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Leos Carax
Copyright: Georges Biard

Der Franzose Leos Carax (Jahrgang 1960) wurde zu Anfang seiner Karriere als Wunderkind gehandelt. Sein Schwarz-Weiß-Debüt BOY MEETS GIRL (1984) wurde in Cannes ausgezeichnet, DIE NACHT IST JUNG(1986) wiederum auf der Berlinale gefeiert. Carax Liebes-Drama DIE LIEBENDEN DES PONT-NEUF (mit Denis Lavant und Juliette Binoche, 1991) galt damals als teuerster französischer Film überhaupt. Nach seinem Flop POLA X (1999) eroberte sich Carax mit seinem originellen diesjährigen Cannes-Beitrag HOLY MOTORS die Gunst der Kritiker zurück. Darin spielt Denis Lavant ein Dutzend Rollen (Geschäftsmann, Killer, Bettler u.a.) im Alleingang. Carax kultiviert seinen Ruf als notorischer Interview-Verweigerer, ließ sich auf dem Filmfestival in Wroclaw (Breslau) aber zu einem Gespräch breitschlagen.

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Monsieur Carax, in Ihrem neuen Film „Holy Motors“, der keinen klassischen Plot hat, gibt es allerlei filmische Anspielungen. Ist der Film für Sie eine Art Liebesbrief an das Kino?

Leos Carax: Nein. Offensichtlich liebe ich das Kino. Aber ich denke nie daran. Ich spreche auch nicht darüber. Manchmal denke ich, dass ich darin lebe, wie auf einer Insel, die „Kino“ heißt, manchmal denke ich, dass es mich ablehnt. Doch das Thema dieses Films ist nicht das Kino. Die Sprache des Films ist Kino. Vielleicht ist es eine Sprache, an die wir nicht mehr gewohnt sind, denn es ist eine tote Sprache.

Was meinen Sie damit?

Ich bin nur verwundert, dass die Leute immer sagen, der Film sei über das Kino. Vielleicht suchen die Leute ja nur nach Anspielungen. Denn der Film hat keinen offensichtlichen, klaren Plot, obwohl ich ihn recht simpel finde. Ein Mann sitzt in einem Auto, verkleidet sich und fährt von einem Job zum nächsten. In unserer Welt gibt es so einen Job zwar nicht, also ist es vielleicht ein bisschen Science-Fiction oder eine Art Antizipation. Aber selbst Kinder, denen ich den Film gezeigt habe, haben ihn verstanden. Der Film wurde sehr schnell geschrieben, konzipiert und gedreht. Er ist kein ausgefeiltes Projekt.

Dieser Film spielt, wie auch „Die Liebenden von Pont-Neuf“ in Paris. Welchen Stellenwert hat die Stadt für Sie und Ihre Filme?

Ich komme aus einem Pariser Vorort und habe Paris mit 17 entdeckt, zur selben Zeit wie das Kino. Und dann habe ich selbst welches gemacht. Dann hat Paris mich nur noch angewidert: Ich wollte Filme außerhalb Frankreichs machen. Das hat nicht geklappt, bis auf einen kleinen Film in Japan. Bei HOLY MOTORS dachte ich, dass es billiger und einfacher für mich wäre, dort zu drehen, wo ich wohne. Das Paris meines Films ist eigentlich mehr eine Traum- oder Albtraumvision und kein realistisches Paris.

Als Sie damals Paris und das Kino entdeckt haben, was war das für Sie für eine Zeit?

Ich kam in diese Stadt, wo ich niemanden kannte. Der einzige Ort, den ich aufgesucht habe, war das Kino. Ich glaube, ich habe diese Einsamkeit auch sehr genossen. Im Alter von 17 bis 25 habe ich sehr viele Filme gesehen, drei bis vier Filme pro Tag: Stummfilme, Hollywood, russische Filme, deutsche Filme. Als ich meine eigenen Filme gedreht habe, habe ich aufgehört, ins Kino zu gehen, spätestens nach meinem zweiten Film, DIE NACHT IST JUNG. Ich glaube, ich habe meine Schuld dem Kino gegenüber mit meinen ersten beiden Filmen bezahlt und dann musste ich meinen eigenen Weg gehen.

Warum haben Sie nach Ihrem Film „Pola X“ (1999) so eine lange Pause eingelegt?

Darüber habe ich keine Kontrolle. Man weiß ja nicht, wie viele Liebesgeschichten man innerhalb eines Lebens erlebt, wie viel Zeit zwischen ihnen vergeht. Mit Filmen ist es genauso. Man muss gesund sein, man braucht Geld, man braucht eine Handvoll Mitarbeiter. Irgendwie ist es schwer, diese Dinge zusammen zu bekommen.

Wie haben Sie Kylie Minogue und Eva Mendes für „Holy Motors“ getroffen?

Sie kamen in letzter Sekunde dazu. Kylie kannte ich weder vom Namen noch von ihren Liedern. Doch durch einen gemeinsamen Freund haben wir uns zum Lunch getroffen. Sie besitzt eine Reinheit, die eine großartige Chance für den Film war. Eva Mendes Rolle war eigentlich für Kate Moss geschrieben, aber die hat während des angesetzten Drehtermins geheiratet. Also rief ich Eva an und sie sagte: „Ok, ich mache es.“ Für ihre Rolle brauchten wir eine Schauspielerin, die jeder kennt: ihr Gesicht, ihren Körper. Eine Ikone.

Seit Ihrem Debütfilm BOY MEETS GIRL (1984) arbeiten Sie mit Denis Lavant zusammen. Warum hier wieder?

Wir kennen uns, seit wir 20 sind. Trotzdem wissen wir wenig voneinander, wir sind nicht befreundet. Aber er ist jemand, von dem ich wirklich verlangen kann, was ich will, egal, ob es physisch oder emotional ist. Und heute ist er ein sehr viel besserer Schauspieler als früher. Als klar war, dass ich einen billigen Film auf Französisch in Paris drehen würde, war Denis die ideale Wahl.

In dem Film geht es aber auch um die Zeit. Einmal trifft sich ein Paar nach 20 Jahren wieder und ihnen bleiben nur 20 Minuten…

Kino ist immer über Zeit, das Verhältnis zur Zeit. In diesem Film haben Mr. Oscar und die von Kylie Minogue gespielte Figur zehn Minuten, sie erinnern sich und gehen in der Zeit zurück. Kino kann das leisten. Das passiert im realen Leben nicht, dass man ein ganzes Leben in 10, 20 Minuten Revue passieren lässt. Aber diese Vorstellung von Mut oder Erfahrung oder Handlung scheint heutzutage im Kino zu verschwinden, wegen der Virtualität der neuen Techniken und der neuen Welt. Kann man mit einem Computerprogramm so viel erfahren wie mit der Kamera?

HOLY MOTORS spielt viel in einer Limousine. Wie haben Sie das gedreht?

Das haben wir natürlich im Studio gedreht, wo mehr Platz ist als in einer echten Limousine. Limousinen habe ich in Amerika entdeckt und fand immer, dass sie sich gut für einen Spielfilm eignen. Alle gucken sie an, aber man kann nicht hineinschauen. Von außen sind sie sehr schön, aber innen sieht es aus wie in einem Bordell, das hat etwas von Prostitution. Die Limousine ist morbide und erotisch zugleich.

Wie entwickeln Sie neue Projekte?

Ich kämpfe um alles. Darum, mir die Leidenschaft zu erhalten, das Geld zu finden, die richtigen Leute. Denn alle werden mit den neuen Techniken auch so faul, sie drehen digital. Andererseits hat man heute in der Beziehung kaum noch eine Wahl. In sechs Monaten wird es in Frankreich überhaupt keine 35-Millimeter-Projektoren mehr geben. Deshalb muss ich auch digital drehen, ob ich es will oder nicht. Aber das hat auch etwas Gutes. Man muss sich jedes Mal ein neues Territorium erfinden.

Was treibt Sie an, dass Sie am Set weiter „Moteur“ (Action) sagen können?

Ich glaube, dass das Kino mich gerettet hat, in gewisser Hinsicht. Ich habe zwar als Kind auch schon Filme gesehen, aber da wusste ich nicht einmal, dass es einen Regisseur gibt. Da habe ich die Schauspieler gesehen: Marilyn Monroe oder Charles Bronson. Erst mit 15 oder 16 habe ich begriffen, dass es da jemanden hinter der Kamera geben muss. Als ich das erkannt habe, wollte ich auf dieser Insel leben: ein Mann, eine Kamera, eine Frau. Irgendwie kann ich nur atmen, wenn ich auf dieser Insel bin, wenn ich Filme machen kann. Da habe ich keine Wahl.

Was hat es mit dem mysteriösen Auftraggeber der Limousine auf sich, den Michel Piccoli spielt?

Diese Rolle ist sehr verwirrend. Wer ist er? Wir wissen es nicht. Ist er ein Filmemacher, ein Produzent, ein Mafioso, vielleicht ein Minister? Ich dachte, dass es interessanter wäre, ihn von jemandem spielen zu lassen, der älter ist als ich und Denis. Mit Piccoli hatte ich bereits in meinem zweiten Film, DIE NACHT IST JUNG zusammengearbeitet, vor 25 Jahren. Es hat mich sehr berührt, dass er, Denis und ich bei dem Dreh wieder vereint waren.

Ihr Film „Pola X“ von 1999 ist bei Publikum und Kritik gefloppt. Wie haben Sie das damals erlebt?

Das war hart. An den Kinokassen war ich noch nie erfolgreich. Aber wenn man weder die Kritiker auf seiner Seite hat, noch den kommerziellen Erfolg, dann hat man gar nichts. Das war damals das Gegenteil von HOLY MOTORS. Ich hatte lange Jahre keinen Film gemacht, kam nach Cannes, und keiner konnte den Film ausstehen. Dann komme ich zehn Jahre später mit HOLY MOTORS zurück und die Leute scheinen ihn zu mögen. Ich glaube, dass POLA X mein bester Film war. Aber ich brauche entweder Erfolg oder gute Kritiken, um weiterzumachen. Ich kann keine Filme machen, wenn sie sich keiner anschaut.

Wie sind Sie damals klar gekommen, danach?

Nach jedem Film verspüre ich eine Art Enttäuschung, manchmal sogar Ekel vor dem Kino. Und dann findet man die Energie und auch das Bedürfnis, sich wieder an die Arbeit zu machen. Das heißt aber noch lange nicht, dass man die nötige Finanzierung findet oder die Leute, mit denen man den Film machen kann. Selbst wenn ich diese beiden Bedingungen hätte, würde ich gar auch nicht so viele Filme machen. Ich habe bisher fünf lange Spielfilme gedreht. Wenn ich nicht drehe, verliebe ich mich oder ich werde krank oder ich reise, lese, oder schreibe.

Was treibt Sie aus Frankreich hinaus?

Das Wundervolle an Filmen ist: Wenn du Russland entdecken willst, denkst du dir eine Geschichte für dort aus. So dachte ich jedenfalls, als ich jung war, dass es so einfach ist. Ich dachte nicht, dass ich so lange in Paris bleiben würde. Ich bin viel gereist. Aber ich musste immer nach Frankreich zurück, um dort zu drehen. Irgendwann wird es mir gelingen, woanders zu drehen. Ich habe ja auch einen kleinen Film in Tokio gedreht. Das ist eine gute Erfahrung, mit Leuten zu arbeiten, deren Sprache du nicht sprichst, wirklich ein Fremder zu sein.

Wie erleben Sie Filmdrehs, was ist daran besonders?

Sogar bei Dreharbeiten in Frankreich lebe ich gern im Hotel. Für mich ist es unmöglich, zu drehen und dann bei mir zu Hause zu übernachten. Drehen unterscheidet sich sehr vom sonstigen Alltag. Jetzt ist es etwas anders, weil ich eine kleine Tochter habe und daran denken muss, dass mich jemand braucht. Eigentlich ist der Drehvorgang selbst so, als wäre man in einem fremden Land. Selbst wenn meine Filme in Paris spielen, drehe ich oft woanders. So habe ich DIE LIEBENDEN VON PONT-NEUF 800 Kilometer von Paris entfernt gedreht.

Aber sind Ihre Filme nicht sehr traditionell französisch?

Das glaube ich nicht. Ich schulde vor allem Stummfilmen und der Nouvelle Vague viel. Auf diese Tradition habe ich in meinen ersten beiden Filmen zurückgegriffen. Aber danach nicht mehr.

Sie wollen nicht über Ihre Filme sprechen. Glauben Sie also, dass Ihre Filme für sich selbst sprechen?

Zunächst einmal rede ich generell nicht gern. Auch nicht über Kino. Außerdem muss man dann um 11 Uhr morgens bereit stehen und in Mikrofone von Menschen reden, die man nicht kennt. Natürlich kann es sein, dass ich zufällig einen Brief von irgendwo in der Welt bekomme, in dem ein Zuschauer eine dringende Frage beantwortet haben will. Das mache ich dann auch. Aber als Job finde ich Interviews geben oder Pressekonferenzen irgendwie nicht real. Ich habe sowieso nicht alle Antworten. Ich bin ja nicht Gott.

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