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Inception – eine Polemik

Negativ hat mich eingeladen, über einen beliebigen, aber bewegenden Film der letzten 10 Jahre zu schreiben. Eine aggressive, heiße Polemik sei gestattet, eine glühend euphorische Lobrede auch. Eine kühl abwägende Analyse ist hingegen nicht gefragt an dieser Stelle. Nun, das ist der Normalzustand. Bekommt man als Universitätsphilosoph einmal eine Anfrage zu Film oder Kunst, dann fehlt selten der Zusatz, aber nicht (zu) philosophisch und (schon gar nicht) akademisch und in keinem Fall analytisch. Dabei böte sich Nolans Film Inception für eine subtile, kühle, akademische Analyse gut an, ja Inception fordert sie heraus. Aber lassen wir das. Es bleibt doch immer noch Polemik gegen Inception. Das ist auch nicht schlecht, denn der Film ist (philosophisch betrachtet) wirklich schlecht. Aber, auch Philosophen sind Kinogänger! – im Kino kommt der Film gut. Extrem gut. Begeisterungstaumel: Euphorie! Folge: Kein bewertendes ‚Ja, doch‘ oder ‚Nein, aber‘! – und nicht einmal eine dialektisch vermittelte Synthese auf der Basis von These und Antithese. Nein!: stattdessen gleich heftig (und natürlich hartnäckig widerspruchsvoll zugleich): Oooh! Nein!!! und Jaaah!!! – Der Film ist unerträglich schlecht und unaushaltbar effektvoll gut. Er bietet limbische Unterschreitung und grandiose, himmlische Übererfüllung. Das ist zu billig? Schon, aber ich habe den Film nicht gemacht. Er ist so billig.
Kaum war Inception erschienen, rotierten die Filmkritiker reflektorisch und entdeckten das reflexive Potential dieses Films. Angeblich ein Meisterwerk, philosophisch wie Matrix. Als wenn dies ein Lob wäre. Wie steht es aber um diese gedankenvolle Tiefendimension von Inception? Was wurde nicht alles behauptet. Man kann nur staunen. Er werfe philosophische Fragen auf zur traumhaften Existenz und phantasmatischen Wirklichkeit? Zum Selbstverhältnis? Zur Rolle von Projektion und Seele? Mag das irgendjemand glauben? – verstehen läßt es sich jedenfalls nicht! Können wir Descartes‘ (1596-1650) berühmtes Traumargument aus der ersten seiner Meditationen über die erste Philosophie bildgesättigt als Problem für die Figuren im Film entdecken und als gemäße denkerische Herausforderung für das hochverehrte Publikum begreifen? Solche Anmutung grenzt an Wahnsinn, nein, das ist Wahnsinn. Jemand muß verrückt sein, wenn er glaubt, man könne auch nur denken, so zu träumen. Aber, könnte es nicht wirklich sein, daß wir nur träumen, da zu sein? Und gibt es überhaupt ein anderes Kriterium für den Traum als das Aufwachen? Wie tiefsinnig der Film das problematisiert! Gebe ich mir die Kugel, wenn ich träume, wache ich (vor Schreck) auf! Gebe ich mir die Kugel, wenn ich wachträume, bin ich wirklich tot. Eine Tragödie bahnt sich an. Und so tief. Ach ja, der Film bekämpft seine gedanklichen Untiefen gleich durch mehrere Einbettungen, tiefer und immer tiefer reichend, bis er am allertiefsten Rand und Strand des Unterbewußtseins strandet.

Diesen Hype um Traum und Traumwelten auch nur eine Sekunde lang als Reflexion auf Traum und Wirklichkeit zu begreifen, den Film auch nur einen winzigen Moment lang in irgendeiner Hinsicht ernst zu nehmen und die trivialen Spielverschachtelungen als rudimentären Ansatz zu Reflexion auf was auch immer zu begreifen, ist Humbug. Der Film hat weniger sinnvolle Handlung als ein Werbeprospekt eines Supermarkts und genausoviel Reflexion. Dabei hätte Inception formal nahezu alles, um eine Reflexion auf Seele und Bildwelten, Projektionen und Weltverlust zu inszenieren. Aber der Film bringt das nicht. Er ist weder ein Denken in Bildern, noch gibt er in Bildern und Fragmenten einen Anstoß zum Denken. Er hebt das Denken, zumindest jedes vernünftige auf.
Inception ist keine Wendung von analytisch-kalkulatorischem Denken zur Herausforderung durch das Bild. Die Rückkehr des Denkens zum Bild, des Logos zum Mythos, der Analyse zur übersteigenden Synthese müßte erkämpft, ernötigt werden. Philosophisch wäre Platon ein Beispiel, in manchem auch Nietzsche und natürlich Wittgenstein, um einige Philosophen zu nennen, die Reflexion mittels Bildern, Experimenten oder Mythen erzwingen. Aber wovon rede ich, angesichts dieses Films Inception. Schließlich ist es nur ein Film. Im Film aber leisten solches Bilddenken Godard – vielleicht gelegentlich, etwas prätentiös -, Hitchcock – raffiniert im Thrill(er) versteckt – und vielleicht in allerersten Übungsansätzen Christopher Nolan als ABC-Schütze. Aber nicht in diesem Film! Die filmphilosophischen Ansätze von Memento sind in Inception zu neckisch-albernen Versatzstücken verkommen, verbogen und verraucht. Daß der Film selbst mit Gedankentiefe kokettiert – und nicht nur verwirrte Kritiker – ist sein Fehler.

Denn ansonsten könnte man mit einigem Recht fragen: Stellt der Film überhaupt einen philosophischen Anspruch oder machten das nur die Kritiker? Doch ein wenig kokettiert Nolan offensichtlich damit. Descartes vieldiskutiertes Traumargument als Basis und dann solche Sätze: ‚Du kommst immer nur mit deinen (kleinen) Wahrheiten, was ist mit deinem Glauben?’ So oder so ähnlich klingt es mir im Ohr. Nolan hätte alle schwergewichtigen, philosophielastigen Dialogsätze streichen sollen, stattdessen den Soundtrack musikalisch vorantreiben und die denklüsternen Kritiker in die Verzweiflung. Man bekäme, glaube ich, einen fantastischen Film, einen wahren Spielfilm, einen Film wie ein Spiel, ein Computerspiel als Film.
Einen fantastischen Bilderbogen, eine raffinierte Spielkonstruktion mit Ebenen, einen sinnentlasteten Sehgenuß und spannende Actionsequenzen plus Affektkitzel erhält man dann. Eine ganze Menge für ein wenig Denkverbot. Meinetwegen mag man Inception ein ‚Traumspiel‘ heißen, und ‚Traumschiff‘, ‚Traumflug‘, oder ‚Angst vorm Träumen oder Fliegen‘ assoziieren, wenn man den Film nur nicht ernst nimmt oder gar philosophisch fundiert.

Der Film ist als kaleidoskopisches Bilderkonstrukt, als zitatversessenes Actionkino – allein schon die James-Bond-Sequenz ist großartig und amüsant zugleich – brillant. Wer kann da noch etwas dagegen haben, daß man, wenn man von einem lediglich gedachten Projektil getroffen wird, hineingedacht natürlich und gefühlt ins Herz, dann auch – auf dem Level zumindest – tot ist. Gingen nicht schon all unsere Verhandlungen in Kinderspielen um solch existenzielle Fragen: ‚Ich hab dich genau von dort hinten im Visier gehabt und abgedrückt, Du bist tot!‘. Verzweiflung! – Ist das schlecht? Nein, das ist gut! Aber philosophisch? Geh zu! Peng! – und Du bist tot. Auf Level 4 – oder war es 3? Das macht nichts. So wird das Spiel gespielt. Fantastisch, wenn man nur nicht anfängt, irgendetwas zu denken. Hoffentlich bekommt Zhizhek den Film nicht zu sehen, sonst behauptet er, daß der Film nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Philosophie rette und fängt an, seine Träume zu erzählen.

Ich aber werde mir den Film noch mal anschauen und – vielleicht noch einmal und zum Spaß noch einmal! und – ich schwör‘s! – mir keinen Gedanken, keinen einzigen, über diesen philosophischen Schwachsinn machen, stattdessen werde ich glückstaumeln in schönen Bildern und irrsinnig guten Effekten und werde die Actionsequenzen als solche in ihrem an und für sich genießen und zudem als filmisches Zitat, im Quadrat also gewissermaßen, werde die Achterbahnfahrt mitvollziehen und Seele oberflächlich einzig in den schönen Augen von Ellen Page oder dem melancholischen Verführungsblick von Marion Cotilard suchen. Absolutes Denkverbot werde ich mir erteilen und reine Schaulust verordnen. Ein Lob dem schönen Schein.

Inception
R: Christopher Nolan
D: Leonardo DiCaprio, Ken Watanabe, Joseph Gordon-Levitt, Marion Cotillard, Ellen Page
2010, 148 Min.
Copyright: Warner Bros. Pictures

Über den Autor: Dr. Prof. Josef Rauscher

Josef Rauscher, geb. 1950, Dr. phil. habil., Studium an der Universität Regensburg, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft der Universität Regensburg, seit 1985 Wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. Wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar der Universität Mainz. Dissertation zum Thema „Der Geltungsgrund ästhetischer Regeln unter besonderer Berücksichtigung der Freiformen in der modernen Kunst.“ (Regensburg 1989). Lehrstuhlvertretungen an den Universitäten Koblenz-Landau, Mainz und Eichstätt; seit 1997 Hochschuldozent, seit 2005 Professor in Mainz. Habilitationsschrift: „Sprache und Ethik. Die Konstitution der Sprache und der Ursprung des Ethischen in der Grundkonstellation von Antwort und Verantwortung.“ (Würzburg 2001).

Ausführliche Informationen zu seiner Arbeit präsentiert Josef Rauscher auf seiner Website.