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Der japanische Regisseur Masao Adachi kann zweifellos als eine ambivalente Persönlichkeit angesehen werden. In den 60ern realisierte er zahlreiche politisch linksorientierte, surrealistische Experimentalfilme und schrieb für seine ideologisch gleichgesinnten Regie-Mitstreiter Koji Wakamatsu und Nagisa Oshima Drehbücher, darunter auch für Pink Eigas. 1971 schloss er sich in Beirut der linksradikalen japanischen roten Armee an, war die nächsten 30 Jahre ihr Mitglied. Schließlich wurde er im Jahr 2000 zunächst im Libanon für Passfälschung zu einer 18-monatigen Gefängnisstrafe verurteilt und anschließend der japanischen Regierung ausgeliefert wo er noch einmal eine anderthalbjährige Haftstrafe aufgrund derselben Anklage verbüßte. Heute lebt der inzwischen 73-Jährige  mit seiner libanesischen Frau in Tokyo zusammen und hatte 2006 mit Yûheisha – terorisuto seinen ersten Film seit drei Jahrzehnten realisiert.

Auf was müsste man sich konzentrieren, um beispielsweise im Rahmen eines filmischen Porträts das Leben und das Werk dieses Menschen wiederzugeben? Seine politische Weltsicht, inwieweit sich diese in seinen Filmen niederschlägt? Die verschiedenen Etappen seines Lebens, das, was ihn dabei geprägt hat? Der Franzose Phillipe Grandrieux (über seine bisherigen drei Spielfilme siehe das Essay von Amos Borchert) distanziert sich mit seinem im Rahmen des Visions-Wettbewerbs beim diesjährigen Nippon-Filmfestival ausgestrahlten Essayfilms It May Be Beauty That Has Strenghtend Our Resolve: Masao Adachi entschieden von solchen Ansätzen. Grandrieux sucht hinsichtlich der Person Adachi nach einer anderen Wahrheit, einer, die eher aus Gefühlen, diffusen Impressionen jenseits eines deutlich umrissenen Lebenslaufs oder politischen Überzeugungen ersichtlich wird.

Häufig überlässt Grandrieux in seinem Film seinem japanischen Kollegen das Reden, lässt ihn auf philosophische und assoziative Weise über sein Leben sinnieren, Gefühle, Gedanken und abstrakte wie auch haptische Erinnerungen ansprechen. Ein breites Spektrum an Eindrücken erschließt sich dabei, von der Erinnerung an den Biss eines Wasserflohs während der von Armut geprägten Kindheit Adachis bis hin zur Reflexion über die allgemeine Frage, ob sein Leben erfüllt und glücklich sei. Wenn sich  Adachis Persönlichkeit somit über die Tonebene, über einen in Worte gefassten Bewusstseinsstrom manifestiert, teilt sich Grandrieux selbst über die formale Verfremdung seiner Bilder mit. Mal ruckelt die Kamera wie aus einer unmittelbaren Laune heraus, gelegentlich sind die Einstellungen mit Farbfiltern unterlegt oder äußerst unscharf, erschweren ein rein visuelles Erkennen der vorfilmischen Realität.

Denn auf den Inhalt, auf den Bedeutungsgehalt der Bilder, scheint es Grandrieux nicht anzukommen. Entweder zeigen diese absichtlich Profanes, wie etwa Adachi in der Innenstadt Tokyos, auf einem Spielplatz mit seiner Tochter und Enkelin, sowie in einem Restaurant oder etwas vollkommen symbolisch Überstrapaziertes, wie eine ganze Sequenz lang die notorisch für die japanische Kultur stehenden Blüten eines Kirschbaums. Es wirkt geradezu so, als würde Grandrieux durch die visuelle Verfremdung des Gezeigten die Aufmerksamkeit des Zuschauers für etwas sensibilisieren wollen, dass der rein dokumentierende Blick der Kamera alleine nicht finden, nicht fassen kann. „Sagen die Schönheit der Hände, die Schönheit des Gesichtes die Wahrheit darüber aus, auf welche Weise das Leben durch uns fließt?“ fragt Grandrieux an einer Stelle und versucht sich etwas später an einer bildlichen Antwort: Die Kamera fährt solange auf Adachis Gesicht zu, bis es vollständig verschwimmt, nur noch leichte Umrisse seiner Mundwinkel zu erkennen sind. Unserem Blick kann es nur vergönnt sein, sich an die Physiognomie des Menschen, die Umrisse seines Gesichtes zu heften, er reicht dementsprechend nicht aus, um das, was einen Menschen ausmacht, nachzuvollziehen. Durch das Zusammenwirken, das gegenseitige Bedingen der ästhetisch verfremdeten Bilder und den Erzählungen Adachis will Grandrieux hingegen zu einer vollkommen abstrakten Ebene, einer Darstellung des Undarstellbaren, des menschlichen Bewusstseins, vielleicht der Seele selbst, vordringen.

In einem Interview mit dem Filmmagazin Manifest sprach Adachi davon, dass es im Kino immer um den Menschen gehen sollte, dass Filme die Kraft des Menschen widerspiegeln müssten. Grandrieux Essayfilm könnte als Versuch, als Auslotung der Möglichkeit verstanden werden, um dieser Idee – und damit auch dem Menschen Adachi selbst – gerecht zu werden.

Übersicht zur NEGATIV-Berichterstattung zur Nippon Connection 2012