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Festivalpräsident Paolo Baratta und Festivaldirektor Alberto Barbera

Alles anders, alles neu – auch 2012 sind die Filmfestspiele von Venedig wieder wie immer. Und eröffnen mit einem pakistanischen Traum

Venedig-Blog, 1 Folge

„Es muss sich alles verändern, damit alles so bleibt, wie es ist“ – diesen Satz des Schriftstellers Tommaso de Lampedusa aus dessen großartigem Roman DER LEOPARD zitieren wir im Zusammenhang mit den Filmfestspielen von Venedig bestimmt nicht zum ersten Mal. Aber er passt auf kein zweites Festival derart gut, wie auf dieses. Es ist wieder einmal alles anders hier am Lido, aber am Ende ist alles wieder wie immer.

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Ein Kreis schloss sich schon bei der Eröffnungsfeier am Mittwochabend: Vor zwölf Jahren verabschiedete sich Alberto Barbera als Direktor der Filmfestspiele von Venedig – mit dem ersten Goldenen Löwen für ein Bollywood-Musical, für das mit Dogma-Referenzen gedrehte Hochzeitsdrama MONSOON WEDDING von der Inderin Mira Nair. Unter eher unguten Umständen hatte man dem im Prinzip sehr erfolgreichen Barbera aus politischen Gründen – er passte nicht zur Bunga-Bunga-Kultur der postfaschistischen Berlusconi-Regierung – den Stuhl vor die Tür gesetzt. Elf Festivals und zwei Festival-Direktoren später ist Barbera nun wieder da; in Ehren zurück und wiedereingesetzt auf dem Direktorenposten und eröffnet – mit einem Film von Mira Nair!

Das ist schon eine mehr als selbstironische Geste, die uns sagt : Alles zurück, alles auf Anfang, ich bin wieder da, und mache dort weiter, wo ich aufgehört habe.

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THE RELUCTANT FUNDAMENTALIST, auf Deutsch etwa „Der widerwillige Fundamentalist“, erzählt von einem hochbegabten jungen Ökonomen aus Pakistan, der zunächst seinen ganz persönlichen amerikanischen Traum erlebt: Als Börsenmakler macht er an der Wall Street steile Karriere, hat eine amerikanische Freundin, und ist auch sonst ganz integriert und unbedarft. All dies ereignet sich Mitte der 1990er Jahre, und jener Dschingis Khan – so heißt er wirklich – ist ein Wirtschaftseroberer und Yuppie par excellence.

Nach den Attentaten des 11. September 2001 allerdings ändern sich die Dinge rasant und bald wird es für ihn in seiner neuen Heimat ungemütlich: Nun ist er mit dem Fremdenhass der Amerikaner, mit Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert, und so setzt ein Läuterungsprozess ein, der für den jungen Mann bei allen Leiden eher ein glücklicher Erkenntnisprozess ist, der ihn reifen lässt: So kehrt Khan alsbald dem Heuschrecken-Kapitalismus den Rücken, zieht nach Pakistan zurück und erlebt dort nun als Wirtschaftsprofessor an der Uni seinen pakistanischen Traum. Auch der zeigt aber Schattenseiten, spätestens, als ihn die Taliban anwerben wollen… Auch die CIA mauschelt bei allem mit, eine hübsche Amerikanerin, mit der er eine komplizierte Beziehung einging, ist auch dabei, und so mischt dieser Film Elemente des Polit-Thrillers mit munterer Kolportage und Bollywood-Melodien.

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Kate Hudson übrigens, die begabte Tochter von Goldie Hawn (erst vor ein paar Tagen sahen wir sie im deutschen Fernsehen in Spielbergs SAUGARLAND EXPRESS wieder), die uns vor nun auch schon zwölf Jahren mit Cameron Crowes ALOMOST FAMOUS bezauberte, hier als das Love-Interest des Pakistani zu sehen, hat in den letzten zwölf Jahren ganz schön zugenommen. Nun gut, sie hat ein Kind bekommen, und vielleicht trinkt sie auch etwas zu viel, das Leben geht ja an uns allen nicht ohne Spuren vorbei. Aber warum auch immer – als einer aus der Kohorte der Interviewer würden wir sie – Hi hi – nach ihrer Diät fragen; und als Kolumnist einer Frauenzeitschrift ihr unbedingt raten: Es muss sich alles verändern, damit alles wieder so wird, wie es ist.

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Mira Nair, die in New York lebend selbst vom Kulturclash ein Lied singen kann, erzählt von zwei verschiedenen, aus ihrer Sicht aber einander überaus ähnlichen Fundamentalismen: Dem des Kapitals und dem der Religion. Beide münden in Terror, stürzen die Welt ins Unglück. Nairs Hauptfigur versucht einen dritten Weg, und hat damit immerhin halb Erfolg.

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THE RELUCTANT FUNDAMENTALIST ist insofern ein anständiger Eröffnungsfilm, der in Venedig respektablen, aber keineswegs enthusiastischen Applaus erhielt. Denn schon in ihrer Inszenierung geht Nair elegisch, sentimental und stellenweise kitschig vor, und straft damit ihre eigene Figur Lügen: Der Film selbst geht keinen dritten Weg, wagt nichts, sondern schlägt sich ganz auf die Seite amerikanischer Dramaturgie.

Schwerer noch wiegen aus meiner Sicht die biederen Lebensmodelle und – Entwürfe, die der Film unter der Hand präsentiert. Es sind Männerbilder wie aus einer Frauenzeitschrift, Reform-Träume wie aus einem Bioladen im Prenzlberg und jede Wohnung im Film ist eingerichtet, wie aus Oriental-Wohnen. Mira Nair, machen wir uns nichts vor, ist selbst ein Yuppie, die mit dem Goldenen Löwen ihre Regie-Karriere gesichert hat, und im Kino nichts tut um dieses mit amerikanischem Geld gepolsterte Austragsstüberl zu gefährden. So dreht sie Filme für das, was man in Amerika das linke Hollywood nennt, also Leute, die in Deutschland CDU und Grün wählen würden, die noch ein wenig Scham und schlechtes Gewissen ob des eigenen Reichtums empfinden und ihr miserables Gewissen mit unbedarften Gutmenschenfilmen wie diesem beruhigen.

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Auch Mira Nair, eine angenehme, intelligente Frau, mit der man gern einmal zu Abend essen und sich sicher gut verstehen würde, und die noch viel sympathischer wäre, wenn sie nicht auch noch Filme machen müsste, sagt gern auf Pressekonferenzen wie der gestrigen, dass sich alles ändern muss in der Welt, aber insgeheim möchte sie, dass alles so bleibt, wie es ist. Und das spürt man in jeder Filmsekunde. Dies, die Wendung von kühler Bestandsaufnahme ins Moralische, in Tugendlehren des Verhaltens, ist denn ja auch die Pointe dieses großartigen konservativen Romans – jedenfalls dessen Lesart für unsere Zeiten. So hat ihn auch Visconti in seiner Verfilmung verstanden, wie später auch Thomas Manns Venedig-Novelle: Als wunderbares Statement des Ästhetizismus und der Decadence. Wenn schon Feier des Westens und der bürgerlichen Gesellschaft, dann müsste sie so aussehen, nicht anders und bestimmt nicht so billig und lackiert, wie nun bei Madame Nair. Aber was reden wir? Die Decadence ist sowieso nirgendwo so schön, wie in Venedig.

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