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Kein „Buzz“ an der Croisette – Cannes-Blog, 9te Folge

von | 21 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

„Es gibt viele gute Filme, aber nichts, das mitreißt.“ – so lautet nicht nur das Urteil der Münchner Kolleginnen Antje Harries und Margret Köhler, auch Kritiker aus anderen Ländern sehen es ähnlich. Dies ist ein schwaches Cannes-Jahr.

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Wird Cannes mainstreamig? Wird Cannes mehr Berlinale? Diese Fragen stellen sich, denn die Bilanz des diesjährigen Programms fällt jetzt, zu Beginn des letzten Festivaldrittels, doch überaus gemischt aus. Es ist ein sehr ausgeglichener Wettbewerb auf grundsätzlich hohem Niveau, höherem immer noch als in Venedig oder auf der Berlinale, dem allerdings die ganz besonderen, fesselnden, erschütternden, oder irritierenden Werke bislang fehlen. Oder der Exzeß, der auch essentiell zum Kino gehört.

Kein Film bislang hat das Potential die Landkarte des Weltkinos oder der filmischen Erzählformen neu zu definieren.

Es fehlen bislang vor allem die echten Überraschungen, diejenigen Filme die alle Vorab-Erwartungen sprengen, oder die sogar gänzlich unerwartet sind. Die einen Filmemacher, dessen Name bislang allenfalls Insidern bekannt war, in den Olymp des Weltkinos katapultieren.

Das passiert in Cannes gar nicht so selten. Aber auch in den Nebenreihen gab es nichts, was die Beobachter bislang völlig aus der Fassung brachte. Es fehlt das Vibrieren, das Raunen des Festivals über bestimmte Filmtitel, die man „gesehen haben musste“.

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Zwar ist noch knapp vier Tage dazu Zeit, erst am Sonntagabend wird an der Croisette der Sieger gekrönt. Noch sind nicht alle Favoriten gelaufen, denn sowohl der Franzose Jacques Audiard, wie der Mexikaner Michel Franco werden in den allgemeinen Erwartungen recht hoch gehandelt. Doch schon jetzt scheint klar: Als ein ganz großer Filmjahrgang wird Cannes 2015 nicht in die Filmgeschichte eingehen.

Dieses Jahr kann den Vergleich mit 2014 nicht aushalten: Es gibt keinen WINTER SLEEP, kein STILL THE WATER, kein LEVIATHAN, keinen Godard.

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„Film ist wie Wein, man weiß nie, was herauskommt“, meint Chinlin Hsieh, eine aus Taiwan stammende Französin, die ich seit letztem Jahr kenne. Auch sie hatte, wie ich, ihren ersten eigenen Film gemacht, FLOWERS OF TAIPEH, über die Geschichte des taiwanesischen Kinos und der „New Taiwanese Wave“. Auch der lief, wie mein VON CALIGARI ZU HITLER auf dem Festival in Venedig in den „Venice Classics“. Chinlin arbeitet als Programmerin für das Filmfestival Rotterdam, und auch sie findet: „It is not a great year. There are good films, but nothing special.“ Sie mag Weerasethakul lieber als ich, und findet dafür sowohl Kore-eda wie Kawase zu sentimental. Wir sind uns dann wieder einig, dass die Semaine wieder einmal richtig schlecht ist in diesem Jahr.

Interessant sind ihre Informationen zu der merkwürdigen Abwesenheit von Phillippe Garrel und Arnaud Desplechin im Wettbewerb. Beide laufen im Gegensatz zu anderen „üblichen Verdächtigen“ ja auch nicht in „Un Certain Regard“, sondern in der schwachen Gegensektion „Quinzaine“. Sie meint, beide hätten offenbar dem Festival für „Un Certain Regard“ abgesagt, im Gegensatz zu anderen. Der Grund, warum sie nicht im Wettbewerb laufen, im Gegensatz zu schwächeren Regisseurinnen: Desplechin werde zwar „geliebt von den Franzosen, but he is not appreciated enough by the international audience.“

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„Film ist wie Wein, man weiß nie, was herauskommt“ – so kann man es natürlich auch sehen, und dann muss man die Qualität hinnehmen, wie am Morgen das Wetter.

Vielleicht lohnt sich aber das Nachdenken über die Ursachen. Denn neben der Qualität des Angebots, des Kinojahrgangs, könnte es durchaus auch hausgemachte Gründe für den sanften Qualitätsverfall geben.

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In den letzten zwei, drei Jahren hat sich das Programm jedenfalls spürbar verändert. Die Semaine ist unter ihrem neuen, nur bei den Franzosen beliebten Chef Charles Tesson quasi unsichtbar geworden, die Quinzaine, die bis etwa 2010 eine großartige Alternative zur offiziellen Selektion war, wurde in ganz wenigen Jahren fast völlig irrelevant.

Aber was ist im Wettbewerb passiert? Einst liefen hier Filme wie BROWN BUNNY oder MICHAEL. Egal, was man von ihnen im Einzelnen halten mag: Sie würden heute wohl eher in der Sektion „Un Certain Regard“ zu sehen sein.

Zugleich gibt es Filme, die in den letzten Jahren in den Nebensektionen liefen, die unbedingt in den Wettbewerb gemusst hätten: TURIST, JAUCHA, DOGTOOTH, WHITE DOG.

Und auch wenn Festivals bei Ablehungen immer Fehler machen, ist unerklärlich, warum man Roy Anderssons Venedig-Sieger ablehnte.

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Auch Christian Petzolds PHOENIX war im Vorjahr in Cannes abgelehnt worden. Offiziell gibt es für so etwas zwar keine Begründung, aber aus dem Umkreis des Festivalchefs war sehr wohl zu erfahren, warum. Man mochte den Film, fand aber, dass PHOENIX nicht besser, vielleicht sogar schlechter sei, als BARBARA. Ich glaube zwar, dass es seinen Grund hat, dass PHOENIX auch in Venedig nicht genommen wurde. Aber dieser Vergleich mit BARBARA ist ein unzureichender Ablehungsgrund. Wenn hier jeder Film eines Regisseurs besser sein muss, als jeder zuvor, dann dürfte hier mindestens die Hälfte des Wettbewerbs nicht laufen.

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Eine Ursache für all das könnte sein: Gilles Jacob, der jetzt zurückgetretene Festivaldirektor war ein gutes Korrektiv zum künstlerischen Leiter Thierry Fremaux, der als popkulturorientierter, amerikafreundlich und vor allem als mainstreamig gilt. Das ist jetzt weggefallen.

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Engin Ertan aus Istanbul hat eine zusätzliche Wettbewerbs-Theorie, die ich zwar bizarr finde, aber nicht für völlig unvorstellbar halte: Fremaux programmiere immer mindestens einen Film, der bei den Kritikern vollkommen durchfalle, und gerade dadurch für Schlagzeilen sorge. „Buhs in Cannes“. So zuletzt geschehen mit Gus Van Sant, zuvor mit Atom Egoyan und davor Nicholas Winding Refn.

Foto: © SpotFilms

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