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Club Sandwich (R: Fernando Eimbcke)
© Funny Ballons

As simple as it is: Das Hamburger Filmfest benötigt keine komplizierten Erklärungen, aber lädt zum Nachdenken ein. Es ist ein dezidiertes Publikumsfestival und liefert jedes Jahr ein kleines Panorama des nationalen und internationalen narrativen Films. Nicht mehr und nicht weniger, ohne eine überzogene Premierenpolitik. Neben dem Weltkino in unterschiedlichen kulturellen Arrangements wählt Hamburg einzelne Themen und Produktionsformate als Zugänge. Dokumentarfilme sind sektionsübergreifend eingestreut. 2014 gab es erstmals ein Serienspecial – das machen jetzt viele Festivals. Im Sinne der finanziellen Unterstützung des Festivals durch Sky und die offene Präsentation dieser Zusammenarbeit vielleicht ein angreifbarer Schritt. Zumindest ein Schritt, der das Festivalprogramm eher im Unpolitischen verortet.

Solche Fragen sollte man diskutieren und die Leute tun es auch. Denn strukturell bleibt Hamburg überschaubar. Die Wege sind nicht allzu weit und man kommt einfach ins Gespräch. Im recht ausufernden Programm zeichnen sich nach kurzer Betrachtung außerdem klare Strukturen ab. Wer hier Programm macht, ist sehr sichtbar und offen für Fragen. Man versteckt sich nicht und ist sich bewusst darüber, was man entscheidet und bietet. Nach einigen Gesprächen wird der einzelne Film somit als Teil eines offenen kuratorischen Konzepts erkennbar. Es treffen hier vergleichsweise wenige Ausdrucksformen des Kinos in sehr vielen unterschiedlichen Filmen aufeinander. Daher geht es vor allem um Ideen und das große Ganze des Festivals. Der geneigte Besucher ist frei zu wandern und der Intuition zu folgen. Hamburg ist ein Ort, an dem man üben kann, Spuren nachzugehen: den Spuren von Filmen, den eigenen Spuren. Man könnte sagen, Hamburg hat etwas von einem entspannten Spielplatz, es ist für sein Publikum ein intuitives Festival.

Intuition, das ist ein Teil unserer intellektuellen Sensibilität. Ein Aspekt unseres Denkens und Fühlens, der uns dabei hilft, aus einem Bauchgefühl heraus Entscheidungen zu treffen. Intuition formuliert sich als Verhaltensperspektive, als Veranlagung innerhalb unseres Habitus. Folgen wir unserer Intuition konsequent, besitzt sie gleichermaßen die Kraft, unerwartete Reaktionen und antirationale Verhaltenspotenziale freizulegen.

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August Winds
(R: Gabriel Mascaro)
© beto figueirora

Wir nähern uns und entfernen uns intuitiv von Menschen. Intuition basiert auf unseren ethischen Vorstellungen, auf Moral, auf Erfahrungen und unserer unmittelbaren Wahrnehmungsweise der Welt. Unsere Intuition passt sich an und verändert sich. Durch zentrale Erinnerungen, durch Traumata, durch unsere Aufmerksamkeit und die Ziele, die wir uns in den Kopf setzen, wird unser intuitives Denken bewusst und unbewusst geprägt und verändert. Wir könnten sagen, Intuition ist ein zentraler Teil unserer sozialen Intelligenz, ein reagierender Schnittpunkt zwischen unserem Verstand und den Signalen unserer Umgebung. Unsere Intuition verbalisieren wir nicht, wir setzen sie als kognitive Initiative unmittelbar um. Es gibt auch eine kollektive Intuition, etwa wenn wir als Gruppe mit Gefahr konfrontiert werden. Unsere Intuition, unsere Sensibilität ist gleichermaßen radikal subjektiv und basierend auf Empathie und gemeinsamen Vorstellungen.

Als Gruppe sind wir auch im Kino vorhanden, reagieren auf das Dispositiv des Films ebenso individuell wie gemeinsam. Wir sprechen nicht (zumindest bis auf wenige Ausnahmen), sondern wir spüren hier, wie sich im Raum ein denkendes und emotionales Klima entwickelt. Ein Festival ist dann ein intuitiver Ort, wenn sich eine solche Dynamik auch außerhalb des Kinosaals entwickeln und fortsetzen kann. Also eine Dynamik, die vom Publikum und vom Kunstwerk ausgeht. Statt einer Dynamik, die vom Programm diktiert wird. Das kann beispielsweise ganz praktisch begünstigt werden, indem man durch ein unkompliziertes Ticketing-Konzept die Gelegenheit hat, sich spontan für etwas zu entscheiden. Das kann auch begünstigt werden, indem man ohne komplizierte Prozesse mit Menschen in Dialog treten kann. Interviews nach einem unerwarteten Film zu buchen, ist nicht überall möglich. Intuition ist letztlich auch eine Raumfrage: Trifft man sich oft genug, um gemeinsam Ideen zu diskutieren oder ist man nur mit Beeilen beschäftigt? Hamburg bietet einen guten Kompromiss aus Abwechslung und einer wiedererkennbaren Festivalmitte, aus programmatischer Breite und konzeptioneller Simplizität. Der Treffpunkt für Fachbesucher und Filmemacher ist für alle gleichermaßen zugänglich. Bekannte, die man hier trifft, findet man direkt und ohne zu suchen. Die Stadt ist groß genug, aber nicht sehr hektisch. Man kann hier in der Tat der Nase nachgehen.

Die Erfahrung Kunst ist stets unmittelbar verbunden mit intuitiver Erfahrung. Und – in Filmkreisen scheint das ab und an in Vergessenheit zu geraten – das Kino ist eine Kunstform unter vielen. Performative Körperkunst, beispielsweise das Theater, kann unsere intuitiven Reaktionen situativ ansprechen, sie in Frage stellen, sie irritieren, auf sie reagieren. Performative Kunstformen haben das Potenzial, unsere soziale Realität zu infiltrieren, unsere individuellen und kollektiven Verhaltensstandards in der körperlichen Konfrontation zu entlarven. Der Film wiederum entwirft außerhalb einer regulären sozialen Konfiguration Gedankenräume, die im Verlauf von Festivals zu gemeinsamen Denk- und Handlungsinitiativen herausfordern. Das Kino lebt durch das Bild und sein Arrangement in der Zeit, es entwirft Wahrnehmungsmuster. Es entfaltet die Sprache unserer Gedanken und Erinnerungen über definierende Sinnesorgane. Das Kino kann uns und unsere Wertevorstellungen in verdichteten Momenten tief berühren und prägen. Wenn wir es zulassen, bereichert es uns und unsere Intuition. Und wenn wir diese Bereicherung aus dem Saal hinaus in die Lebenspraxis übersetzen, lassen sich seine Gesten in die Gesellschaft tragen.

In beiden Fällen sind es nicht nur Ausdrucksformen und deren Grammatik, die wir bedenken sollten; sondern es ist auch deren räumliche Verortung: ihr Verhältnis zum Alltagsraum, ihr Eindringen und ihre Distanz, ihr Verhältnis zu unserer „comfort zone“. Die Kunst besitzt das Potenzial, uns durch einen ästhetischen Prozess und eine soziale Anordnung die Verfasstheit unserer Intuition vor Augen zu führen. Sie zeigt uns, wie wir in den Räumen und Situationen unserer Gesellschaft aktiv und passiv sind und fordert uns heraus, nicht in einer fremdbestimmten Rolle zu verharren. Letztlich lernen wir durch die Kunst, dass wir einen ästhetischen Prozess, eine soziale Anordnung auch selbst definieren können. Sie lädt uns ein, unsere Sensibilität zu schärfen, unsere Gegenwärtigkeit in der Welt zu befragen, Subjekt zu sein statt Objekt. Sie verleiht uns die Souveränität, die Mechanik unserer Intuition zu betrachten, deren Tiefe und Feinheit zu ergründen – letztlich die Ursprünge und Implikationen unserer Handlungsschritte besser zu begreifen. Einen künstlerischen Ausdruck zu verstehen und zu interpretieren, erlaubt uns, Handeln in uns und in Anderen nicht lediglich sinnhaft, sondern empathisch, kreativ, intuitiv zu begreifen. Wir könnten davon sprechen, dass uns die Erfahrung der Kunst dazu herausfordert, Intuition als allegorische Dimension unseres Handelns und Entscheidens zu setzen. Indem sie uns ergründen lässt, was unser Wirken lenkt und manipuliert, befreit sie uns, ermächtigt sie uns. Es geht dann darum, den Menschen in seiner sozialen Präsenz als philosophischen Ausgangspunkt für unser Handeln einzufordern. Bei einem Festival hieße das, erst gar nicht das Programmheft zu lesen.

Alleluia

Alleluia (R: Fabrice Du Welz)
© Radar Films

Wenn wir Intuition als allegorisch betrachten, wird das Unbewusste, das Spontane, das Chaotische sinnhaft und als Sinnhaftigkeit auch zu einem Potenzial, zu einem individuellen und kollektiven schöpferischen Potenzial. Intuitiv zu entscheiden und zu handeln bedeutet, unserer Sensibilität zu vertrauen, uns selbst zu vertrauen. Innerhalb der urbanen Systeme, die unsere Realität vereinnahmen, sind wir Teil eines ausgesprochen reaktiven Zusammenhangs. Dies gilt auch für das mediale System. Dessen Dominanz abzulehnen und dagegen Intuition als potenziellen Leitgedanken zu formulieren heißt, Ideen wie Individualität, Nuance, Diversität und Vertrauen als Leitgedanken auszuloten, entgegen Räumen, die uns Vorsicht, Misstrauen, Wettbewerb und Egoismus indoktrinieren. Wahrheit können wir nicht mehr fassen, dafür wissen wir zu viel. Sicherheit hingegen erscheint als urbane Alternative, die vor allem definiert wird als soziale Sicherheit: als Wohlstand und Fähigkeit zur Planung – auf Kosten unserer Fähigkeit zu persönlicher Entwicklung und Entfaltung.

Dem entgegen kann eine kollektive Intuition stehen, die Humanismus und Moral und Vielfalt einfordert, weil wir humanistische, moralische und vielfältige Wesen sind. Es geht darum, unsere Handlungs- und Urteilsfähigkeit nicht nach Katalogen und Jahresplänen auszurichten, sondern sie empathisch und im gesellschaftlichen Eingreifen zu schärfen. Letztlich geht es um ein gegenseitiges Vertrauen, das wir voreinander kultivieren müssen. Ein intuitives Lebenskonzept fordert ein, sich über ästhetische und intellektuelle Stereotype hinweg zum eigenen Humanismus bekennen zu dürfen. Als Voraussetzung hierfür benötigen wir eine scharfsinnige und kritische Kultur, die Plattformen bietet, um diese Stereotype zu benennen, zu attackieren, zu demontieren. Ein Festival bietet einen sozial-künstlerischen Raum, der gleichermaßen urban strukturiert ist – also einen Raum, der urbane Logik mit einem humanistischen, individualistischen Gestus zu füllen vermag.

Hamburg präsentiert sich nicht agitativ, ebensowenig wie zahlreiche andere Festivals. Aber Hamburg ist ein smarter Ort für Begegnungen und entspanntes Nachdenken. Es ist ein Ort, der Geschichten, Kulturen und Ideen in einen unhierarchischen Dialog treten lässt mit einem Publikum, dem agitative Projekte im Stadtbild durchaus vertraut sind. Agitative Positionen werden hier gerne eingebunden, sind jedoch keineswegs Schwerpunkt. Ein Podium in zurückhaltender Zusammenarbeit mit dem Verband der deutschen Filmkritik fragte: Was macht Kino zum Kino? Das ist eine große Frage. Es ging um die Rolle der Kritik und die Frage, wie man den ambitionierten Film und das ambitionierte Schreiben angemessen umsetzen und verteidigen kann. Das Gespräch war als eine der aktuellen Anknüpfungsinitiativen an das Flugblatt für aktivistische Filmkritik wichtig, zerfaserte allerdings merklich. Dafür kann das Festival natürlich nichts. Gespräche, die eine Bestandsaufnahme leisten wollen, sind immer schwierig zu führen. Und wir befinden uns inmitten eines solchen Gesprächs. Ebenso schwierig ist es, eine Handlungsperspektive für die Situation der gegenwärtigen Filmkultur zu formulieren. Das geht am besten lokal, wenn man sehr spezifisch wird. Gleichermaßen ist das lokale natürlich aber auch Teil des Globalen. Das Kino ideell und kritisch zu entwickeln, es zu verteidigen und dabei eine globale Perspektive der Filmkunst zu wahren, ist die Herausforderung der Zeit. Jede Diskussion muss mit einem feingliedrigen Blick geführt werden und darin droht sie sich zu verlieren. Man redet schnell aneinander vorbei.

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Party Girl (R: Marie Amachoukeli, Samuel Theis, Claire Burger)
© Pyramide Films

Letztlich ist die Frage diejenige nach den Teilen eines Systems. Während ein Film in seinem spezifischen Hintergrund zu verstehen ist, erscheint er im Festivalbild von Hamburg dennoch im Lokalkolorit. In einem bestimmten Kino, in einer bestimmten Kultur erscheint er hingegen völlig anders. Und wenn ein einzelner Kurator in einem solchen Festival eine Position vertritt, muss sich dessen Position eben auch zum Festival positionieren können. Wie sich die Sinnhaftigkeit eines Textes in Worten verbindet, ist die Logik eines Festivals eine, die sich anhand von individuellen Positionen und Filmen entspinnt. Blicken wir aus Hamburg hinaus. Wir sehen, dass es Filme nicht überall in unserer Kultur gibt. Aber uns Menschen und unsere individuellen Positionen. Der Mensch ist die definierende Sinneinheit seiner Zivilisation. Wenn er eine Position hat. Im Idealfall wählen wir also eine Position. Und wir sollten sie klug wählen. Was wir tun, sollte für uns selbst ebenso autonom sprechen, wie es uns in einem übergreifenden Sinnzusammenhang positioniert. Wir sind Teil eines Satzes, eines Absatzes, einer Abhandlung – wenn wir unsere Positionen miteinander in eine sinnvolle Konstellation bringen. In Hamburg sind die einzelnen Positionen nicht sehr laut. Aber ein Sinn entfaltet sich, weil die Zuschauer durch freie Inspiration miteinander Positionen kennenlernen. Und daraus können wir viel für kulturelle Verhandlungen lernen.

Es sind intuitive Entscheidungen, die außerhalb einer Agenda etwas Wahres, Universelles, Menschliches freilegen und als Konsequenz unerwartete Entwicklungen, unerwartete Allianzen, unerwartete Mittel nicht scheuen. Intuitiv zu entscheiden kann auch heißen, das Unberechenbare in einem System zu verteidigen. Statt uns in Fakten und Disziplinen zu verlieren, pragmatisch zu sein, sollten wir uns regelmäßig daran erinnern, das Verbindende, das Interdisziplinäre, die gemeinsame Initiative anzuregen. Was aufrichtig ist, authentisch und selbstbewusst, das kommuniziert sich, im Kleinen wie im Großen, im Sozialen, im Politischen, wie auch in der Kunst. Jedoch kann es sich nur als Lebenspraxis fortführen, wenn wir den Mut haben, einander zu vertrauen und uns zu unterstützen. Die Kunst ist in der Gesellschaft vor allem deshalb wichtig, weil sie in ihrer Selbstoffenbarung die menschliche Fähigkeit zur Intuition als Stärke begreift. Kulturindustriell denkend bezeichnen und historisieren wir das dann als Talent und betrachten die Sache für uns als erledigt. Das heißt, dass wir uns bei der systematischen Betrachtung von Kunst die eigene Fähigkeit zum Ausdruck und zur Überführung des Künstlerischen in unser Sein und Wirken aberkennen. Das gleiche strukturelle Problem hat die „Kritik“.