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Im Flieger mit Clive Owen, Systemgewalt, Thunfisch am Hafen und Horror aus Spanien – San Sebastian-Blog, Folge 1

Das geht ja gut los! Beim Einsteigen ins Flugzeug in Madrid lächelt mir aufmunternd Clive Owen zu – offenbar hat er mich für eine Zehntelsekunde mit jemandem verwechselt. Oder ich habe ihn so angeguckt wie einen alten Bekannten – man kennt ja das Phänomen: Wenn man jemandem, den man schon oft auf der Leinwand gesehen hat, über den Weg läuft, fühlt man unwillkürlich das Verlangen, ihn vertraut zu grüßen. Leider kann ich dann den Flug trotzdem nicht neben Owen, der morgen Abend den Eröffnungsfilm präsentieren wird, in der Business Class verbringen, sondern sitze weiter hinten. Dafür entschädigt mich angemessen eine ziemlich hübsche, ziemlich langbeinige Sitznachbarin, die – nicht gerade ein Model, aber deutlich besser aussehend als der Durchschnitt – zu ihrem Aussehen auch ein gesundes, in sich ruhendes Selbstbewusstsein zur Schau trägt, das einen sofort ahnen lässt: Die geht bestimmt auch zum Filmfestival in San Sebastián. Aber wer ist es? Rosario Dawson nicht, zumal die bestimmt nicht Economy fliegt, aber eine vage Ähnlichkeit besteht. Jedenfalls sieht sie aus wie eines dieser Girls aus einem Tarantino-Film: Sie trägt ein dunkelblaues Hemd, dazu olivfarbene Hotpants und mittelbraune Lederstiefel, ihre Nägel sind hellgrün lackiert, sie hat eine Sonnenbrille mit sehr großen Gläsern, eine weiße kunstleder-lackige Retro-Seventies-Tasche, ihr Teint ist mittelbraun, und da sie Spanisch spricht, könnte sie eine Latina sein. Kaum sitzt sie, wird der iPod angeschaltet. Die Iberia-Maschine nach San Sebastián hat dann fast eine Stunde Verspätung, steht dumm auf dem Rollfeld herum und deswegen kommen wir dann doch noch ins Gespräch. Es ist die Mexikanerin Stephanie Sigman, die offenbar auch gern im Flieger den Notsitz bucht, und hier den Film Miss Bala vorstellt, in dem sie die Hauptrolle spielt – wie gesagt: Das geht ja gut los!
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Es ist erst Donnerstag, das Festival wird Freitagabend offiziell eröffnet, aber ab morgens gibt es bereits Vorführungen. Und San Sebastián hat es verdient, dass man sich Zeit nimmt. Gerade noch rechtzeitig gibt’s kurz vor acht die Akkreditierung, das Mädel am Pressecounter spricht ein bisschen Deutsch und entschuldigt sich für ihre Aussprache – da kann ich nur lächeln, denn mein rudimentäres Spanisch wird kaum besser sein. Dann schnell ins Hotel, das hier auch seit Jahren dasselbe ist – die Wege sind bekannt, und ein bisschen fühle ich mich, als würde ich nach Hause kommen.
Ich bin mit Sara zum Essen verabredet. Sara Brito ist nicht nur eine gute Freundin, sondern auch Kollegin: Redakteurin bei der Madrider „El Publico„, der neuesten unter den spanischen Tageszeitungen, links und kollektiv, am ehesten der taz vergleichbar. Zuerst will sie alles Mögliche über Venedig und die Filme dort wissen, doch, ausgehend von der apokalyptischen Grundströmung vieler Filme dort, reden wir über unser eigenes Verhältnis zum Weltuntergang – im Kino und außerhalb. Dann teilt sie mir die auf den ersten Blick traurige Nachricht mit, dass sie in zwei Monaten ihren Job als Redakteurin hinschmeißen wird – für sie sind das eher good news, weil sie das eh seit langem wollte, und jetzt, angesichts der Kürzungen im Haus, noch eine Abfindung bekommt: „Ich bin vier Jahre Redakteurin… es nervt, jeden Tag Zeitung zu machen – so will ich nicht leben!“
Später reden wir noch über die politische Situation in Spanien, gegen die in Deutschland wirklich fast alles zum Besten steht, und über die spanischen Wutbürger, die in Madrid demonstrieren: „Sie wissen nicht, was sie wollen“, sagt Sara, „und sie verhalten sich widersprüchlich.“ Unmöglich, ihr mit Argumenten zu widersprechen, wenn sie sagt: „Vielleicht ist Gewalt manchmal richtig – eben dann wenn das System so derart gewalttätig ist, wie derzeit. Man kann dann nicht immer sagen: ‚Danke, dass wir demonstrieren dürfen. Danke, dass wir für wenig Geld noch arbeiten dürfen.'“ Wir sind uns einig, dass das Bewusstsein unserer Generation in einem traurigen Zustand ist: Ohne Hoffnung, ohne Anspruchsdenken, schwach, ideenlos, ohne Widerstandsgeist.
Auf meine Frage, ob sie glaubt, dass wir zu unseren Lebzeiten noch eine Revolution erleben, sagt Sara: „Ja. Es muss so kommen. So wie es jetzt ist, kann es nicht immer bleiben.

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Wir essen am Hafen in einem Fischrestaurant: Gegrillter Thunfisch, gebratene Sardinen, Tintenfisch in seiner Tinte, dazu gemischter Salat und eine Flasche Weißwein – im Gegensatz zu Venedig muss man sich in San Sebastián wirklich keine Angst um seine Ernährung machen. Aber dieses Essen wird in seiner Ruhe trotzdem die Ausnahme bleiben, weil man in San Sebastián vor allem Pinchos isst – von Bar zu Bar ziehend kleine Speisen auf kleinen Tellern, von derb bis fein.
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Im Radio im Bus am Morgen auf dem Weg zum ersten Film gibt es Festival nonstop. Francis McDormand erzählt von den schwierigen Aufgaben in einer Jury. Dann ist von „fanaticos al cine“ die Rede, die seit 26 Jahren immer wieder hierher kommen, von Kino-Aficionados.

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Ein schöner, alter, schon reichlich abgenutzter Lederkoffer am Strand, angeschwemmt, dahinter Wellen und schönes Wetter – das ist der diesjährige Festivaltrailer. Das gleiche Motiv ziert auch das Plakat. Aber was soll es uns sagen? Kino als Strandgut? Ein Festival als Wunderkoffer, schön, aber eben alt und reichlich abgenutzt, voller Schätze, von denen man aber nicht alle brauchen kann? In einer guten Woche werden wir vielleicht mehr verstehen.

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Eröffnet wurde das Festival am Abend mit Intruders von Juan Carlos Fresnadillo. Der ist kein völlig Unbekannter, vor ein paar Jahren drehte er das Postapokalypse-Sequel 28 Weeks Later. Sein neuer Film nun ist einer jener Horrorfilme, die die angenehme Eigenschaft haben, für alle Mysterien, Geister und Schrecken am Ende eine rationale Erklärung zu geben, die sich also im Rückblick fast als Psychothriller entpuppen. Dies ist zugleich ein zwar spanischer Film, aber eben einer, der mit Clive Owen, Carice Van Houten und Daniel Brühl sich doch aus der zweiten Reihe der europäischen A-Stars bedient und mit einem US-Verleih eine Art europäische Großproduktion darstellt. Die Story spielt lange Zeit zu gleichen Teilen in Spanien und England, erst gegen Ende verlagert sie sich ganz dorthin.

Grob gesagt geht es damit los, dass ein Kind eine Horror-Story erfindet und aufschreibt. Der Junge liest sie seiner alleinerziehenden Mutter vor und bald scheint er sich vom Erfundenen nicht mehr lösen zu können: Er wird von Albträumen gequält. Einmal wacht er nachts auf, geht bei Regen auf ein Bau-Gerüst und dann kommt ein gesichtsloses Monster und schleicht sich durchs offene Fenster in die Wohnung. Als der Junge ihm folgt, sieht er das Monster im Schlafzimmer der Mutter, in einer unklaren Situation: Wird sie vergewaltigt? Geschlagen? Offenbar sucht das Monster nach ihm. Und als es ihn dann bemerkt und erwischt, tötet es den Jungen fast. Doch die Mutter kann ihn retten – und er wacht auf. Alles nur ein Traum. Oder?
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Katzen wissen hier jedenfalls mehr als einmal früh Bescheid. Die Geschichte entwickelt sich weiter mit katholischen Untertönen: Die Mutter weiß keinen anderen Rat mehr, als einen Priester zu besuchen, der von Daniel Brühl gespielt wird, was für einen deutschen Beobachter dann schon ein bisschen trashy ist. Eine Weile glaubt man, es liefe auf einen Exorzismus hinaus, doch ein älterer Priester ist lebensklug: „They are both nuts, mother and son.“ Parallel zu alldem lernen wir in England eine Familie kennen, deren Tochter offenbar vom selben Monster, von „Hollowface“, gepeinigt wird. Immer geht es hin und her zwischen zwei Ebenen. Während man es in Spanien mit dem religiösen Ansatz versucht, soll es in England die Wissenschaft richten. Erst am Ende versteht man: Der Vater dieser Familie – Clive Owen – ist der kleine Junge der Spanien-Story, das Monster ist eine unverarbeitete Erinnerung, nun kehrt das Verdrängte zurück. Intruders ist kein Schocker, auch kein Splatter, eher subtil, und etwas zu brav und zu bürgerlich, um einen noch allzu lange zu beschäftigen.

Immerhin ist auch dieser Film in vielen Szenen ein Beispiel dafür, wie Kino-Horror vor allem mit der Tonspur entsteht. Der Film arbeitet mit Stille, mit kaum hörbaren Bässen.
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Der Film handelt in seinem Kern davon, wie Eltern Furcht auf Kinder übertragen. „Overprotection ends up in terror.“ sagt der Regisseur auf der Pressekonferenz und bezeichnet mit Berufung auf Jodorowsky die „Familie als Kern der emotionalen Struktur … Furcht kommt immer aus der Familie.“ Man könnte es auch anders sagen: „Liebe Eltern, erzählt Euren Kindern keine falschen Geschichten und keine unvollständigen. Das führt zu nichts Gutem.“
Und dann überlegt man, warum so viele Filme aus Spanien von Horror handeln. Faschismus hatten wir Deutschen auch. Aber was sich bei uns in Pädagogik und Bilderverbot ausdrückt, wird in Spanien zum „Cine terror“.