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Halt auf freier Strecke

Tod und Wiederauferstehung: Während Johnny Depp vom Roten Teppich aus ins Taka-Tuka-Land springt, erzählen Andreas Dresen und die Dardennes-Brüder von Tod und Leid – Cannes-Blog, Folge 3.

Es kann nicht nur ein Zufall sein. Auch nicht nur der Zufall einer persönlichen Wahrnehmung. Daher muss auch heute wieder festgestellt werden: Die diesjährige Auswahl beim Filmfestival von Cannes ist überaus morbid. Und interessanterweise kreisen die Filme, auch wenn es mal nicht um den Tod geht, um Wiederauferstehungsszenarien.

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Noch mal kurz zu Woody Allen: Der pendelt ja in seinem Märchen nicht nur immer wieder zwischen der profanen Gegenwart, in der Geld und Kulturlosigkeit alles dominieren, und Gils (Owen Wilson) bald täglichen Nachtausflügen in die Vergangenheit hin und her, und spielt witzig mit den „Amerikaner in Paris“-Motiven. Es geht auch um die logischen Probleme des Zeitreisens: Denn irgendwann bemerkt Gil, dass es im Paris der Zwanziger noch eine Zeit-Tür gibt, die ihn ins Paris der Belle Epoque führt. Und in der Gegenwart trifft er auf ein altes Buch, in dem er selbst erwähnt wird, und auf eine junge hübsche Antiquarin, gespielt von Nachwuchsstar Léa Seydoux – an der er schließlich hängenbleibt. Und Paris wird Gil zum Fest fürs Leben.

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Johnny Dpep und Geoffrey Rush

Johnny Depp und Penélope Cruz auf dem Roten Teppich – der Glamour-Höhepunkt an diesem ersten Wochenende der Filmfestspiele von Cannes stand schon durch die Programmierung fest: Depp und Cruz spielen die Hauptrolle in Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten der vierten Folge der scheinbar unendlichen Piratenfabel um den von Depp gespielten Captain Sparrow. Der Film, der außer Konkurrenz läuft, erntete wohlwollende, aber nicht enthusiastische Reaktionen – wie die drei Vorgängerfilme, bei denen Gore Verbinski Regie führte, ist auch Rob Marshalls erster Pirates…-Film, dem ein fünfter Teil folgen soll, eine romantische Hommage an das klassische Genre des Piratenfilms. Allerdings scheinen die Macher dem selbst nicht ganz über den Weg zu trauen, daher wird die Story mit dem Fabelmotiv der Suche nach den Quellen der ewigen Jugend aufgepeppt und einem Rudel vampirischer Meerjungfrauen, die eher einer nordischen entstiegen scheinen. Auch spielt der größte Teil auf einer Tropeninsel – Johnny Depp in Taka-Tuka-Land. Als kurzweilige Unterhaltung funktioniert das trotz aller erzählerischer Untiefen aber sehr gut.

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Genau das Gegenteil hiervon bietet der Deutsche Andreas Dresen: Kaum Stars, keine prächtig-exotischen Kulissen, und eine Geschichte, die das Zeug zum Saalfeger hat. Zwar erlebt man Frank, die von Milan Peschel gespielte Hauptfigur, einmal mit seiner Familie auf „Tropical Island“, einem brandenburgischen „tropischen“ Freizeitpark. Aber da ist schon klar, dass der kleine Berliner Postangestellte einen inoperablen Hirntumor und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Der letzte Familienausflug geht gründlich schief, zu stark leidet Frank bereits unter seiner Krankheit und den Wirkungen starker Medikamente. Halt auf freier Strecke, der außerhalb des Wettbewerbs in der Nebensektion „Un Certain Regard“ läuft, ist also noch ein Film über das Sterbenlernen, und auch ganz objektiv betrachtet, auch außerhalb momentaner Stimmungslagen schwer erträglich.
Eine akribische Chronologie des Sterbens – vom Augenblick der tödlichen Diagnose bis zu den letzten Momenten des Kranken. Es ist eine Reise, in der jeder Schritt eine Verschlechterung bedeutet, und keine Hoffnung übrig ist. Der Film begleitet Therapien und Abschiedsbesuche der Angehörigen, letzte kleine Freuden des Todkranken, ein letztes Mal Weihnachten, ein letztes Sylvester. Vor allem aber entfaltet er die Dynamik innerhalb der Familie: Die Leiden der Angehörigen, die Kinder, die mit der Situation nicht umgehen können. Wie stirbt man „richtig“? Wie erklärt man so etwas kleinen Kindern? Wie geht man mit dem Ehepartner um? Zu solchen Fragen hat Dresen eine Meinung und ein Bild – wenn auch naturgemäß nicht immer eine Antwort.

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Andreas Dresen

Wie aber stellt man einen derart delikaten Stoff im Kino dar? Wie vermeidet man Kitsch, gibt ein realistisches Bild, ohne auf Emotionen zu verzichten. Dresen ist diese Gradwanderung missglückt. Mal ist der Ton zu flapsig, dann wieder „menschelnd“ nahe am Melo, dann betont naturalistisch: Es wird gespuckt, gekotzt, gepinkelt und viel geweint in diesem Film – was ohne Frage die Wirklichkeit wiedergibt.
Womöglich hält Dresen so etwas wirklich für Neorealismus, und glaubt, dass er wieder endlich einmal ein tabuisiertes Thema auf die Leinwand bringt. Aber im Unterschied zu Rosselini, dem frühen Antonioni ist Dresens Haltung bis zum Schluss völlig unklar: Er hat schon immer Gutmenschenfilme und Soz-Päd-Kino gemacht. Und auch wenn man es nicht gern sieht, verzeiht man ihm diese Arte-Povera-Attitüde: Betont „normale“ Menschen in einer Allerwelts-Wohnung, die nicht ein einziges geschmackvolles Detail besitzt – Kino, das immer wieder Zuflucht in Spießigkeit sucht.
Aber was soll zum Beispi
el die Eröffnungsszene: Der Arzt verkündet Frank die schlimme Nachricht. Dabei wird er einmal von einem banalen Anruf minutenlang unterbrochen. Schon dass ein Arzt in so einer Situation abnimmt, glaube ich nicht. Erst recht nicht, dass er dann den Anrufer nicht kurzabfertigt. Danach stammelt der Arzt immer wieder blöde und unsicher herum, erklärt dem Kranken nichts. Mag schon sein, dass es so etwas gibt, aber ich glaube kein Wort. Dann gibt es einen von Thorsten Merten gespielten Tumor in Menschengestalt. Und ein Art Todestagebuch per Iphone – alles Mätzchen, die Film Form und Story nicht weiterbringen. Will Dresen mit all dem Naturalismus ein schwieriges Thema endlich auf die Leinwand bringen? Oder eher mit leisem Humor die Absurdität der Lage von Todkranken beschreiben, und darauf aufmerksam machen, dass es womöglich Dinge gibt, die sich filmisch nicht unverfremdet darstellen lassen? Beides wäre legitim, aber er müsste sich entscheiden. Dresens Haltung aber blieb unklar.
So war die Reaktion des internationalen Premierenpublikums verhalten und gespalten – während manche genervt den Saal vor Toresschluß verließen, hatten andere Tränen der Rührung in den Augen. So wie der Satz gilt, dass jeder für sich allein stirbt, so sieht auch jeder gerade bei einem solchen Thema seinen eigenen Film.
Und zum (Gott sei Dank) bestimmt vorhandenen Einfluss momentaner Stimmungslagen auf die Filmbetrachtung sei gesagt: Als ich hörte, dass dieser Film von einem unheilbar Krebskranken handelt, wollte ich erst gar nicht reingehen, und bin nur aus Berichterstatterpflicht. Aber das Gute an diesem Film ist, dass er so scheiße ist, dass er einen überhaupt gar nicht erst berührt.

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Le gamin au vélo

Was Dresens Film von wirklich großem Kino trennt, zeigten die belgischen Brüder Dardennes, die hier schon zweimal die Goldene Palme gewannen. Le gamin au vélo (Der Junge auf dem Fahrrad) heißt ihr neuer Film: Auch dies könnte leicht auf ein Miserabilitätsportrait hinaus laufen – handelt der Film doch von einem Heimjungen, der verzweifelt seinen Taugenichts von Vater sucht, und in Gefahr läuft, ins kriminelle Milieu abzugleiten. Doch mit wenigen Kniffen, mit Ruhe, einer dezenten Abstraktion und dem klugen Einsatz eines Stücks von Beethoven heben die Dardennes ihre Geschichte auf die Ebene einer Fabel und einer Art Heiligenlegende: Der Junge, der schon verloren schien, erlebt eine Wiederauferstehung – und das Kino einen ersten Glücksmoment in einem Wettbewerb, der bislang viel von Tod und Trauer handelt.

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