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Cary Fukunagas Verfilmung von Charlotte Brontës Roman Jane Eyre ist laut der IMDb bereits die 20. Verfilmung, derer sich der englische Klassiker erfreuen darf. Die Geschichte ist altbekannt: Die junge Jane Eyre (hier: Mia Wasikowska) kommt nach einer schrecklichen Kindheit als Gouvernante nach Thornfield, dem Anwesen des reichen Mr. Rochesters (Michael Fassbender). Dort verliebt sie sich in den Hausherrn, doch ihre geplante Hochzeit wird verhindert, als dessen düsteres Geheimnis ans Licht kommt. Sie flieht von Thornfield und beginnt ein neues Leben, bis sie nach vielen Wirren zu Rochester zurückkehrt. Viele haben es gelesen, einige haben es bereits mehrfach gesehen oder sogar im Englischunterricht durchgenommen. Muss es wirklich einen weiteren Film nach all den Adaptionen und Diskuren über einen der populärsten Stoffe der englischen Literaturgeschichte geben? Regisseur Cary Fukunaga zeigt, dass es das muss. Denn was er schafft, ist keine BBC-Miniserie, die in der Regel hübsch bebildert, was man bereits gelesen hat (an dieser Stelle nichts gegen BBC-Miniserien, wer mag sie nicht?!), sondern der wirkliche Versuch, einen modernen Standpunkt zu und eine aktuelle Sicht auf den Roman und seine Hauptfigur zu entwickeln.

Er beginnt damit, die Chronologie der Vorlage zu zerschlagen und neu zusammenzusetzen, um die zentralen Momente der Erzählung durch eine ungewohnte Kontextualisierung neu zu bewerten und zu überdenken. Janes Flucht vor Rochester und die Zuflucht bei St John Rivers (Jamie Bell) und seinen beiden Schwestern, die bei Brontë den zweiten Teil der Geschichte ausmachen, bilden bei Fukunaga einen festen Bezugspunkt des Films, zu dem Janes rückblendenhaft erzählte Lebensgeschichte immer wieder zurückkehrt. Fukunaga akzentuiert damit besonders stark die zentrale Bedeutung dieses Lebensabschnitts, in dem sich Jane durch ihre Stelle als Dorfschullehrerin zum ersten Mal die Chance bietet, ihren Lebensunerhalt alleine aufzubringen und unabhängig leben zu können – für eine Frau ihrer Zeit eine seltene Chance. Sie ändert ihren Namen in Jane Elliot und löscht damit (fast) vollständig ein Leben aus, das von ökonomischen und emotionalen Abhängigkeiten geprägt war, die alle missbraucht und verraten worden waren. Stattdessen wählt sie sich selbst eine Ersatzfamilie – die Rivers‘.

Fukunaga legt einen Schwerpunkt auf Janes Widerstand gegen die Zwänge ihres frauenfeindlichen Umfelds, gegen die Ungerechtigkeiten, die ihrem Geschlecht, aber auch der mittellosen Schicht widerfahren. Auch wenn das leidenschaftliche Aufbegehren ihrer Kindheit, das vor körperlicher Zuwehrsetzung nicht zurückgeschreckt hat, von der autoritären Erziehungsmaschinerie „ausgetrieben“ wurde, nutzt Jane ihre schonungslose Ehrlichlichkeit als Waffe, um den Dominanzversuchen ihres Umfelds zu trotzen. Diese Waffe ist jedoch auch ihre Last, eine Tugend, der sie sich sklavisch unterwirft und die keine Kompromisse kennt. Man kann dem Film vorwerfen, dass er zu gesittet, zu gesetzt ist, um eine gute Aktualisierung des Stoffes zu sein – mit einer derart tugendhaften Hauptfigur scheint er fast schon religiöses Potenzial zu haben, zumindest jedoch angestaubt zu sein. Doch man tut dem Film mit einem solchen Urteil Unrecht. Fukunaga macht Jane zu einer Figur, die ihr Leben von nur einer „Religion“ bestimmen lässt: der Wahrheit. Und diese Ehrlichkeit entlarvt er gleichzeitig sehr nachhaltig als ein Resultat, fast schon eine Rebellion, gegen die Ungerechtigkeiten ihrer Kindheit, in der sie immer wieder als „Lügnerin“ beschimpft wurde, weil die Wahrheit, für die sie stand, ihrem Umfeld unannehmlich und ungelegen war. Fukunaga macht Janes Bestreben nach Ehrlichkeit zum unterschwelligen Dreh- und Angelpunkt seiner Erzählung, die jede Wendung in Gang setzt. Rochester verliebt sich in die unerschrockene Ehrlichkeit, mit der Jane ihm begegnet und seine Versuche, sie zu demütigen, abwendet. Keine Sekunde ist es ein Problem des Films, dass Standesunterschiede Jane und Rochester als Liebespaar scheitern lassen, sondern nur Rochesters düsteres Geheimnis, das Jane zu einem unehrlichen Leben zwingen würde, sollte sie es akzeptieren. Ihre Liebe zu Rochester ist von Beginn an geknüft an eine Bedingung: Sie würde alles für ihn tun, aber nur, wenn es rechtens ist. Lieber nimmt sie sein und ihr Unglück in Kauf, als ihren Selbstrespekt zu verlieren, weil er das Einzige ist, was ihr gehört und niemand ihr jemals nehmen könnte. Damit legt Fukunaga den Akzent sehr stark auf die Eigenwilligkeit und Selbstbestimmtheit seiner Hauptfigur, die sie zu einer modernen Heldin machen. Erst wenn Rochester im ewigen Kampf gegen seinen inneren Dämon – die ungezügelte, selbstbestimme Frau, derer er nicht Herr werden konnte – zugrunde gegangen und in seiner Männlichkeit gebrochen ist, kann Jane zu ihm zurückkehren.

Trotzdem lässt Fukunaga den religiösen Aspekt nicht fallen, der auch in Brontës Vorlage eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Obwohl Charlotte Brontë die Tochter eines Pfarrers war und eine ähnlich „gründliche“ religiöse Erziehung wie Jane Eyre in Lowood genossen hat, ist ihre Beziehung zu religiösen Konzepten und Vertretern in ihren Romanen verhalten bis kritisch. Fukunaga greift diesen modernen Ansatz besonders heraus, um ihn in seiner Verfilmung weiter auszubauen. Anstatt sie zu ironisieren oder unter den Tisch fallen zu lassen, dekliniert Cary kritisch durch, wie vielfältig Religion von den Mitgliedern der damaligen Gesellschaft instrumentalisiert worden ist. Janes Tante nutzt sie als scheinheilige Entschuldigung für ihren skrupellosen Egoismus, mit dem sie sich ihres verhassten Zöglings entledigt. Die zwei Pfarrer des Films verkörpern die sadomasochistische Ebene religiösen Glaubens: Der Schulleiter von Lowood nimmt ihn als Rechtfertigung für eine gewalttätige, autoritäre Erziehung, die sich an der Unterdrückung und Demütigung von Schwächeren ergötzt (und sich an ihnen bereichert), wohingegen St John Rivers sein aufgeblasenes Ego mit dem frigiden Vergnügen an der Selbstkasteiung – und der misogynen Kasteiung seines weiblichen Umfelds – befriedigt. Zuletzt dienen Gott und die Religion Rochester als Erznemesis, als Projektionsfläche für alle seine Entäuschung und Verbitterung, gegen die er – zwischen überheblichem Sarkasmus und fast wahnsinniger Wut schwankend – rebelliert, bis er sich den Kopf an ihr aufschlägt. Nur zarte, kindliche Unschuld wie die von Janes Lowood-Freundin Helen Burns scheint eine reinherzige Religiosität beherbergen zu können – und selbst die wird eher als Fluchtphantasie inszeniert, die aus dem unerträglichen Erziehungssystem in Lowood geboren ist und mit Helens verfrühtem Tod dort besiegelt wird.


Der Film selbst hat in seiner Ästhetik und seiner Erzählung anstatt einer religiösen eher eine mystische Qualität. Die verschlingenden Moor-, Heide- und Felsenlandschaften und das düstere haunted house Thornfield zeichnen einen völlig anderen Ort als das sattgrün leuchtende, helle England, das man zum Beispiel in der Pride and Prejudice -Verfilmung bewundern kann (ohne ihm in Bildgewalt im geringsten nachzustehen). Die karge, einsame Landschaft scheint auch bis in die Seelen der Figuren vorgedrungen zu sein und prägt die düstere, von Unsicherheit und Geheimniskrämerei überschattete Liebe von Jane und Rochester. Nur ein einziges Mal bewegen sie sich vor glückseliger, von Blumen und Sonne durchdrungener Frühlingskulisse – eingeleitet von Janes Worten, dass ihre Verlobung so unwirklich wie ein Traum erscheint. Dieses Spiel mit Traum und Wirklichkeit durchzieht den ganzen Film, findet sich in kurzen Visionen, inneren Dämonen, die in greifbarer Gestalt durch das Haus wandern, und körperlosen Stimmen, deren Klagerufe bis über die weitesten Moore dringen, aber auch in Konzepten wie Seelenverwandschaft und die durch nichts zu zerreißenden Bande der Liebe. Dadurch wird eine völlig eigene Welt erschaffen, die losgelöst von Raum und Zeit zu existieren scheint und die den Zuschauer am Schluss mit Janes Worten „Awaken then“ aus ihrem Kosmos ausschließt – in just dem Moment, in dem sich auch der letzte Knoten der albtraumhaften Verstrickungen gelöst hat.

Jane Eyre – Pressespiegel auf film-zeit.de

Jane Eyre
R: Cary Fukunaga
B: Charlotte Brontë (Roman), Moira Buffini (Drehbuch)
K: Adriano Goldman
D: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Jamie Bell, Judy Dench, Sally Hawkins, …
UK/USA, 120 Min.
Verleih: Tobis
Kinostart: 1. Dezember 2011