ich immer wieder mal für das „unreine Kino“ plädiere.

Darüber dreht sich auch ein Teil des Gesprächs. Es kommt Lob dafür, dass der Film auf Kracauers Bedeutung hinweist und an seinen Text erinnert. Ein Fragesteller möchte wissen, warum KUHLE WAMPE nicht vorkommt? Ein verständlicher Einwand, denn ohne Frage ist dies einer der wichtigsten Filme der Weimarer Republik. Ich antworte ihm, dass das etwas mit den Rechten und einer Kostenabwägung zu tun hatte. Ich habe mich entschieden, lieber auf ein paar teure Ausschnitte von bekannten Werken zu verzichten, um stattdessen die völlig unbekannte Marie Harder, eine der wenigen Frauen, die seinerzeit Filme machten, und Werner Hochbaum zu zeigen – weil ich auch KUHLE WAMPE als recht bekannt voraussetze. Hoffentlich zu recht.

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Jüdisches Gymnasium FrankfurtBeim Nachhauseweg zum Hotel Mercator, wo ich untergebracht bin, laufe ich an der I.E.Lichtigfeld-Schule, dem „Philanthropin“ in der Hebelstraße vorbei. Dass es eine jüdische Schule ist, sehe ich gleich, dass es sich um das einst größte jüdische Gymnasium Deutschlands handelt, wusste ich zu meiner Schande bisher nicht, obwohl ich jahrelang in Frankfurt gelebt habe. Allerdings war es zu dieser Zeit auch nicht als Schule in Betrieb. Schon 1804 gegründet, von den Nazis 1942 geschlossen, diente es bis 2004 als Sitz der Jüdischen Gemeinde und städtisches Bürgerhaus. Eine Weile gab es in den Räumen sogar ein Kino: „Die Kurbel„. Erst seit 2006 ist hier wieder eine Schule.

Am nächsten Morgen führt mein Weg noch einmal hier lang. Vor der Tür sehe ich gleich drei Sicherheitsleute, direkt daneben steht ein Polizeiwagen, neben dem eine Beamtin mit schusssicherer Weste und allen Ernstes einer Maschinenpistole in der Hand. Was ist das für eine Alltagserfahrung für die Kinder, die diese Schule besuchen? Was für ein Lebensgefühl haben jüdische Kinder, die sich als permanent gefährdet und schutzbedürftig empfinden müssen?

Deutsche Wirklichkeit, 82 Jahre, nachdem Kracauer aus Frankfurt vertrieben wurde.

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In der SZ schreibt Evelyn Roll heute einen Text über „Das große Fremdeln“ und über die Deutschen der Gegenwart, die sich eben zwar gern als multikulturell interessiert, maximal tolerant und minimal voreingenommen ansehen, sich aber in Wahrheit mit Menschen aus anderen Ländern, Kulturen und von anderem Aussehen schwerer tun, als die meisten anderen.

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„Warum sind wir so? So hölzern, tumb und unsouverän, wenn unser Gegenüber einen türkischen oder polnischen Namen trägt oder ein Kopftuch, wenn er dunkle Haut hat, asiatisch oder sonst wie anders aussieht. Oder anders klingt: Eine Freundin, promovierte Ärztin und Betriebswirtin, wird am Telefon ihrer eigenen Firma gelegentlich für die Putzfrau gehalten, nur weil sie ihren ungarischen Akzent nie hergegeben hat. Warum denken wir, wer mit Akzent spricht, muss auch einen Job mit Akzent haben? Und woher kommt diese Lufthol- und Mutmachsekunde, bevor wir das Wort Jude aussprechen können? Um andererseits jüdischen Deutschen die seltsame Frage zu stellen, was ihre Regierung da für einen Scheiß anstellt in Gaza.“ Und weiter: „Nur weil man einen deutschen Pass hat, wird man bei uns noch lange nicht Deutscher, nicht einmal Bürger, man wird ‚Mitbürger‘, ‚ausländischer Mitbürger‘. Wer erfindet uns diese Krampfwörter – ausländischer Mitbürger, Migrationshintergrund, Multi-Kulti, Willkommenskultur –, von denen wir uns, wenn wir sie überhaupt aussprechen, immer gleich beflissen distanzieren und mit Zeige- und Mittelfinger beider Hände diese Anführungszeichen in die Luft setzen müssen, die noch verachtenswürdiger sind als jedes ’sag ich mal so‘. Und wer ist das in diesem Text überhaupt: wir? Die Mehrheitsgesellschaft der Bio-Deutschen, die ihre polnischen und hugenottischen Urahnen vergessen hat? Liberale, weltoffene Menschen, die einerseits Lichterketten organisieren, Flüchtlingen Kleider bringen, Neonazis und Pegidas verabscheuen, aber abends und am Wochenende dann doch lieber unter sich bleiben mit ihrem als Toleranz getarnten ängstlichen Desinteresse? Und wenn das wir sind, warum sind wir so?“

Eine richtige Antwort auf die Frage findet Roll zwar auch nicht, oder will sie nicht finden, weil sie lieber auf der Ebene konkreter Beschreibung hängenbleibt. Phänomenologisch, wie Kracauer, aber auch ein bisschen zu nett, um bittere Urteile sich drückend. Aber sie stellt Fragen, die uns helfen, selber auf Antworten zu kommen. Ebenfalls wie Kracauer. Dazu noch ein Geschichtsbuch zu lesen, kann auch nicht schaden.

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Vor einer Buchhandlung stehen ein paar Kisten mit Ramschware. Was von Glück und Lebenskunst handelt, steckt in „Philosophie“, egal, wie seicht es auch sein mag. Wenn es um den Tod geht, liegt es unter „Esoterik“, zusammen mit Mathias Bröckers Buch über 9/11.

Bei „Geschichte“ immer wieder der alte Fritz, aber ohne Gebühr. Was hätte Kracauer wohl über die Zusammensetzung dieser Bücherkiste geschrieben?

Q&A

In dieser Sektion beantwortet Rüdiger Suchsland Fragen zu seinem Film und zur Kinotour. Stellt Eure Fragen auf Facebook oder hier in den Kommentaren, und in den nächsten Blogs wird er Euch die Antwort geben.

Ciprian fragt:

Als freischaffender Journalist ist man ständig bemüht, Aufträge zu bekommen und zu erfüllen, damit am Ende des Monats die Rechnungen abbezahlt sind. Du arbeitest ja auch auf mindestens zwei Festivals und lehrst gelegentlich. Viel Zeit bleibt einem dabei nicht übrig. Doch hast Du VON CALIGARI ZU HITLER gemacht. Was war in dieser Zeit anders?

Rüdiger Suchsland antwortet:

Eigentlich weniger, als man denkt. Ich habe weiter als Journalist gearbeitet, zwar weniger, aber ich habe nur reduziert, nichts komplett aufgehört. Das kann ich mir auch gar nicht leisten. Ich habe auch die meisten Festivals besucht. Das einzige, was mir leid tat und was ich auch im Nachhinein echt blöd fand, ist, dass ich nicht nach San Sebastian fahren konnte. Dabei ist das das allerschönste Festival von allen.

Finanziell ist das Filmemachen ein Hobby. Zeitlich ist es ein paar Monate lang die Hauptsache gewesen. Das ging dann vor allem auf Kosten der Freizeit, der Stress war größer und ich habe während der Produktionszeit ein paar Kilo zugenommen, wohl vor allem, weil ich dann mehr Take-away- und Junkfood gegessen habe.

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