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Begibt man sich auf Spurensuche nach dem Ursprung des Wortes Traum, so führt diese zurück ins Mittelalter. Das mittelhochdeutsche troum fand sich in einer Wortgruppe mit trügen oder auch irreführen und war so mit dem Betrug stark verwandt. Und auch in Christopher Nolans Inception sind Träume stark mit Betrug und Täuschung verbunden.

Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) ist der begabteste Gedankendieb der Welt. Er bricht in die Träume anderer ein, täuscht ihr Bewusstsein und stiehlt so geheime Informationen direkt aus ihrem Geist. Doch er wird überall auf der Welt gesucht, der Weg zu seiner Familie ist versperrt. Ein letzter Auftrag für den mächtigen Industrimagnaten Saito (Ken Watanabe) könnte die Rettung für ihn sein. Aber dieses Mal soll er nicht Gedanken stehlen, sondern jemandem einen Gedanken einpflanzen. Dieses Verfahren, Inception genannt, gestaltet sich als zunehmend schwierig, denn auf Cobb warten auch Gefahren aus seinem eigenen Unterbewusstsein.

Inception bedient sich nicht nur inhaltlich, sondern auch visuell und dramturgisch reichlich bei filmischen Vorbildern. Der Plot wirkt wie ein bunter Mix aus Ocean’s Eleven, Matrix und eXistenZ. Diese Entlehnungen bilden aber nur das Grundgerüst und vielleicht auch das Sicherheitsnetz, denn Nolan verflicht diese so kunstvoll und originell, dass es nie aufgesetzt wirkt. Bei Inception fällt vor allen Dingen seine dramaturgische Rafinesse ins Auge, die er zuletzt bei Memento und The Prestige zwar angedeutet hat, aber erst hier erreicht er auf diesem Gebiet eine Beinahe-Perfektion. Nolan verwandelt den menschlichen Geist in einen begehbaren Ort, jede Emotion, jedes Geheimnis kann im Traum räumlich repräsentiert sein. Gerade diese Verräumlichung innerer Vorgänge macht den Film hochinteressant. So liegen Geheimnisse in Safes oder anderen sicheren Orten, die tiefste Erinnerung liegt im Keller. Räume können also förmlich gelesen und dechiffriert werden, was das Setdesign natürlicherweise hochinteressant gestaltet.

Für die Planung und Vorberteitung der Inception im Gehirn des Industrieerben Robert Fischer (Cillian Murphy) nimmt sich Nolan viel Zeit. In aller Ruhe wird in bester Heist-Tradition die Crew zusammengestellt und der Plan entworfen. Neben dem Extraktor (DiCaprio) besteht das Team aus dem Fälscher Eames (Tom Hardy), dem Chemiker Yusuf (Dileep Rao), Cobbs rechter Hand Arthur (Joseph Gordon-Levitt) und der Architektin Ariadne (Ellen Page). Es macht wirklich Spaß zu sehen, wie Nolan diese Berufe einführt und den Zuschauer in die Welt der Ideendiebe zieht. Ariadne, deren Name natürlich für sich spricht, fällt eine besondere Aufgabe zu, denn sie, die einzige Neue, wird lang in das umfassende Regelwerk des Ideendiebstahls eingeführt und mit ihr auch der Zuschauer. Und das ist auch bitter nötig, denn das Regelwerk ist lang und kompliziert. Hat sich Nolan in The Dark Knight gegen Ende des Films in unzähligen plot twists verheddert, geht er dieser Gefahr in Inception gekonnt aus dem Weg. Bis zum Abspann hält die Spannung an – vielleicht auch sogar darüber hinaus. Obwohl der Film als Scifi-Actionthriller beworben wird, finden sich auch viele Elemente eines Psychothrillers in ihm. Trotz der überwiegenden Action schafft es Nolan die emotionalen Konflikte so einzuflechten, dass ein rundes Ganzes entsteht und der Spannungsbogen nicht abreißt. Ohne sich an den bereits jetzt herrschenden Diskussionen in englischsprachigen Foren beteiligen zu wollen, lässt sich doch sagen, dass Sigmund Freud, der Urvater der Traumdeutung, mit Inception wohl seinen Spaß gehabt hätte. Cobbs unbewältigte Probleme liegen tief in seinem Unterbewusstsein und können so auf die besuchten Träume übergreifen und diese infizieren. Ganz nach Freuds Auffassung übermitteln an diesen Stellen Träume Botschaften aus dem tiefsten Kern des Unterbewusstseins.

Inception erzählt aber auch eine Geschichte über die Grenzen der Kreativität. In den von den Architekten geschaffenen Welten, die ähnlich den virtuellen Räumen eines Computerspiels sind, kann die Kreativität frei walten, es gibt keine Beschränkungen -alles was denkbar ist, ist auch möglich. Theoretisch könnten hier die CGI-Abteilungen ansetzen um den Zuschauer mit purer Bildkraft, die sich oft als simple Effekthascherei erweist, außer Kraft zu setzen. Doch Nolan ging schon in The Dark Knight äußerst sparsam mit den Bildern aus dem Computer um und so tut er es auch in Inception. Effekte kommen, wenn sie denn eingesetzt werden, nur als Unterstützung daher und stehen nie für sich alleine.

Aber was wäre so ein großartiger Film ohne Macken. Von denen hat er allerdings so wenig, dass sie den Gesamteindruck nicht trüben können. Da wäre zum einem die fehlende Motivation für die einzelnen Ebenen des Traums. Warum muss ausgerechnet ein Traum in einer weißen Schneelandschaft spielen? Diese Frage wird auch von Eames im Film gestellt, beantwortet wird sie aber nicht. Gerade an dieser Stelle gerät der Film ins Trudeln. Durch den Schnee sind keine Gesichter mehr erkennbar, Handlungen können nur schwer zugeordnet werden und alles droht in einer breiig-weißen Schießerei unterzugehen. Der Film gerät ins Trudeln, fällt aber nicht hin, denn die Sequenz ist nach wenigen Minuten vorüber. Die andere Macke liegt nicht im Film begründet, ist aber dennoch vorhanden. So ist der letzte Film mit Leonardo DiCaprio Shutter Island gewesen. So wie Dom Cobb seine Probleme in die Träume mitschleppt, so schleppt DiCaprio Teddy Daniels mit in Inception, was dem Film nicht unbedingt gut tut. Allerdings kann man sich an den vielen anderen großartigen Jungschauspielern erfreuen, die für den Film eine echte Bereicherung sind. Ellen Page,
die mit Juno zum Star der Indieszene avanciert ist, gibt in Inception eine grandiose Figur ab. Auch Joseph Gordon-Levitt, der zuletzt in dem mäßigen Streifen (500) Days of Summer zu sehen war, liefert eine gute schauspielerische Leistung. Hans Zimmer hat für Inception einen grandios-wuchtigen Soundtrack geschrieben, der in vielen Szenen wie das Tüpfelchen auf dem i wirkt.

Alles in allem ist Inception ein fantastischer Film – und das im doppelten Wortsinn. Der ungeheuren Fantasie Nolans und seinen 170 Millionen Dollar Budget scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Nie langweilig, nie zu philosophisch, nie zu actiongeladen. Inception ist der bisher beste Blockbuster und einer der besten Filme des Jahres und die Chancen stehen gut, dass er es bleibt.

Hier geht es zu unserer zweiten, weniger wohlwollenden Kritik von Sven Safarow.
Außerdem findet ihr hier eine Diskussion der verschiedenen Interpretationen von Inception sowie eine Videosammlung zum Thema Traum im Film.

Inception
R: Christopher Nolan
D: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy
USA 2010, 148 Min.
Verleih: Warner Bros.