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Invasion der Hundemörder

von | Sep 9, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Türkische Blockaden: Ein toller Wettbewerbsbeitrag und anderes aus der Türkei

„This country is getting really strange. Everyone sitting in their wholes, doing weird things.“
Aus: ABLUKA

Der Score von Cevdet Erek ist schon mal großartig. Sofort kommt einem der B-Horror der 70er Jahre in den Sinn, jene Zeit, in der im Kino noch alles möglich war. Auch sonst ist dies ein toller Film, toll im doppelten bis dreifachen Sinn des Wortes: ABLUKA, auf Englisch FRENZY, auf Italienisch FOLLIA, also „Wahnsinn“, „Verrücktheit“, mit einem Hauch von Panik, heißt der zweite Film des jungen türkischen Regisseurs Emin Alper (sein Debüt BEYOND THE HILL gewann 2012 den Caligari-Preis auf der Berlinale), der jetzt im Wettbewerb um den Goldenen Löwen Premiere hatte. Ein großartiger Film, aber auch ein krasser, wahnwitziger Film – und eben auch tollwütig: Gefährlich und ansteckend.

ABLUKA bot eine besondere Erfahrung: Verstörend, unklar, irritierend über sein Ende hinaus, dabei offenkundig von hoher Qualität.
Das Publikum bei der Pressevorführung blieb im Saal, applaudierte keinesfalls frenetisch, aber ohne Buhs, respektvoll und deutlich, immer noch unter dem Bann dessen, was es da gesehen hatte.

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Zu Beginn bebt die Erde – ein alltägliches Phänomen in Istanbul, aber in diesem Fall auch eine Metapher für erschütterte Menschen, und eine ganze Gesellschaft auf unsicherem Grund. ABLUKA ist ein beklemmender Paranoiathriller mit Science-Fiction-Elementen, die allerdings auf ungewohnte Weise präsentiert werden. Zugleich ein erschreckend aktuelles Werk. Denn das hier gezeichnete Bild eines Polizeistaates, in dem fortwährend Gefangene an mysteriöse Orte verschleppt werden, in dem ein Geheimdienst regiert, und jeder jeden bespitzelt, die Nachbarn denunziert und in der alle Menschen zunehmend an ihre eigenen Lügen glauben, kann zur Zeit gar nicht anders verstanden werden, denn als Analogie auf die derzeitigen Verhältnisse in der Türkei, die sich gerade mit Siebenmeilenstiefeln von demokratischen Gepflogenheiten entfernt. Alper kreiert eine seltsame, bizarre Welt aus Misstrauen, Hilflosigkeit und Angst, in der die Gewalt allgegenwärtig ist: Wilde Hunde streunen hier in größeren Scharen umher, und eine der Hauptfiguren ist ein Hundefänger, der täglich viele der Tiere erschießt. Autos brennen, Bomben explodieren, es gibt Polizeiblockaden und wilde Razzien.
Unsrer Gegenwart zum Verwechseln ähnlich sehend, könnte dies doch auch ein Horror- oder Zombiefilm sein. Oder ein Western. Denn die Hauptfigur, die nach 20 Jahren aus dem Gefängnis in seine Heimatstadt zu seinem einen Bruder zurückkehrt, ist ein einsamer Schweiger, ein „No Nonsense Guy“, mit dem wie mit anderen Western-Charakeren nicht zu spaßen ist, bei dem es sich aber auch um eine verlorene Seele handelt. Zugleich bleibt der Regisseur ein unzuverlässiger Erzähler: Alles ist möglich, auch dass es sich hier doch „nur“ um einen Alptraum handeln könnte – den der Hauptfigur, oder den des Filmemachers.
Dieser hervorragende Film dürfte durchaus Chancen auf einen der Hauptpreise von Venedig haben.

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Auch dieser Film macht seinem Publikum klar: Gewalt ist überall. Wer von ihr erzählen will, muss von der Gesellschaft erzählen, in der sie sich ereignet.
So passt dieser Film zu gegenwärtigen Lage in der Türkei, in der es derzeit jeden Tag Dutzende von Toten gibt, und über die man sich nur Sorgen machen kann: Während innenpolitisch jeden Tag weitere demokratische Spielregeln außer Kraft gesetzt werden, und der geschwächte Präsident hofft, durch zynische Kriegsspiele die Wähler wieder hinter sich zu versammeln, zeigt die PKK, dass sie auch noch da ist. Man sieht den neueren türkischen Filmen, Alpers zumal, die Herkunft aus angespanntem Terrain durchaus an.

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innocence of memories

Gerade dieses Wissen und dieser Hintergrund lassen INNOCENCE OF MEMOIRES so eskapistisch wirken. Dies ist kein unangenehmer Film, er ist sogar oft schön. Aber in seiner so weltflüchtigen wie touristischen Grundhaltung passt er einfach nicht in die derzeitige Landschaft, und da nicht nur in der Türkei alles politisch ist, hat dieser Film den Beigeschmack von Ausweichen. Er stammt allerdings auch nicht von einem türkischen Regisseur.


Gegenstand von Grant Gees Film ist das Buch "Das Museum der Unschuld", das der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk 2008 schrieb. Der Roman, eigentlich eine Liebesgeschichte, inspirierte den Bau eines echten Museums nach dem im Roman erdachten. Jetzt hat sich davon der Brite Gee inspirieren lassen: INNOCENCE OF MEMOIRES, "Unschuld der Erinnerungen" heißt sein Dokumentaressay, der ein Portrait der Stadt Istanbul ebenso ist, wie des Museums und ein wenig auch des Schriftstellers Pamuk. Der Nobelpreisträger hat nicht nur mitgearbeitet, er stellte den Film persönlich in Venedig vor.

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Ein Roman über das Glück, und über die Natur der Liebe. Nicht nur ich, auch der Kollege Kothenschulte hat sofort an Wong Kar-wai gedacht. Denn es geht um den Kosmos des Fetischismus, der Verschmelzung von Menschen und Gefühlen mit Objekten, und um die Magie der Dinge. Ohne Dinge sei keine Erinnerung möglich, sagt Pamuk, der für viele kluge Sätze gut ist, wenn man mit ihm, wie ich gestern vormittag, eine halbe Stunde am Tisch sitzen und plaudern darf.


"Beauty and memory are similar" ist so einer dieser Sätze, die mir besonders gefallen, Längst ist Pamuk auch so etwas wie der inoffizielle Stadthistoriker von Istanbul geworden, und damit der Historiker eines Gegenentwurfs zur offiziellen Türkei. Seinen Büchern, besonders dem "Museum der Unschuld" und seiner Biographie "Istanbul" gelingt mit Worten, das, was der über 80-jährige Photograph Ara Güler mit seinen über 2 Millionen Bildern gemacht hat: Ein Mosaik aus Eindrücken und Fragmenten zu einer kollektiven Erinnerung zu formen, die ebenso real ist, wie natürlich erfunden.

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Es geht in alldem auch um Hüsun, jene spezielle türkische Melancholie, von der einem in Istanbul irgendwann jeder erzählt, und von der zumindest die Türken glauben, dass sie einzigartig und dem Fremden letztlich unvermittelbar sei. Sie meint die Warnung vor zuviel Glück, und die Resignation vor aller Vollendung.

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Das alles macht den Film nicht besser. Denn dem Genie Pamuks fügt Gee kaum etwas hinzu. Auch nichts Schlechtes. Er bebildert, filmt ab, und das ist manchmal gut, und manchmal oberflächlich, leider oft etwas banal in seiner Haltung des Nacherzählens. Dass dieser Film gut konsumierbar ist, enthält alles: Sein Potential und seine Grenzen.

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Frauenfeindlich muss man Film wie Buch nicht finden. Kann man natürlich, und manchen ging es so. Aber dann kann man Ähnliches selbst Hitchcock, Antonioni und Wong Kar-wai vorwerfen. Natürlich ist ihr Frauenbild das der Frau als eines fetischistisch aufgeladenen Objektes. Aber wo liegt hier das Problem? Die Antwort hierauf müsste nicht heißen, Männern zu verbieten so auf Frauen zu blicken, sondern Frauen ihren Blick auf Männer zu ermöglichen. Dann wäre es wohl auch leichter zu beantworten, ob Pamuks Konstellation des liebesschmachtenden Kemal und der angebeteten Füsun nicht eigentlich ein Wunschtraum vieler Frauen ist: Dass ein Mann so leidet, dass ein Mann so liebt?

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Pamuk kämpft gegen die Zerstörung des Gedächtnisses und der historischen Stadtelemente als eines Index persönlicher Erinnerungen. "Whatever I have done, this city made me."

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Der Stadt skeptisch bis feindselig gegenüber steht offenbar Sezen Tüzen, die Regisseurin von MOTHERLAND, ihrem Debüt, das in der "Settemana" läuft.
Der Film erzählt von einer jungen Frau, die sich ins Dorf und Haus ihrer jüngst verstorbenen Großmutter zurückzieht, mit modernen Turnschuhen, iPhone und Computer, um ein Buchprojekt anzuschließen. Aber auf dem Land gegen die Uhren anders, und als sich auch noch ihre Mutter einlädt, um sich recht dominant um die Tochter "zu kümmern", legt sich ein magischer Bann über das Haus. Die Tochter leidet unter Schreibblockaden, und wirkt auch sonst so blockiert wie ihr Auto, das in der Werkstatt des Dorfes repariert wird.


Dem schaut man eine ganze Weile zu. Man sieht, dass die Mutter an Geister glaubt, sich im Dorf wohlfühlt, und mit Vergnügen täglich Verwandtenbesuche erhält. Man hört das Geschwätz der Alten, das bei uns auch nicht anders ist, als ihre Binsenweisheiten, dass das Leben eben seine Regeln hat, und als eben diese Regeln die immer mit "A Mother should always..." anfangen und mit "A Daughter should better..." weitergehen.
Und man fragt sich, warum hier die Tochter die Mutter nicht endlich rauswirft, oder selber geht? Dass sie so keine Zeile schreiben wird, das aber muss, ist klar.

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MOTHERLAND ist gelungen, aber unausgegoren, manchmal schlecht erklärt, und voller kleiner Fehler, mit Längen und enervierenden Momenten. Die Regisseurin spielt Stadt gegen Land aus, und inszeniert die Macht der Mütter. Diese macht der Tochter immer ein schlechtes Gewissen, trieft aber vor Selbstmitleid - es geht nur um sie.


In den letzten Minuten stürzt der Film dann ab: War es noch produktiv provozierend, die Tochter zu sehen, wie sie sich am Computer selbst befriedigt, geht sie später in selbstzerstörerischem Impuls allein in ein Waldstück. Dort hat sie Sex mit dem Dorftrottel, bei dem bis zum Ende nicht ganz klar ist, wer da wen vergewaltigt?
Was soll das jetzt? Eine zusammenhanglose, auch etwas hilflos inszenierte Szene, und damit ein bescheuertes Ende, das den ganzen Film zerstört.