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„Schweizer! Kauft nicht bei Juden!!“

von | 15 Aug 2015 | Locarno 2015 | 2 Kommentare

Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist. Der historische Materialist rückt daher nach Maßgabe des Möglichen von ihr ab. Er betrachtet es als seine Auf­gabe, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.

Walter Benjamin

Kulturkritiker, Philosoph

Ob Walter Benjamin sich wohl gefreut hätte? Ob er seinen Namen in diesen Zusammenhang gestellt hätte? Ob Walter Benjamin diese Resolution wohl unterschrieben hätte?
Jetzt wird sie ihm untergeschoben.

Denn auf der Internetseite der internationalen anti-israelischen Boykottbewegung BDS („Boycott, Desinvestments, Sanctions“) steht eine von rund 200 Filmemachern unterzeichnete Boykott-Petition gegen die Auswahl Israels für die diesjährige „Carte Blanche“-Sektion.
Die BDS fährt auf ihrer Webseite diverse anti-israelische Kampagnen auf, und ruft unter anderem zu ökonomischem, aber auch „kulturell-akademischem Boykott auf.

Am Ende dieses Aufrufs bringt man ein Zitat aus Benjamins ÜBER DEN BEGRIFF DER GESCHICHTE. Natürlich nicht das Zitat, das ich diesem Text vorangestellt habe. Sondern ein Zitat, das unmittelbar auf das von mir erwähnte folgt. Darin ist dann zweimal von Faschismus die Rede, von den Unterdrückten und vom „Ausnahmezustand, in dem wir leben“.

Das passt natürlich gut, zu gut auf das, was den Unterzeichnern die „herrschenden Verhältnisse“ sind. Besonders gut passt, dass man da noch einen Juden gefunden hat, den man dann zitatmäßig ins Feld führen kann gegen den Judenstaat. Geschmacklos ist das Ganze aber nicht wegen solcher durchschaubaren Gesten. Zu denen kann man sagen: Geschenkt. Nicht sehr subtil, nicht wahnsinnig klug, gehört aber zur politischen Taktik, ist sehr geschickt. So ist das halt bei Manifesten, da nimmt man mal ein Zitat, und rupft es ein wenig aus dem Zusammenhang, dreht ein bisschen dran. Das gehört zum Spiel und das halte ich für nicht gerade elegant, aber erlaubt, und ich würde es selbst wahrscheinlich nicht anders machen.
Aber in diesem konkreten Zusammenhang wird die legitime Praxis der Manifestprosa infam. Geschmacklos finde ich es, weil man hier ein Opfer des Faschismus zum Kronzeugen gegen den Staat macht, der aus und durch den Faschismus erst entstanden ist, um den in Europa Unterdrückten, Vertrieben eine neue Heimat zu geben.

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Seit Jahren waren Kinofilme und Fernsehserien das erfolgreichste kulturelle Exportgut Israels. Der kleinen, aber flexiblen Filmindustrie gelang es gut, zur jeweiligen Tagespolitik wie zu grundsätzlicheren Fragen der Nahostkonflikte Distanz zu halten. In den letzten Monaten allerdings ging ein so unerwarteter, wie heftiger, wie doppelter Sturm über die israelische Entertainment-Industrie hinweg.

Die neue ultrarechte Regierungskoalition Benjamin Netanjahus, insbesondere Miri Regev, die neu eingesetzte israelische Ministerin „für Kultur und Sport“, bedroht zunehmend stärker die Meinungsfreiheit. Regev, die bereits Anfang Juli das Jerusalemer Film Festival zwang, einen kontroversen Dokumentarfilm aus dem Hauptprogramm zurückzuziehen, verkündete zuletzt, die Regierung werde in Zukunft keine Filme mehr finanzieren, die „Israel diffamieren und das Image des Staates unterminieren“.

Und von Außen fordern bekannte linke wie rechte Regisseure eben nun einen „kulturellen Boykott Israels“. Die bereits erwähnte entsprechende Petition aus Anlass des Locarno Filmfestivals wurde von erstaunlich vielen Regisseuren unterzeichnet, darunter Loach, Jean-Luc Godard und eine Reihe palästinensischer Regisseure, deren Filme mit Mitteln des israelischen Film-Funds finanziert worden waren, wie Hany Abu-Assad, Eyal Sivan und Suha Arraf.

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Der ganze Kontext des Aufrufs, andere Texte und Pamphlete, die sich auf der Website befinden, desavuieren den eigentlich Aufruf noch weiter. Wenn die Rede davon ist, man solle sämtliche Künstler und Wissenschaftler bokottieren, da sie „Proaganda“ seien, man solle zudem israelische Waren boykottieren, musste ich unwillkürlich denken: „Deutsche! Kauft nicht bei Juden!!“ Jetzt, kaum anders, halt: „Schweizer! Kauft nicht bei Israel!!“
Klar, das ist jetzt ein grober Klotz. Aber eben auf einen groben Keil.

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„Typisch deutsch“ sagt mir Samir, Regisseur und Produzent aus der Schweiz, und seit Jahren ein Freund. Mit Samir habe ich mich vor ein paar Tagen in Locarno lange unterhalten. „Ihr Deutschen habt halt mit Israel ein besonderes Problem, das ist verständlich, aber das müssen wir uns nicht zu eigen machen.“

Er erinnert an alltägliche Menschenrechtsverletzungen durch israelische Polizisten und Soldaten, beschreibt frappierende konkrete Erlebnisse, die mich mehr erschüttern, als allgemeiner Zorn über Gaza-Bombardements, erklärt, wie sehr sich die Situation der Palästinenser in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert habe. Er nennt die Abschottung der israelischen Gebiete durch riesige Mauern und Grenzanlagen. Vieles davon habe ich selbst vor wenigen Wochen beobachten können, als ich ein paar Tage in Israel beim Jerusalem Filmfestival war. Ich bin dort aber eben auch sehr vielen Israelis begegnet, die die Dinge noch schärfer formulieren, als Samir. Sollen wir die auch boykottieren?

Samir sagt dazu „Ja“. Er vergleicht das mit der Schweizer Volksabstimmung über Einwanderung Anfang 2014 und den Folgen, die das für Schweizer Filmemacher gehabt habe, auch für ihn und seine Frau, die Regisseurin Stina Werenfels (DORA), die das fremdenfeindliche Ergebnis der Volksabstimmung selbstverständlich nicht teilen.
Ich finde, dass der Vergleich hinkt, weil es hier nur darum geht, Schweizer Filmemachern die Vorteile wieder zu streichen, die sie als EU-Nichtmitglieder am EU-Media-Programm teilhaben ließen. Das kann mit mit einem Totalboykott nicht vergleichen – denn was BDS will ist genau das was sie den Israelis umgekehrt vorwerfen: Abschottung. Israel soll kulturell eingemauert werden.

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Wer das gut findet, dem stellt sich – von vielem anderen abgesehen – in der Konsequenz natürlich die Frage, ob wir jetzt auch chinesische und iranische Filme boykottieren sollen? Wo doch in Israel viel demokratischere Verhältnisse herrschen, und die Medien relativ frei genau die selben Dinge debattieren, wie wir Europäer.
Hier gehen die Massstäbe verloren.
Und drei von vier iranischen oder chinesischen Filmen, die ich zu sehen bekomme, sind alles andere als regimefreundlich.
Oder was machen wir mit der Türkei? Es gibt sehr sehr gute Gründe, das Erdogan-Regime auf allen Ebenen zu bekämpfen, solange bis es weg ist. Schon jetzt kann in der Türkei von wirklich demokratischen Verhältnissen nicht mehr die Rede sein.
Sollen wir die Türken boykottieren?

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Samir und ich werden uns, was den Aufruf angeht, hier in Locarno nicht mehr einig werden. Mir scheint, Samirs eigener Film, der wunderbare IRAQUI ODYSSEY, der in ein paar Wochen in Deutschland startet, zeigt selbst einen entscheidenden Unterschied, der einstweilen noch zwischen Israel und den arabischen Ländern besteht: Er erzählt, wie sehr im Irak (und anderenorts) eine kulturelle und soziale Selbstvernichtung stattfindet, wie die Antimodernen und – ja! – Faschisten dort an die Macht kamen. So schlimm wie dort, wie in Syrien, in Saudi-Arabien und in anderen Ländern, ist es in Israel noch lange nicht. Es gibt keine jüdische ISIS, keine israelische Nusra-Front. Wir sollten es nicht dazu kommen lassen.

Einig sind wir uns dafür in der Frage, dass wir beide Hegelianer sind, und davon überzeugt, dass die Postmoderne mit ihrem schwachköpfigen Identitätsfetischismus die Ursachen allen Übels ist. Die Geschichte gibt es, die Postmoderne gibt es nicht.

Wir reden auch über die ISIS und die Faszination Samir erzählt auch wie im Irak die deutschen Dschihaddisten ausgelacht werden: „Kanonenfutter“. Das möchte ich gern sehen.

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Das Festival verhält sich in der ganzen Sache lauwarm und verschwabbelt. Was immer hinter den Kulissen womöglich passiert und passiert ist, aber es fehlt das deutliche Bekenntnis zur eigenen Entscheidung. Im Gegenteil: Sie haben überraschende Wirkung gezeigt, sind eingeknickt vor den Forderungen der vor PCness. Man hat den Titel der eigenen Sektion geändert, und aus „Carte Blanche“ ein „Spotlight“ gemacht – das wird übrigens dann in Gesprächen in Locarno von vielen Schweizern kritisiert.

Direktor Carlo Chatrian kommt in diesen Tagen nicht gut weg. „Carlo ist ein Junge“ hört man dann von beiden Seiten, „ein Schwächling“.

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Israel-Kritik, so scheint mir, ist längst wohlfeil. Sie ist überhaupt kein Tabubruch mehr, sondern im Gegenteil zunehmend eine böse kleine Erleichterung, die sich die Mehrheitsgesellschaft gönnt. Antisemit möchte man natürlich nie und nimmer sein, aber „Antizionist“ vielleicht schon eher, und „Verbrechen“ kritisieren, „Apartheid“ „Apartheid“ nennen, so wie damals bei Südafrika, das „muss eben sein“. Das wird man doch mal sagen dürfen. Darf man? Sollte man?

Eine Erleichterung, die besonders gut tut, wenn man zum Tätervolk, zu den Nachfahren der Mörder gehört. Weil es daran nichts zu deuteln gibt, kann man sich dann mit der Kritik an Anderen, die – tatsächlich, vermeintlich, angeblich – genauso schlimm sind, moralisch ein bisschen erholen.

Dahinter steht nichts anderes, als eine Entlastungsphantasie. Man möchte Israel, wenn schon nicht physisch, so doch kulturell isolieren, also abspalten, also in der Konsequenz vernichten.

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Kultur ist zum Streit da, zur Irritation, nicht zur Wellness. Das verwechseln gerade in Deutschland viele, auch Macher, auch Funktionäre.

Autorenkino ist kein Wohlfühlkino. Und Festivals sind keine Wohlfühlorte, auch in Locarno wird viel zu viel über Freunde und Spaß, über tolle Erlebnis und die Klimabilanz der Elektrofahrräder geredet, vor allem auf den unbequemen Plastiksesseln der Piazza, die einem persönlich reserviert werden, wenn man auf die bereits horrend teuren Karten noch 15 Franken, also 13,70 Euro Aufschlag zahlt.

Auch wenn sich Festivals gern dieserart als Wohlfühlort und Komfortressort für die Reichen und die reichen Schönen inszenieren, geht es doch um das Gegenteil von Komfort.
Dass uns der Streit um Israel und BDS-Resolutionen daran wieder erinnert, und uns auf den Boden der Tatsachen zurückholt, ist sein Verdienst.

Aber weil dies eben das Gegenteil von Komfort ist, müssen wir Filme gerade dann zulassen, wenn wir sie nicht mögen, wenn sie uns politisch und moralisch unsympathisch sind, gar anekeln, oder wir sie für Propaganda halten. Wir müssen sie deshalb nicht mögen, wir dürfen und sollten sie verdammen. Die einzelnen Filme, wo sie es verdienen.
Genau das meint Benjamin, wenn er vom unaufhebbaren Zusammenhang zwischen Kultur und Barbarei spricht. Würde man aber ein ganze Land, ein ganzes Volk verdammen, wäre es die reine Barbarei – eben Faschismus. Die Tatsache, dass manche – manche, nicht alle! Und nicht die Mehrheit – Israelis genau dies mit den Arabern tun, gibt diesen kein Recht, mit Israel das Gleiche zu tun.

Rüdiger Suchsland aus Locarno

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